Hypocritica, Geberden-Kunst, ist den Worten nach, da einer seine Gedancken unter anständiger Leibes-Stellung zu beurtheilen giebt. Sie ist ein abgeleiteter Zweig und Gesencke von der Rhythmic oder abgemessenen Bewegungs-Kunst, aus ihr entspringen drey andere, nemlich die rednerische Sprosse, welche die Leibes-Wendungen anweiset; die Histrionische, welche zu den Schauspielen gehöret, und weit stärckere Geberden erfodert, als jene; und die Tantzmäßige, welche von allerhand Schritten und Sprüngen handelt. Quinctilianus nennet sie die Chironomiam, das ist, die Wissenschafft der Hand-Geberden. Jn der Music zielet die Geberden-Kunst dahin, daß Geberden, Worte und Klang eine dreyfache Schnur machen sollen, des Zuhörers Gemüth zu bewegen. Die Singbühne in den Opern ist der eigentliche Sitz und die rechte hohe Schule für allerhand Geberden. Zur Tantz-Kunst ist die Hypocritic so unentbehrlich, als die Füsse selbst es sind. Ein Componist, der von Täntzen nicht zu urtheilen weiß, ob sie z. E. dem choraischen oder hyporchematischen Styl angehören, deren Unterschied mehr in den Stellungen, als in den Schritten, Wendungen oder Sprüngen, bestehet, wird dabey sehr zu kurtz kommen; denn er muß mit seinen Noten fast den ersten Anlaß entweder zu poßierlichen oder zu ernsthafften Geberden geben.