FeedHarn-Mängel der Pferde
Sport & SpielRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Harn-Mängel der Pferde, Sind vornemlich dreyerley: Die Harn-Winde, der lautere Stall, und das Blut-Stallen. Bey der Harn-Winde werden wieder dreyerley Unterschiede gefunden, als nemlich die Strangurie, Dysurie und Ischurie. Die Strangurie oder die kalte Seiche ist, wenn ein Pferd den Harn Tropffenweise, mit einer Nöthigung von sich lässet, welches man denn auch insonderheit die Harn-Winde nennet. Welche vors erste meistentheils von scharffen Flüssen, oder von Gebrechen der Nieren und Leber herkommt. Zum andern, wenn ein Pferd sehr erhitzt, und man es jähling aus kaltem Brunnen-Wasser trincken lässet, als davon sie nicht alleine die Harn-Winde bekommen, sondern sich auch offtmahls gar rähe sauffen. Die dritte Ursach ist, wenn die Kräffte der Blasen, durch die Verhaltung des Harns dermassen geschwächt, daß sie nicht vermögen, den Harn fortzutreiben, dadurch denn die Blasen gantz und gar verschwillt, und allzu sehr ausgedehnet wird. Viertens, wenn sich die Phlegmatische Feuchtigkeit samt dem Geblüte in die Blase setzen, und wie der Stein, vor dem Ausgang liegen und verstopffen. Aeusserlich wird dieses Uibel meistentheils verursachet, wenn ein Pferd zu sehr überritten wird, und zum Stallen nicht kommen kan. Die Dysurie oder Harn-Strenge ist, wenn ein Pferd beschwerlich und mit Noth und darzu gar wenig, iedoch ohne Absatz, und nicht wie bey der Strangurie, Tropffenweife, stallet. Die Ursache solches Gebrechens sind die schwachen Kräffte der Blasen, wenn dieselbe sehr erkaltet, folglich von kalten dicken Flüssen verstopffet wird. Man kan es aus dem Stallen eines Pferdes sehen, wenn der Harn dünn und weiß ist; und wenn er dick und weiß, so ists die inwendige kalte Feuchtigkeit, die den Durchgang hindert; und in solchen Fällen muß man wärmende und öffnende Artzneyen brauchen, oder aber das Pferd in einer warmen Stube, oder bey einem Feuer auch äusserlich erwärmen. Die

Ischurie oder Harn-Verstopffung ist, wenn ein Pferd gar nicht stallen kan, davon es sehr geschwillt, und in Lebens-Gefahr geräth. Es entstehet dieses Uibel entweder von Aufblähung der Därmer und böser Dauung des Magens; oder wenn die Pferde bisweilen etwas schädliches und gifftiges genossen haben; oder wenn man ein Pferd im Reiten übereilet, und nicht stallen lässet, wenn es gerne stallen wolte; oder wenn ein Pferd, nach grosser Hitze, zu bald erkaltet, oder an einen kalten Ort gestellet wird; bisweilen wird es auch von den Spul-Würmern verursacht. Wider die erste Art der Harn-Winde, nemlich die Strangurie, soll man ein Loth Lorbeern in ein Nössel gut alt Gersten-Bier werffen, solches ein wenig warm machen, und dem Pferd in den Hals giessen. Oder Lorbeern u. Jngwer pulverisiret dem Pferd in Wein gegeben. Man soll auch ein damit behafftetes Roß von der spitzigen Kletten-Wurtzel trincken lassen. Die andere Art, nemlich die so genante Dysuria oder Harn-Strenge, wird curirt, wenn man gestossene Krebs-Augen auf einen Schnitten Brot streuet, und es dem Roß zu fressen giebet. Oder ein oder 2 Muscaten-Nüsse pulverisirt, und dem Pferde in süssem Wein eingegossen: Oder zu Pulver gestossene Karpffen-Steine mit Knoblauch-Safft und gutem weissen Wein vermenget, dem Pferd in den Hals gegossen; wo aber dieses nicht gleich helffen solte, so darff man nur Peterfilien-Wurtzeln schälen, mit Wein und Wasser absieden, und es ihme also eingiessen. Sonsten brauchet man auch ingemein vor die Harn-Winde folgendes: Nehmet Zunder-Stein oder Schlacken aus der Schmiede, leget die ins Feuer, daß sie glüend werden, thut sie in eine Pfanne, und haltet sie dem Roß unter den Schlauch, darauf süsse Milch gegossen, und den Dampff davon etliche mahl darzu gehen lassen. Wenn aber ein Pferd die Ischurie oder Harn-Verstopffung hat, daß es gar nicht stallen kan, so nehmet die obern Gipffel von Eiter-Nesseln, Benedicten-Wurtzel, mit ein wenig Saltz, und gebet solches dem Pferd ein. Oder man siedet auch nur Haber in Wein, und lässet den dritten Theil einkochen, und giesset es dem Rosse warm ein. Oder: Nehmet wohlgeriebenen Saffran, und ein wenig Eßig mit etwas Eisen-Rost, und giesset es dem Pferd in den Hals; es wird in einer Viertel-Stunde stallen. Oder: Nehmet ohngefehr eine halbe Eyer-Schaale voll von Bilsen-Saamen und Rus von einem Kessel, reibets fein klein unter einander, und giesset es dem Roß mit Milch laulicht ein, führet es denn in einen Stall, und lasset es gehen. Ein guter Einguß, wenn ein Pferd nicht stallen kan, ist auch folgender: Nehmet gestossene Lorbeer, gestossene Krebs-Augen, weissen Weyrauch, oder Teuffels-Dreck und Fenchel-Saamen wohl gerieben, Campher, Petersilien-Wurtz samt dem Kraut, und dieses zusammen in Eßig und Wein gesotten, und dem Pferd eingegossen, gebet ihme darauf Erdbeer-Kraut und Mangolt zu essen; schiebet ihme auch Seiffen mit Baum-Oel in den Hintern, und schmieret ihme das Geschröte mit altem Schmeer, Saltz und Seiffen wohl. Oder man nimmt frischen langen Pfeffer, und machet den in ein Wachs-Licht zum Dacht, zündet das Licht an, daß der Pfeffer mit dem Lichte brennet, und lässet den Rauch von dem Pfeffer dem Pferde in den Schlauch oder in den Ziemer gehen; ist es ein böses Pferd, so stecket man das Licht an einen Stab. Oder man nimmt Karpffen-Steine, Härings-Seelen, Härings-Milch, zu Pulver gemacht, thut es in ein wenig Saltz-Wasser, und giebt es dem Roß in den Hals; und denn nimmt man auch gepülverte Härings-Milch, und bläset sie dem Roß in den Schlauch, so wirds von Stund an stallen. Oder man führe ein solches Pferd nur in einen Schaf-Stall, und stelle es über warmen Schaf-Mist, so daß ihme der Dunst davon in das Gemächte gehet, so wird es auch bald stallen.

