Recit, Recitativo, Jst zweyerley ohne Jnstrumenten, und mit Jnstrumenten, wo er Vorzugsweise ein Accompagnement heißt. Diese Art zu singen hat die Freyheit, daß sie sich nach der gemeinen Ausrede richtet, und mit allerhand Ton-Arten ungebunden spielet, darinne herum wandert, anfänget oder schliesset, wie und wo sichs am besten schicket. Der Recitativ hat wol einen Tact, braucht ihn aber nicht, das ist, der Sänger darf sich nicht daran binden. Jn dem Accompagnement aber hat man, um die Spielende im Gleichgewichte zu halten, noch etwas mehr Achtung auf die Zeit-Maasse, iedoch muß solches im Singen kaum gemercket werden. Dieses ist vom Welschen Recitativ, und vom Deutschen, der nach Jtalienischer Art gesetzt worden, zu verstehen. Die Frantzosen hingegen nehmen in ihrem Recit fast alle Tact-Arten eine nach der andern vor, und meinen durch solche Veränderung den Wort-Füssen, die sehr ungleich ausfallen, zu Hülfe und ihrer natürlichen Aussprache desto näher zu kommen; alleine sie machen dadurch den Gesang nur desto gezwungener und unvernehmlicher, weil sie in ihrer Sprache fast gar keine Länge oder Kürtze der Sylben auf eine kunstmäßige Art beobachten; daher sie destoweniger nöthig hätten, ihren Recit nach dem Tact, oder vielmehr nach allerhand Täcten und deren genauer Führung abzusingen. Jndessen ist es keine so geringe Sache um einen guten Recitativ, wie mancher meinen möchte. Seine seltene Eigenschafften sind: 1) Er will überall nicht gezwungen, sondern gantz natürlich seyn; 2) der Nachdruck muß sehr wohl dabey in Acht genommen werden; 3) der Affect darf nicht den geringsten Abbruch leiden; 4) es muß alles so leicht und verständlich in die Ohren fallen, als ob es geredet würde; 5) er dringt weit schärfer auf die Richtigkeit der Einschnitte, als alle Arien, denn bey diesen siehet man bisweilen der angenehmen Melodie etwas nach; 6) Melismata oder öftere Wiederholungen gehören eigentlich nicht in den Recitativ, ausser bey einigen gar sonderlichen, doch seltenen Vorfällen; 7) der Accent ist keinen Augenblick aus der Acht zu lassen; 8) die Cæsur des Tactes, ob diese gleich selbst feyret, muß dennoch im Schreiben ihre Richtigkeit haben; 9) die eingeführte Schreibart muß, mit allen ihren bekannten Clauseln, beybehalten werden, und doch immer was neues und unbekanntes in der Abwechselung mit den Tonen darlegen; (welches der wichtigste Punct ist:) 10) die ersinnlichste Veränderung in den Gängen und Fällen muß, sonderlich in dem Baß, gesucht werden, doch so als kämen sie von ohngefehr, und ja nicht wider den Sinn der Worte.