Feedvon Schurmann
GeschichteFrauenzimmer-Lexicon 1715

von Schurmann, Anna Maria. Eine Adeliche Jungfer A. 1607. den 5. Nov. in Cöllnischen Gebiethe gebohren, begab sich aber nach Utrecht, allwo sie sich beständig auffgehalten, und wo man ihr eine eigene Stelle im öffentlichen Auditorio, worinnen sie vielmahl bey angestellten Disputationibus opponiret, angewiesen hatte. Sie war aus vornehmen Geschlechte, und eine rechte Zierde des weiblichen Geschlechts, daher sie aller Augen auf sich zog, und von den allergelehrtesten Männern auf eine gantz ausserordentliche Art bewundert und verehret ward. Die Schwedische Königin Christina und Ludovica Maria Gonzaga, des Polnischen Königs Vladislai IV. Gemahlin haben ihr selbst die Visite gegeben und ihre ungemeinen Wissenschafften hoch bewundert; und dieses nicht unbillich, massen sie nicht nur vierzehn Sprachen als: Ebräisch, Chaldäisch, Syrisch, Arabisch, Türckisch, Griechisch, Lateinisch, Frantzöisch, Engelländisch, Italiänisch, Spanisch, Deutsch, Niederländisch und Batavisch vollkommen zu schreiben und zu reden wuste, sondern auch in Theologischer, Philosophischer, Historischer, Mathematischer und anderer Wissenschafft sich sehr hervor thate, auch darbey eine vortreffliche Poetin abgab, so einen schönen Hebräischen, netten Griechischen, galanten Lateinischen und artigen Frantzöischen Vers zu schreiben wuste. Uber dieses excellirte sie in der Music, Mahlerey und Rechen-Kunst, konte in Kupffer und Glaß graben, Bilder von Holtz, Ertz und Wachs verfertigen, und sonderlich in Mignatur mahlen, gestalt sie die Schwedische Königin Christinam, als sie ihr damahls eine hohe Visite gab, unter dem eyfrigsten Discurs gantz naturell und künstlich abgemahlet. Unter andern dergleichen von ihr verfertigten Kunst-Stücken wird das Portrait ihrer Mutter, ihres Bruders, und ihr eigenes, so sie mit einem gemeinen Messer von Buxbaum-Holtz geschnitzet, sehr hoch gerühmet, worvon der berühmte Künstler Honthorst des Bruders Bild allein auf 1000. Gülden werth geschätzet: Noch höher aber wurde ihr eigenes Bild gehalten, so sie mit Hülffe des Spiegels aus Wachs verfertiget und sich selbst zwey Lateinische Disticha darunter gesetzet, welches aber von ungefehr aus Unvorsichtigkeit einer von ihren Anverwandtinnen auff die Erde verschüttet ward. Die allerberühmtesten und gelehrtesten Männer so wohl anderer, als auch ihrer Zeit als: Salmasius, Bartholinus, Vossius, Gassendus, Esbergius, Clementinus, Gabriel Naudæus, Jacobus Crucius, Jacobus Martinus, Barlæus, Drechslerus und andere mehr, wissen nicht Nahmen genug zu erfinden, wodurch sie diese gelehrte Pallas nach Würden erheben können; Doch wie nichts so vollkommen in der Welt ist, woran man nichts zu tadeln fände; So kan man doch auch dieser so vollkommen gelehrten und ausbündigen klugen Dame den Fehler nicht verschweigen, den sie durch die wunderliche Liebe zur Labadistischen Brüderschafft, worinnen sie ein standhafftiges Mitglied war, begangen. Denn es schlug sich selbige anfangs aus auffrichtigen Eyfer und in ihrer Pietæt zu erbauen, zu dem bekannten Johanne de Labadie, fiel aber nach und nach dadurch mit ihm in die Secte der neuen Separisten, so von ihrem Autore Labadismus heisset. Wovon ihr Buch so sie unter den Titul: Ευκληρίαν, oder die Erwehlung des besten Theils, geschrieben, deutlich zeiget. Sie starb endlich in Frießland A. 1678. im 72. Jahre ihres Alters unverheyrathet. Unter ihren Schrifften wird absonderlich gerühmet das Lateinische Carmen, so sie auf die A. 1636. gestifftete Academie zu Utrecht gemacht, ingleichen die Dissertatio Logica, von der Geschicklichkeit des weiblichen Geschlechts zum Studiren. Ihre Opuscula Hebræa, Græca, Latina, prosaica und metrica hat Spanhemius A. 1648. zu Utrecht in 8. heraus gegeben, welche aber A. 1650. wie auch Anno 1652. zu Leyden wiederum auffgeleget worden. Ludovicus à St. Claro hat ihr Elogium weitläufftig beschrieben, so A. 1646. in 8. gedruckt worden. Vid. Hoffmann. Lex. Univers. T. I. p. 124. Zieglers Historisches Labyrinth der Zeit. p. 1317. Sie soll willens gewesen seyn, ein groß Lexicon Philosophicum heraus zu geben, von dem man aber noch nichts zu sehen bekommen. Ihr Wahl-Spruch waren die Worte des H. Ignatii: Meine Liebe ist gecreutziget.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 1783–1786Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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