FeedPferd, Equus, Cheval
Sport & SpielRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Pferd, Equus, Cheval, Jst unter allen Last-Thieren das edelste, nutzbareste und allernothwendigste, welches sowol denen höchsten Standes-Personen, als geringsten Bauren, im Krieg und Frieden, zur Lust und Arbeit dienet. Seine Gestalt ist so bekannt, daß unnöthig etwas davon zu melden. Seiner Natur nach ist es entweder wild oder zahm. Die wilden werden in den Waldungen und Feldern jung, erwachsen unter dem freyen Himmel ohne Wartung, und weiden sich Sommers und Winters selbst, bis sie auf sonderbare Art gefangen, mit grosser Mühe gezähmet, und zu dem menschlichen Gebrauch nach und nach tüchtig gemachet werden: dergleichen man im Nord-Schottländischen Gebirge um Athol u. Bath, wie auch Ethiopien, Persien und andern weit entferneten Landen zu finden pfleget. Es giebt auch in der Unter-Pfaltz im Düsseldorffischen, ingleichen in den Ungarischen Gebirgen, in dem Oldenburgischen und anderswo wilde Gestüte, da die Pferde Tag und Nacht, Sommer und Winter in den Wäldern und Gebirgen bleiben, und ohne Aufsicht herum lauffen, und die Füllen, wenn sie drey oder vier Jahr alt, mit Behendigkeit und List gefangen, und durch Hunger und Durst mit saurer Mühe und Arbeit gebändiget und zahm gemacht werden müssen. Die also in der Wildniß aufgewachsene und gefangene Pferde werden Wildfänge genennet. Die zahmen sind, welche von den Leuten in Städten, auf dem Lande, oder in den Stutereyen mit sonderlichem Fleiß erzogen, und von Jugend auf zum menschlichen Gebrauch angewöhnet werden. Die

Farben der Pferde sind unterschiedlich: Man theilet sie ein in Haupt-Farben und Neben-Farben. Die Haupt-Farben, deren vier sind, werden mit den vier Elementen verglichen, die schwartze mit der Erde, die weisse oder Schimmel-Farb mit dem Wasser, die Fuchs-Farbe mit dem Feuer, und die braune mit der Lufft. Schwartze Pferde oder Rappen sind gemeiniglich von der Erde melancholischer Complexion, und daher zornig, träg, untreu, und werden leicht scheu und kollerig. Ein Rappe, dessen Augen schön hell und Castanien-braun, ist vielweniger scheu, als ein Rappe mit dunckeln und schwartzen Augen; hat aber ein solcher noch darzu einen braunen Ring um den Aug-Apffel, so mag man sich nicht nur auf ein scheues, sondern auch auf ein Pferd gefaßt machen, das sich seiner Augen nicht lang wird bedienen können. Die Spanier halten auf ein Kohl- oder Rabenschwartzes Pferd, so gantz kein weisses Zeichen hat, sehr viel, und daß darauf einem Reuter nichts widerwärtiges begegne. Die Frantzosen aber halten gerade das Widerspiel, und also mehr auf wohlgezeichnete schwartze Pferde. Die Jtaliener sagen: Caval morello, o tutto buono, o tutto fello: Ein schwartzes Pferd ist entweder ausbündig gut, oder gar nichts nütze. Unter den weissen Pferden oder Schimmeln, die man von dem Element des Wassers phlegmatischer Complexion hält, daher auch etliche diese Farbe gantz verwerffen, schätzet man die Schneeweissen für die raresten, sonderlich wenn sie roth-gefärbte Schweiffe und Mähnen, auch schwartze Augen und ein schwartzes Geschröte haben. Diese dienen vortrefflich, wo nicht zur Arbeit, doch zum Pracht. Die Apfel-grauen und Spiegel-Schimmel sind eine gute Art zum Reiten und Fahren, nur daß sie in einem Gespann nicht lang einerley bleiben, indem sie fast jährlich, so