FeedGelenkentzündung
HeilkundeBrockhaus 1882

Gelenkentzündung (Arthritis, Arthrophlogosis), die Entzündung der Gelenke und ihrer nächsten Umgebung, bietet hinsichtlich ihrer anatom. Eigentümlichkeiten, ihrer Intensität, ihres klinischen Verlaufs und ihrer Ausgänge die allergrößten Verschiedenheiten dar, je nachdem nur die Gelenkschleimhaut oder die Knochen und Knorpel, oder die Gelenkbänder, oder alle diese Teile zusammengenommen von der Entzündung ergriffen wurden. Man pflegt deshalb gewöhnlich folgende Formen der G. zu unterscheiden: 1) Die akute einfache oder seröse Gelenkentzündung (Arthromeningitis oder Synovitis acuta serosa), deren Sitz vorwiegend die Synovial- oder Gelenkschleimhaut ist und welche mit einer gewissen Vorliebe die großen Gelenke, namentlich das Knie⸗, Hüft⸗, , Fuß⸗ und Ellbogengelenk befällt. Ihre Ursachen sind außerordentlich mannigfaltig. Zunächst sind es verschiedenartige örtlich einwirkende emechan. Schädlichkeiten, namentlich Quetschungen, Verstauchungen, Verrenkungen, Wunden und andere Verletzungen der Gelenke, welche mehr oder 6minder schwere G. zur Folge haben. Weiterhin „geben Erkältungen, insbesondere Durchnässungen „und die Einwirkung von kalter Zugluft nach vornhergegangener Erhitzung eine häufige Ursache der akuten G. ab, und pflegt man diese Form der G. Sae als rheumatische zu unterscheiden. S. Gelenkrheumatismus.) Auch manche onstitutionskrankheiten, wie Gicht, Skrofulose und Syphilis, geben in ihrem Verlaufe häufig Veranlassung zu mehr oder minder intensiven Entzundungen der Synovialschleimhaut. Ebenso kann der Tripper unter Umständen eine eigenartige G. zur Folge haben. (S. Trippergicht.) Die Krankheit beginnt in der Regel mit Rötung und Schwellung der Gelenkschleimhaut, wozu sich sehr bald Schmerzen bei Bewegungen des Gelenks, ein mehr oder minder reichlicher Erguß von wässeriger feröser Flüssigkeit in die Gelenkhöhle und eine bald größere, bald geringere Anschwellung der ganzen Gelenkgegend gesellen; wird der Erguß bedeutend, so entsteht hierdurch das eigentümliche Gefühl der Schwappung oder Fluktuation im Gelenk. Fieber kann vorhanden sein, kann aber auch fehlen. Wenn der Flüssigkeitserguß in die Gelenkhöhle nur gering ist, so nts. und hört man häufig bei Bewegung des Gelenks oder bei Druck auf dasselbe ein deutliches Knarren oder Knirschen, welches durch die gegenseitige Reibung der rauhen Gelenkflächen zu Stande kommt. Die Ausgänge dieser akuten serösen Entzündung sind sehr verschieden; entweder tritt vollständige Heilung ein, indem die ergossene lüssigkeit wieder gänzlich resorbiert wird, oder die rankheit geht in die 4½ Gelenkwassersucht (. d.) über, oder sie n rt zu tiefer greifenden Zerstörungen der Gelenkknorpel, zur Verwachsung der Gelenkflächen und damit zu dauernder Gelenksteifigkeit (Ankylose), oder endlich sie geht in akute eiterige G. Über und kann wie diese durch fortgesetzte Eiter⸗ und Säfteverluste das Leben gefährden. 2) Die akute eiterige Gelenkentzündung (Arthromeningitis acuta purulenta), auch wohl als Gelenkempyem oder als Gelenkeiterung (Arthropyosis, Pyarthros) bezeichnet, entwickelt sich entweder durch Vernachlässigung und andere ungünstige Umstände aus der vorigen oder tritt gleich von Anbeginn an als eiterige Entzündung im Verlaufe schwerer Infektionskrankheiten, namentlich der Pyämie, des Kindbettfiebers, der Pocken,‚ Masern, des Scharlachs und des Typhus, auf; auch kann jede Gelenkwunde (s. d.), wenn der atmosphärischen Luft mit ihren Fäulniserregern der Zutritt zur Gelenkhöhle offen steht, schwere, selbst lebensgefährliche Gelenkeiterungen zur Folge haben. Die Symptome sind ungleich bedrohlicher als bei der Feber, Form. Unter mehr oder weniger hohem ieber, selbst Schüttelfrösten, wird das Gelenk außerordentlich schmerzhaft, sodaß der Kranke bei der geringsten Bewegung laut aufschreit, die Haut über dem Gelenk ist gerötet, teigig angeschwollen und hinterläßt bei Fingerdruck eine seichte Grube: im weitern Verlauf tritt entsprechend der meist reichlichen Eiteransammlung in der Gelenkhöhle eine auffallende Anschwellung der ganzen Gelenkgegend hinzu, und frühzeitig pflegen sich gewisse eigentümliche fehlerhafte Stellungen der Gelenke auszubilden. Gewöhnlich hält der Kranke das entzündete Gelenk ängstlich in einer cer Mittellage, d. h. in halber Beugung, bei welcher