Der lautere Stall, ist anders nichts, als wenn das Pferd das Wasser, eben so, wie es solches getruncken, wieder lauter harnet, welches von Schwächung der innerlichen Glieder herkommet, die den Tranck nicht lange halten können, bis es recht verdauet wird, und eine andere Farbe an sich nimmt, als welches ein gewisses Anzeigen einer bösen Dauung ist. Dafür nehmet Heu-Blumen, siedet sie mit Wasser, bis sie weich werden, und bindets dem Roß mit einem Bett-Tuch unten an den Bauch, so warm als man es an der Hand erleiden mag, (doch daß es nicht über den Schlauch gebunden werde) und gebet ihm sodenn in seinem Tranck Bibinellen-Wasser zu trincken, und Eichen-Laub zu fressen: Oder machet Erlen-Laub, und Rinden von einer jungen Eichen zu Pulver, gebets dem Pferd unter dem Futter zu fressen und im Wasser zu trincken; Oder giesset ihme den Safft vom Kraut Hüner-Darm ein, so vergehet es ihme auch. Oder nehmet ein Stücke glüenden Stahl, löschet ihn in des Pferdes Trincken ab, und thut eine gute Hand voll bis zwey Roggen-Mehl darein, lasset das Pferd drey Tage trincken, und alsobald gemach darauf reiten, daß es nicht stalle, bis es die Noth dringet. Oder mischet klein gestossenes Eisen-Kraut und Jngber mit Eßig unter einander, und giesset es dem Pferde ein. Oder nehmet weissen Campffer einer welschen Nuß groß, Bein-Brech zwey Loth, stosset es zusammen klein, und lasset das Pferd darüber sauffen. Einige lassen Wacholderbeer, Kletten-Wurtzeln, Pappeln und Knoblauch mit einander in Wein sieden, giessen es dem Pferde laulicht ein: oder vermengen Stärcke, damit man die Wäsche stärcket, mit Wasser, und lassen es das Pferd etliche mal trincken.

Das Blut-stallen ist ein Zeichen einer hitzigen und schwärenden Blasen. Diesem gefährlichen Uibel abzuhelffen, nehmet vier Ziegel-Steine, die zuvor noch nie gebraucht worden, sondern erst vom Brenn-Ofen kommen, leget sie in ein Feuer oder Glut, und lasset sie wohl heiß werden, bis daß sie glüen, darnach schafft die Streu aus dem Stand, und leget ihme die heissen Ziegel-Steine unter den Bauch oder Schlauch, daß das Pferd darauf stallen kan, und ihme der Rauch oder Dampff in den Leib gehen möge, das thut alle Tage drey oder viermal, es hilfft. Oder brennet rohe Gersten zu Pulver, und gebt sie drey Tage dem Rosse zu fressen, so vergehts. Ein bewährtes Mittel ist auch, wenn man eine Schüssel voll Hüner-Mist stösset, und wenn solches geschehen, ihn ins Wasser drücket, und dem Roß zu trincken giebet. Oder man nehme Lieb-Stöckel und Rauten, und drücke den Safft daraus, thue daran Wein und Eßig, und gebe es dem Pferde fünff oder sechs Tage lang, und zwar alle Tage gegen den Mittag; man lasse ihm auch die Spann-Adern auf beyden Seiten, und das thue man ohngefehr zwey oder dreymahl aufs meiste, so wird das krancke Pferd wieder gesund.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1004–1010Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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