FeedCapell-Meister
Literatur & SpracheRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Capell-Meister, Jst an grosser Herren Höfen eine Person, welche die oberste Verordnung in musicalischen Sachen hat, und der Music-Gesellschafft des Hofes vorgesetzt ist, und sie regieren soll. Von einem solchen Manne wird erfodert, daß er der Lateinischen und zur Noth auch Griechischen Sprache in so weit mächtig sey, damit er die in solchen Sprachen von seiner Kunst geschriebenen Bücher lesen und verstehen könne: Jn der Frantzösischen und Jtalienischen Sprache aber soll er dergestalt bewandert seyn, daß er sie als ein Hofmann nicht nur perfect reden, sondern auch glücklich und geschickt übersetzen könne; er soll auch die Prosodie dieser Sprachen sich bekandt gemacht haben, weil sie, vornemlich aber die Welsche, in grosser Herren Gemächern und bey Schauspielen in der Music fast täglich vorkommen. Da die Music sein Metier ist, so würde es ihm übel anstehen, wenn er in den Geschichten der Music unerfahren wäre; gleichwie er überhaupt einen schlechten Helden in seiner Kunst vorstellen würde, wenn er die gelehrten Wissenschafften, Vernunfft-Lehre, Sitten-Lehre etc. nicht besässe. Jn der Dichtkunst und deren Grundsätzen soll er wohl bewandert seyn, und zulänglichen Unterricht von allen Vers-Arten haben, und dafern er ja auf den Nothfall nicht selbst ein gut Gedicht machen könte, dennoch einen solchen Poetischen Geschmack besitzen, daß er ein musicalisches Gedicht gründlich zu beurtheilen, klüglich zu wehlen, und dem in der Music unerfahrnen Dichter, der ihm den Text zu einem Sing-Gedichte verfertigen soll, zu recht zu weisen wisse. Nebst einem guten Naturell soll er Lust und Liebe zur Music, und unermüdete Arbeit und ämsigen Fleiß in seinen musicalischen Verrichtungen bezeigen, und sich sonderlich im Schreiben und Setzen beständig üben. Die Pflege der menschlichen Stimme soll er seiner Untergebenen halber fleißig untersuchen. Jn der Singe-Kunst soll er wohl erfahren, und entweder selbst ein guter Sänger seyn, oder da ihm die Stimme fehlet, doch wenigstens die Natur und das rechte Wesen des Singens aus dem Grunde verstehen, weil er ausser diesen keine verständliche, deutliche und nachdrückliche Melodie zu setzen vermag. Auf den Jnstrumenten oder Klinge-Zeugen, vornehmlich auf den gebräuchlichsten, soll er Schul-Recht machen können, oder dieselbe soferne in seiner Gewalt haben, daß er deren Stärcke und Schwäche vollkommen kenne; das Clavier, als das besondere Componisten-Werckzeug, soll ihm als sein Haupt-Jnstrument stets bey der Hand seyn. Weil der Music Endzweck nebst dem Lobe Gottes, die Bewegung der Gemüther der Zuhörer ist; so siehet ein ieder von selbsten, daß er ohne vollkommene Erkenntniß der verbesserten Lehre von den Temperamenten, und wie die Affecten rege zu machen und zu stillen seyn, wenig fruchtbarliches zu wege bringen werde. Er muß auch dahin bedacht seyn, die Gemüths-Beschaffenheit seiner Zuhörer, oder des vornehmsten Theiles derselben, zu erforschen etc.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 283–285Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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