FeedItalienische Musik
MusikBrockhaus 1882

Italienische Musik. Unter den eigentlich musikalischen Völkern ist das italienische das älteste und zugleich dasjenige, welches uns die Musik des Altertums auf lebendige Weise übermittelt hat. Als die erste folgenreiche Bildung, die der antiken Musik als etwas Neues gegenübertrat, muß die Singschule angesehen werden, in welcher unter Leitung der Bischöfe von Rom die christl. Liturgie eine feste und kunstmäßige musikalische Gestalt erhielt. Diese röm. Sängerschule hatte schon Jahrhunderte bestanden, als Papst Gregor d. Gr. um 600 die kirchlichen Melodien neu ordnete, reinigte, mehrte und in einem Antiphonar sammelte, welches das Grundbuch für das ganze Abendland wurde. Sänger aus der päpstl. Schule gingen in den nächsten Jahrhunderten in die Westl. und nördl. Länder, wo der ausgestreute Same bald über Erwarten gedieh. Der Kern der Melodien Gregors d. Gr. hat sich als sog. Gregorianischer Gesang in der Kunst wie in der kirchlichen Liturgie bis auf den heutigen Tag erhalten und muß als unzerstörbar angesehen werden. In diesem Gesange sind den Melodien nach hebräische und der Form nach griech. Elemente enthalten. Der große Tonlehrer Guido von Arezzo im 10. Jahrh. vervollständigte Gregors Werk, indem er Methoden ersann, welche das bisher schwierige musikalische Studium erleichterten. Bis dahin war Italien der Lehrer und Leiter der gesamten Kunstmusik. Vom 11. Jahrh. an trat es etwas zurück, während in England, Frankreich und Deutschland die Mehrstimmigkeit erfunden und die Instrumentalmusik vervollkommnet wurde. Die ital. Musik bewahrte sich die Reinheit des Kunstgesanges, in welcher sie von jeher alle Nationen übertraf, und pflegte mit Vorliebe die feinern musikalischen Instrumente, erlangte aber erst gegen Ende des 15. Jahrh. wieder eine tonangebende Bedeutung. Um 1500 erfand Petrucci in Venedig den Musikdruck mit beweglichen Typen, wodurch dieser Ort länger als ein Jahrhundert hindurch das Centrum der Musikverbreitung wurde. Die größten Komponisten und Sänger Europas zogen nach Italien, hauptsächlich nach Rom, um in päpstl. Dienste u kommen, und endlich erstand in Giovanni Palesirina derjenige Meister, in welchem die kirchliche Kunstmusik kulminierte. Seine Kompositionsweise ist als 4 Palestrinalstilo ein ebenso dauerhaftes Gebilde geworden, wie der Iihe Dertörpern Gesango, dessen vollendetste künstlerische erkörperung in ihm erblickt werden muß. ö Die ital. Musik stand jetzt abermals an der Spitze der Bewegung. Sämtliche Formen der damaligen Tonkunst wurden von ihr teils vollendet, teils neu geschaffen. Vollendetes lieferte Palestrinas Zeitgenosse Marenzio im Madrigal, und Neues schuf dieselbe Zeit gegen Ende des 16. Jahrh. durch eine besonders von Florenz ausgehende Bewegung, wesche die Oper und das Oratorium ins Leben rief. Diese folgenreiche Neuerung hat nach und nach die gesamte europ. Tonkunst von Grund aus umgestaltet; freilich ist es der ital. Musik nicht beschieden gewesen, das, was sie hier erfand und zuerst ausbildete, auch bis zur wirklichen Vollendung zu führen. Aber noch im ganzen 17. aschrar herrschte sie im Reiche der Tonkunst unumschränkt. Monteverde und Cavalli gaben mit ihren Opern Vorbilder fur alle Länder, und Carissimi führte gleichzeitig das Oratorium zu einer Höhe, welche keiner seiner Zeitgenossen wetteifernd zu erklimmen wagte und erst 100 Jahre später von Händel auf einem vollkommenern Wege wieder erreicht wurde. Neben