offt sie sich hären (wie auch fast alle andere Schimmel) ihre Farbe verändern, theils lichter, theils aber finsterer und dunckler werden, und also dem Zug ein schlechtes Ansehen geben. Unter den Hecht-grauen ist kein Unterschied, als daß immer einer lichter und dunckler, und an den Schenckeln schwärtzer ist, als der andere; sie haben gemeiniglich böse Augen, und werden sonderlich in Ungarn viel von dieser Farbe gefunden. Der Fliegen-Schimmel sind zweyerley, die einen mit rothen oder braunen, die andern aber mit schwartzen Tüpffelein besprenget, wovon die ersten vor die schönsten und die letztern insonderheit für besser, als die erstern gehalten werden. Diese Farbe erzeiget sich nicht bald in der Jugend, sondern nimmet erst mit dem Alter ie mehr und mehr zu. Unter den Schwartz-Schimmeln findet man offtmals gar gute Pferde, ob gleich die Farbe, welche bald lichter, bald dunckler gefunden wird, in keiner besondern Hochachtung stehet. Die Roth-Schimmel werden für ziemlich gute Pferde gehalten, wiewol sie gerne allerley Tücke an sich nehmen. Uiberhaupt aber sind die zwey oder auch drey-färbige Pferde eines guten temperirten Vermögens, Gemüthes und dauerhaffter Gesundheit. Unter denen braunen sind die Licht- und Gold-braunen die hurtigsten, sonderlich sind an diesen letztern schwartzer Schweiff, schwartze Mähne, und dergleichen Extremitäten eine Anzeige der edelsten Natur. Der dunckelbraunen sind zweyerley, die einen sind gespiegelt wie die Apffelgrauen, also, daß man die Spiegel aus der andern Farbe, die etwas dunckler, unterschiedlich erkennen kan, sonderlich, wenn ein Pferd feist ist. Die andern sind um die Schenckel, hinten beym Geschröt, an den vordern Füssen, auch in den Flancken, und um das Maul und die Augen lichtbraun, welches vor gute Pferde gehalten werden; die aber an erstbesagten Orten fahligt sehen, sind gemeiniglich faule und matte Pferde. Die schwartz-braunen sind solcher Farbe, daß man sie vor den Rappen nicht wohl erkennen mag, allein an den oberzehlten äussern Theilen sind sie ein wenig licht-braun oder fahligt; dieses sind mehrentheils hitzige und cholerische Pferde. Die Castanienbraunen, welche die Farbe der recht reiffen Castanien haben, werden unter allen braunen vor die besten gehalten, und zwar ie dunckler die Farbe, desto kräfftiger seyn die Eigenschafften, nicht anders als wie insgemein die braune Farbe denen andern drey Haupt-Farben vorgezogen wird; denn bey dergleichen Farbe herrschet die sanguinische Complexion, dahero dergleichen Pferde allezeit freudig, behertzt und dauerhafft, hurtig, geschwind, arbeitsam und gelehrig, auch können sie ohne Schaden mehr Blut entbehren als die andern, und sind folglich eher zu curiren. Die Füchse sind von dem Feuer cholerischer Complexion, daher sie mehrentheils feurig, hitzig, begierig, freudig, aber darbey auch zornig und ungedultig. Es giebt derer viererley: Die Licht-Füchse haben theils einen weissen Schwantz, Schopff und Mähne, aber, was den übrigen Leib anbelangt, sind sie roth, theils aber sind der Farbe nach also unterschieden, daß etliche lichter, etliche dunckler roth sind. Die Roth-Füchse, so ein schönes Ansehen sie sonsten haben, sind sehr rar; ihre Farbe siehet schier, als wenn man einen Licht-Fuchs mit einer Türckischen rothen Farbe, die wohl aufs gelbe zielet, gefärbet hatte. Die Recht-Füsse haben