die um das Gelenk herumliegenden Bänder und Muskeln sich im Gleichgewicht befinden und so die Spannung und somit auch der Schmerz am geringsten ist, und jeder Versuch, diese — zu verändern, ruft die heftigsten Schmerzen und krampfhafte Muskelkontraktionen hervor. So können Fieber, Schmerzen und Schlaflosigkeit wochenlang andauern und die Kräfte des Kranken auf das äußerste erschöpfen. Bei guter Konstitution und günstigen Verhältnissen tritt schließlich doch noch Genesung ein, indem der in der Gelenkhöhle angesammelte Eiter allmählich resorbiert und die vorhandene Gelenksteifigkeit nach und nach wieder beseitigt wird. Bei ungünstigem Verlauf dagegen kann der Eiter die Gelenkkapfel und die umgebenden Weichteile durchbohren, sich einen Weg nach außen bahnen (sog. Gelenkabseeß) und langwierige erschöpfende Säfteverluste zur Folge haben oder ausgedehnte Zerstörungen der knöchernen Gelenkteile verursachen und durch eintretende Eitervergiftung des Blutes das Leben des Kranken auf das höchste bedrohen. Solchen übeln Ausgängen der eiterigen G. läßt sich häufig nur durch rechtzeitige Vornahme chirurgischer Eingriffe, insbesondere der operativen Entfernung der erkrankten Gelenkenden, vorbeugen. (S. unter Resektion.) 3) Die chronische seröse Gelenkentzündung (Arthromeningitis s. Synovitis chronica serosa), welche entweder nur reichliche, meist elendlose Wasseransammlung im Gelenk (ss. Gelenkwassersucht) oder außer dieser auch noch entzündliche Wucherungen und Schrumpfungen der Gelenkkapsel und der übrigen Gelenkbänder zur Folge hat. (S. Gelenkrheumatismus.) 4) Die chronische deformierende Gelenkentzündung (Arthritis chronica deformans s. Malum articulorum senile), eine außerordentlich schleichend und langwierig verlaufende Gelenkkrankheit, welche namentlich dem höhern Lebensalter eigen ist und schließlich sehr auffallende Formveränderungen und Verunstaltungen, sowie sehr belenke zur Folge hat. Die ö 3. . beginnt in der Regel damit, daß der Knorpelüberzug der Gelenke erweicht, zerfasert wird und endlich vollständig zu Grunde geht, sodaß die Gelenkflächen rauh und uneben werden und nicht Ru gehörig aufeinander passen. Im weitern Verlaufe findet sodann gewöhnlich vom Rande der Gelenkflächen her eine krankhafte Wucherung und Neubildung von höckerien oder stalattitenförmigen Knochenauswüchsen tatt, durch welche die Gelenkenden unförmlich verdickt, schwer beweglich und gänzlich verunstaltet werden, und da weiterhin auch die Gelenkkapsel stellenweise verdickt und verknöchert und auf ihrer Innenseite mit zahllosen zottenförmigen Wucherungen besetzt ist, so wird schließlich das ganze Gelenk vollkommen 9 und unbrauchbar. Sehr häufig ist das Hüftgelenk der Sitz dieser deformierenden Entzündung, in welchem Falle sie als Hüftleiden der Greise Malum coxae senile) bezeichnet wird, doch werden oft Wole d auch die Schulter, die Kniee, der Ellbogen, sowie die Finger- und Zehengelenke von ihr befallen. Zu den ersten Symptomen dieses Gelenkleidens gehören ein dumpfer, nicht eben heftiger Schmerz und eine gewisse Kraftlosigkeit und Jallmählich zunehmende Steifigkeit des erkrankten Gelenks, wozu sich bald bei Bewegungen infolge der Unebenheit der Gelenkflächen ein deutliches Knarren und Knacken im Gelenk gesellt. Am frühen Morgen sowie nach längerer Ruhe sind die Steifigkeit und die Schmerzen am schlimmsten; ist das Gelenk einmal im Gang, so pflegen beide allmählich nachzulassen. Wenn die Krantheit an der Hüfte entwickelt ist, so tritt bald leichtes Hinken ein, welches nach und nach zunimmt, weil der Schenkelknochen infolge der allmählichen Abschleifung des Schenkelkopfes und der Gelenkpfanne nach und nach kürzer wird, bis endlich das Gehen ganz unmöglich ist. Der Verlauf der deformierenden G. ist immer ein sehr langwieriger und schleichender und erstreckt sich gewöhnlich über mehrere Jahrzehnte; eine wirkliche Heilung tritt niemals ein, höchstens wird im günstigsten Fall ein Stationärbleiben der Krankheit beobachtet, sodaß sie von einem gewissen Stadium an keine weitern Fortschritte macht. Über ihre Ursachen ist wenig Sicheres bekannt; sie kommt viel häufiger bei Männern als bei Frauen vor und kann in der Mehrzahl der Fälle als eine Teilerscheinung des eintretenden Altersmarasmus betrachtet werden. Bisweilen werden Erkältungen als Ursache von den Kranken angeschuldigt; mitunter sieht man auch das Leiden nach übermäßigen Anstrengungen oder im Anschluß an eine erlittene Quetschung oder sonstige Verletzung des Gelenks sich entwickeln. 