Carissimi wirkte der große Orgel⸗ und Fugenmeister Frescobaldi, welcher für das Spiel seines Instruments eine ebenso gesetzgeberische Bedeutung erlangte, wie einige Jahrzehnte später Corelli für das der Violine. Dabei hatte das fast unersättliche Verlangen nach schönem Gesang selbst eine widernatürliche Befriedigung nicht gescheut, und ital. Castraten waren an allen Höfen, auf allen Operntheatern in Europa zu finden. Als dann gegen Ende des 17. Jahrh. sowohl in Frankreich wie in Deutschland und England nationale Kräfte von außerordentlicher Begabung sich regten, um dem Italienischen das Feld streitig zu machen, war es Al. Scarlatti, welcher der Oper einen nachhaltigen Impuls gab und damit die Superiorität der ital. Musik aufs neue herstellte. Die Musikschulen, Konservatorien genannt, welche in Italien allenthalben errichtet wurden, viel früher als in andern Ländern, bildeten vorzügliche Musiker in Masse aus, besonders Komponisten, Sänger, Violinisten und Cembalisten (Klavierspieler). Insbesondere wurde die neapolitanische, durch Scarlatti gegründete Schule wichtig, da sie im ganzen 18. Jahrh. den Ton angab, nicht nur in der Oper, sondern auch in der Kirchen⸗ und Konzertmusik. So allgemein und unbestritten schien damals die Herrschaft der ital. Musik in Europa anerkannt zu schen daß selbst die größten Komponisten der Deutschen (wie Händel, Hasse, Graun, Gluck, Mozart) ihre Opern italienisch schrieben, eine Verherrlichung der ital. Sprache und Musik, deren sich keine andere Kunst rühmen kann. Die siegreiche Beteiligung diefer Ausländer war freilich zugleich ein Beweis der abnehmenden Kraft der geborenen Italiener, obwohl letztere sich eine erstaunliche und originale Produktivität bis auf die Gegenwart zu erhalten wußten. Die Neapolitaner Pergolese und Piccinni gestalteten die neuere Form der komischen Oper (Opera buffa), und viele Gleichbegabte neben und nach ihnen versorgten die Operntheater und Kirchenchöre unablässig mit neuen Werken. ö Im 19. Jahrh. sind es besonders zwei Männer, welche die ital. Musik charakterisieren: die erste Hälfte desselben gehörte Rossini, die andere, die Gegenwart, wird von Verdi beherrscht. Weiter als bis auf Rossini reicht das auch nicht zurück, was auf ital. Theatern noch lebendig erhalten ist. 17 Preisgeben der musikalischen Vergangenheit hat wesentlich zur Verflachung der ital. Musik beigetragen. Dennoch besitzt diese Musik in einer noch immer mustergültigen Gesangskunst, in der energischen Recitation einer schönen Sprache und in einer leichten, mit den einfachsten Mitteen wirksamen Komposition fortwährend so bedeutende Mittel, daß es ihr nicht schwer fallen wird, in der Theater⸗ wie in der Kirchenmusik ihren bisherigen Rang zu behaupten. Nur auf dem Konzertgebiete, d. h. im großen Oratorium und in der s elbständigen Instrumentalkunst, ist die ital. Musik zurückgeblieben. Unvollkommene Versuche, das hierin Versäumte nachzuholen, gehören erst der jüngsten Zeit an und haben bisher nur geringen Erfolg gehabt. Es kann nicht nachdrücklich genug gesagt werden, daß die ital. Musik in ihrer eigenen Geschichte das beste Vorbild besitzt, nämlich das 17. Jahrh., in welchem sie in allen drei Hauptgattungen der Musik gleich groß dastand und von allen andern Nationen bewundert und nachgeahmt wurde. (S. Musik.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 748Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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