eine gemeine Farbe, welche etwas dunckler als der Licht-Füchse ist, und nur die Bauren-Art genennet wird, weil diese Füchse die gemeinsten unter denen Bauer-Pferden sind. Die Schweiß-Füchse oder Dunckel-Füchse findet man von allerley Schattirung, bald dunckler, bald lichter, doch ie dunckler der Fuchs, ie besser ist er. Die Füchse sind hitzig, halten aber nicht lange an, sondern werden bald müde, ausser die erstberührten Dunckel-Füchse, welche nach dem Spanischen Sprichwort: Alcan tostado, antes muerto, que cansado, sich ehe zu todt arbeiten als ermüden. Nechst diesen Haupt-Farben kommen auch noch die vermengten Farben vor, bey denen überhaupt die Regel gilt: Welche Farbe vor der andern an dergleichen Pferde herrschet, dieser Art und Complexion ist auch das Pferd zugethan. Dieser Gattungen giebt es zweyerley, als fünfferley Schimmel, davon kurtz vorhero gedacht worden, und denn Schecken. Davon zu mercken, ie dunckler an denselben die Farben, ie bessere Eigenschafften besitzen dieselben, sonderlich wenn der Kopff dunckel oder roth; die besten aber sind, so mit drey Farben geschecket. Der Dienst, zu welchem man die Pferde gebraucht, bestehet entweder mit solchen Parade zu machen, oder darauf zu reiten, oder sie vor Kutschen, Artillerie-Fracht- und Last-Wagen zum ziehen, oder zum Jagd- und Post-Lauffen, auf Reisen und in Bataillen, zur Stuterey und zum Beschehlen, oder zu gar geringer Arbeit, als zum Acker-Bau und Lasten schleppen zu gebrauchen. Und davon bekommen sie auch ihre Beynahmen, daß sie Reit-Pferde, Hand- und Parade-Pferde, Kutsch-Pferde, Artillerie-Pferde, Fuhrmanns-Pferde und Karren-Gaule, Jagd- und Parforce-Pferde, Schieß- und Treibe-Pferde, Post-Pferde, Reise-Klepper, Bataillen-Pferde, Beschehler und Mutter-Pferde, Acker-Pferde etc. genennet werden. Die Pferde sind ihrer Landes-Art nach unterschiedlich, wovon oben unter Nations nachzusehen. Zur Schönheit eines Pferdes werden erfodert, eine nicht übermäßige Statur, wohlgestellte und zusammen gefassete Gliedmassen, ein kleiner dürrer Kopff, eine dergleichen schmale hohe Stirne, kurtze spitzige aufrecht stehende und wohl ausgeschnittene Ohren, grosse helle und schwartze muntere Augen, grosse aufgeblasene Nasen-Löcher, ein kurtzes und trockenes Kinn, dünne Leffzen, ein feuchtes rothes nicht allzu enges noch schwartzes Maul, eine weder zu dicke noch zu lange Zunge, ein sacht gebogener weder zu dicker noch zu dürrer mehr zu lang als zu kurtzer Hals, dicke und lange Mähne und Schweiff, eine starcke breite Brust, daran man die Musculn fein sehen kan, und die eben nicht mit allzu vielem Fleisch bewachsen ist, ein starcker Rücken, der vom Ende des Halses an bis zum Anfang des Creutzes eine kurtze und nicht allzu sehr eingebogene Sattel-Tieffe habe, ein wohl ausgefülltes Creutz mit einem flachen Canal in zwey Theile gesondert, ein kleiner eingezogener, an einer Stute aber etwas grösserer Bauch, völlige und länglichte Seiten, runde und dicke Lenden, ein schwartzes und eingezogenes Geschröte, runde und starcke Hüfften, gleich weder ein-noch auswerts gebogene Knie, gerade, dürre doch starcke Schenckel, kurtze wohl abgesetzte Kegel, wohl eingetheilte Fessel, ein mittelmässiger Saum und schwartze runde harte Hüfe. Der Pferde