5) Dieschronische fungöse Gelenkentzündun g(Arthritis chronica fungosa s. Arthrocace), eine bösartige Gelenkkrankheit, bei welcher sich die Innenfläche der Gelenkschleimhaut mit schwammigen, allmählich das ganze Gelenk zerstörenden Granulationen überzieht und welche deshalb auch als Gliedschwamm (s. d.) bezeichnet wird. Hinsichtlich der Behandlung einer jeden G. ist als oberster Grundsatz festzuhalten, daß das erkrankte Gelenk vor allen Dingen absoluter Ruhe und Schonung bedarf. Bei jeder heftigern G. gehört der Kranke deshalb durchaus von Anbeginn an in das Bett und das erkrankte Glied muß vollkommen unbeweglich in horizontaler, möglichst gestreckter Lage gehalten werden; die letztere muß durch eine geeignete Unterstützung der entzündeten Extremitätvermittelst kleiner Polster, Kissen, Spreusäckchen u. dgl., unter Umständen selbst durch einen angelegten Papp⸗, Gips⸗ oder andern immobilisierenden Verband gesichert werden. Bei manchen Formen der G. erweist sich auch die sog. permanente Erxtension, bei welcher vermittelst geeigneter Verbandvorrichtungen und angebrachter Gewichte ein leichmäßig andauernder Zug auf die erkrankten Geenkflächen ausgeübt wird, von vorzüglicher Wirkung. Sind die Entzündungserscheinungen sehr heftig, so ist die energische und andauernde Anwendung der Kälte in der Form von Eisbeuteln ganz unerläßlich; in leichtern Fällen hingegen kann man sich oft auf die Anwendung von kräftigern Hautreizen (Blasenpflaster, Jodeinpinselungen u. dgl.) und von Watteumhüllungen beschränken. Bei sehr heftigen Schmerzen sind mitunter Morphiumeinspritzungen, sowie Einreibungen mit Chloroform, Claylchlorür und andern schmerzlindernden Mitteln nicht zu entbehren. Wenn die entzündlichen Symptome sich gemindert haben, so kann man den Versuch machen, durch eine gleichmäßige Kompression des Gelenks vermittelst elastischer Binden die ufsaugung der ausgeschwitzten Flüssigkeit zu beschleunigen. Bei der eiterigen G. sind unter Umständen gewisse Hie Rez che Eingriffe (tiefe Einschnitte, Punktionen, die Resektion der erkrankten Gelenkenden u. a.), die aber stets unter den strengsten antiseptischen Verhaltungsmaßregeln auszuführen sind, durchaus erforderlich, um den oben geschilderten ungünstigen Ausgängen vorzubeugen. Gegen die nach intensivern G. zurückbleibende Gelenksteifigkei erweisen sich der Ma passive Bewegungen, sowie die Vornahme der Massage (s. d.), gegen den oft hochgradigen Muskelschwund die Anwendung der Clektricität nützlich. Haben sich im Verlaufe einer länger währenden G. abnorme Winkelstellungen, oder gar Verwachsungen der Gelenkenden gebildet, so muß zunächst in der Chloroformnarkose die gewaltsame Beugung oder Streckung (risement forcé) des Gelenis vorgenommen und sodann durch analx Ben gesteigerte passive Bewegungen die normale Beweglichkeit des Gelenks wieder angestrebt werden. Freilich ist bei diesen Bewegungsversuchen die größte Vorsicht geboten, damit nicht durch zu frühzeitige Vornahme derselben der entzündliche Prozeß von neuem wieder angefacht werde. Viel weniger günstig sind die Heilerfolge bei der deformierenden Gelenkentzündung, bei welcher im allergünstigsten Falle nur ein Stillstand, niemals eine wirkliche Heilung der Krankheit erzielt werden kann. Derartige Kranke müssen sich vor anhaltendem Stehen und allen übermäßigen Anstrengungen, ebenso aber auch vor absoluter Ruhe und Schonung hüten, denn je weniger ein deformiertes Gelenk geübt wird, um so schwieriger und schmerzhafter werden seine Bewegungen; ein mäßiger Gebrauch und eine schonende übung der Glieder in Verbindung mit zeitweiligen passiven und massierenden Bewegungen sind bei diesem Gelenkleiden am dienlichsten. Während der Nacht sind die kranken Glieder warm einzuhüllen; auch ist der öftere Gebrauch warmer, nicht zu heißer Bäder, und zwar ebenso wohl der sog. indifferenten Thermen (Wildbad, Gastein, Wiesbaden), wie einfacher warmer Wasser-oder Solbäder anzuempfehlen. Über die Behandlung der fungösen Gelenkentzündung s. Gliedschwamm.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 716Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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