Mängel pflegt man insgemein in folgende drey Classen zusammen zu fassen: Demnach sind 1) Erb-Mängel, die ihnen entweder die Gesundheit nehmen, dergleichen der Rotz, Maucke, oder ihr Ansehen verringern, worzu gerechnet wird, wenn sie weitöhrigt, Speckhälsig, dickköpffig; oder den Umgang mit ihnen beschwerlich machen, worzu gehöret, wenn sie falsch boshafft, beissend, tückisch, kollrich, stätig, hartmäulig. 2) Haupt-Mängel, diese begreiffen alle Gebrechen an innerlichen und äussern Theilen des Pferdes, z. E. kurtzer schwerer Athem, schnauffend, blasend, hustend; die Fehler des Gesichts, des Gehörs und Geruchs, ferner wenn es verkehrthälsig, schieff-schencklich, Kühfüßig, Bock beinig, schwach, tölpisch, ungeschickt, vornen creutzend, streichend u. d. m. 3) Geringe Mängel, die zum Theil verbessert werden können, oder sonst wenig schaden, darzu gehöret, sich nicht gerne beschlagen, putzen und aufsitzen lassen, sich im Wasser niederlegen, eigensinnig, scheu, schläffrich seyn u. a. m. Weil insonderheit die Hälse einen ziemlichen Unterschied in Pferden machen, und diese dahero in dreyerley Arten, nemlich in Hirsch-Hälse, Schwein-Hälse und Schwanen-Hälse eingetheilet werden; als ist zu wissen, daß die Hirsch-Hälse den Kopff in die Höhe tragen und über sich sehen, indem der Kopff durch den Hals, so unten dicker als oben, unterstützt und verhindert wird, daß er nicht von sich selbst herab hängen kan, selbige sind sehr geschickt im Berg an reiten und schnellen lauffen, hingegen ungeschickt über einen Schlag-Baum oder sonsten eine Höhe zu springen, weil das Hintertheil bey ihnen allezeit schwerer als das Vordertheil, sind auch ausser dem mäßig und dauerhafft. Die Schwein-Hälse stecken den Kopff zu weit vorwerts weg, und lassen denselben zu sehr sincken, weil ihnen der Kopff oben dicker als unten, und dahero durch solche Schwere des überflüßigen Fleisches niedergedrucket wird. Dieses ist eine schlechte Art Pferde, von Natur kaltsinnig, träg, verdrossen, und leicht durch wenig Arbeit zu ermüden. Denen Schwanen-Hälsen ist der Hals weder oben noch unten zu dicke, auch darbey hoch gewachsen, welches nicht allein des Pferdes Ansehen vermehret, sondern auch den Kopff nicht nachgiebet, daß er sich abwerts auf das Mundstück legen, oder auf solchen ruhen kan. Diese Pferde sind eines rechten Temperaments, weder zu hitzig noch zu kaltsinnig, also daß sie leicht in ihren Schrancken können gehalten werden. Der Pferde

Alter ist an dem Schieben und Abgeben der zwölff vorderen Zähne oben und unten bis ins fünffte Jahr, an dem Kern oder denen schwartzen Zeichen in den Flächen solcher Zähne bis ins zehende, und an denen Wartzen vornen inwendig an den Kothen; bis ins dreyzehende Jahr mit ziemlicher Gewißheit zu erkennen. An den weissen Haaren über den Augen und Runtzeln an den Leffzen wollen einige noch weiter und bis auf das dreyßigste Jahr kommen, es trifft aber allezeit nicht zu, und ist also keine gewisse Regel daraus zu machen. Ein Hausvater, der Pferde bey seinem Gute nöthig hat, muß solche entweder kauffen, oder aber, wo er bereits mit dergleichen versehen, solche durch Nachziehung junger Füllen zu vermehren trachten, damit er die Stelle der abgegangenen, verkaufften, untauglichen, verunglückten oder umgefallenen wieder ersetzen möge.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1752–1761Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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