Italienische Philosophie. Italien, als das Mutterland der europ. Bildung, hat auch auf den Gang der Philosophie direkt und indirekt die lebbriitrten Einflüsse ausgeübt. Von hier aus verbreiteten sich mit dem Beginn des Mittelalters im Gefolge der kirchlichen Civilisation die Reste der antiken Wissenschaft in Gestalt von Lehrbüchern, Kompilationen und Auszügen über die andern Völker Europas, und auch an den logisch-metaphysischen Untersuchungen des sog. Universalienstreites (s. Scholastik) beteiligte man sich hier um so eifriger, als die kirchliche Macht in Rom diese Gedankenbewegung im Interesse der Glaubenseinheit überwachen au sollen meinte. Später bildete das sicil. Reich Friedrichs II. eins der hauptsächlichsten Eingangsthore für die arab. Philosophie und das in derselben vorwaltende Studium des Aristoteles, zugleich aber auch für die damit im Zusammenhang stehenden, größtenteils auf den Reuplatonismus zurückweisenden Geheimlehren heterodoxer Mystik. Als dann die Lehre des Aristoteles in die kirchliche Wissenschaft hineingesogen und zur logisch-metaphysischen Form derselben ausgearbeitet wurde, war es ein Italiener, Thomas von Aquino, welcher durch die geschmackvollere und umfassende, das Detail der Einzelwissenschaften durchdringende Ausführung der Gedanken des Deutschen Albert von Bollstädt diesen Prozeß vollendete und damit die christl. Scholastik auf ihren Höhepunkt führte. Sein großartig einheitliches, von der kath. Kirche noch heute für kanonisch erklärtes System fand seine poetische Verklärung in dem größten Werke der ital. Litteratur, in Dantes (Göttlicher Komödie v. Aber schon bei Dante beginnt ein anderes Element wirksam zu werden, durch welches Italien die moderne Geistesbewegung vorbereitete: das Studium des klassischen Altertums. Der Humanismus führte zunächst zu einer Erneuerung des Platonismus, der, hauptsächlich durch Gemistos Plethon, Bessarion und Ficinus vertreten, in der unter Auspizien der Mediceer blühenden Akademie zu Florenz seinen Sitz hatte, meistens aber dur neuplatonisierende Deutungen getrübt wurde. Dieselbe philol.⸗histor. Richtung brachte auch eine Erneuerung des reinen Aristotelismus mit sich, in der sich Ermolao Barbaro und Leonicus Thomaeus hervorthaten. Doch trat später, namentlich an der Universität Padua, ein lang sich hinspinnender Kampf zweier entgegengesetzter Auffassungen des Aristoteles zu Tage, von denen die eine — besonders durch Pomponatius (1462 — 1525) ausgebildet — sich im naturalistischen Sinne an dem spätgriech. Kommentator Alexander von Aphrodisias anschloß (daher Alexandristen), die andere, in Andreas Cäsalpinus (1509 — 1603) gipfelnd, die mystisch-pantheistische Lehre des Averroés (daher Averroisten) acceptierte. Die Polemik, welche der Humanismus im Interesse des litterarischen Geschmacks gegen die formalistische Sterilität der Scholastik fuhrte, hat in Italien namentlich Laurentius Valla begründet. 4* Im 16. Jahrh. begann auch in der ital. Wissenschaft das humanistische vor dem naturphilos. Interesse zurückzutreten. Jetzt wies Bernh. Telesio auf den Werth sorgfältiger empirischer Forschung hin und stiftete zur Förderung derselben in seiner Vaterstadt die Cosentinische Akademie der Wissenschaften; jetzt prägte Cardanus die pythagoräische Zahlenmystik in eine mit abergläubischen Elementen vielfach versetzte allgemeine Causalitätslehre um; F. Patrizzi entwarf auf neuplatonischer Grundlage, mit Benutzung der neuen Entdeckungen, sein phantastisches Natursystem. In wahrhaft großartiger Weise aber gestaltete Giordano Bruno (verbrannt 1600) die Kopernikanische Lehre durch metaphysische Begriffe des Spätscholastikers Nikolaus Cusanus zu einem tiefsinnigen und gedankenvollen System aus. Alle diese Bestrebungen klärten sich endlich in Galilei ab, der durch methodische Verwertung des Experiments und der mathem. Deduktion zum Begründer der theoretischen Naturwissenschaft wurde. Gleichzeitig gab Th. Campanella den metaphysischen Untersuchungen eine ausführlich erkenntnistheoretische Grundlage und damit eine subjektivistische Wendung, welche, obwohl in unvollkemmener Form, die kritische und idealistische Tendenz der modernen Philosophie einleitete. So gingen von Italien eine große Menge fruchtbarer Gedanken aus, welche in der europ. Philosophie mächtig weiter wirkten und in den übrigen Kulturvölkern zu ihrer wissenschaftlichen Voll— endung geführt wurden; die Italiener selbst aber traten mit dem 17. Jahrh., zumeist infolge der zerrissenen und traurigen Zustände der Nation, aus der schöpferischen Bewegung der Philosophie heraus. Nur auf einem beschränkten Gebiete, demjenigen der Geschichtsphilosophie, gab Italien noch einmal im 18. Jahrh. einen bedeutenden Anstoß durch Vico, welcher zuerst dem abstrakten Standpunkte der Naturbetrachtung die lebendige Versenkung in das Leben der Völker entgegenhielt. Im übrigen zeigte Italien im 17. und 18. Jahrh. nur schwache Nachklänge der Bewegungen, die sich in der engl., franz. und deutschen Philosophie abspielten. Ahnliches gilt von der ital. Philosophie des 19. Jahrh., welche zwar eine große Lebendigkeit des Interesses und eine umfangreiche Mannigfaltigkeit der Richtungen, aber keine bedeutenden, originellen Leistungen aufweist. Zuerst erwachte das philos. Interesse im Gefolge des polit. Liberalismus und im Anschluß an die franz. Philosophie des 18. Jahrh., wie es Genovesi, Beccaria, Filangieri und Romagnosi beweisen. Später zeigte sich der vereinigte Einfluß von Kant, den Schotten und den franz. Spiritualisten hauptsächlich in den Arbeiten von Galluppi. Auch andere deutsche Philosophen gewannen Einfluß, so namentlich Hegel in Männern wie Vera und Spaventa, und in neuester Zeit vielfach Herbart. Daneben läuft, im Zusammenhange mit polit. Bestrebungen, die Tendenz, auf Grund einer platonisierenden Erkenntnislehre eine den Bedürfnissen des Glaubens entgegenkommende Metaphysik zu gewinnen; diesen «Ontologismuso haben hauptsächlich Rosmini-Serbati, Gioberti und Mamiani ausgebildet. überhaupt tritt, wie bei allen roman. Völkern, auch bei den Italienern die nahe Beziehung der philos. Theorien — den Problemen des öffentlichen Lebens hervor. amentlich ist es der Gegensatz des Klerikalismus, den in Gestalt des Thomismus besonders Liberatore vertritt, und der freisinnigen Kritik, wie sie von Männern wie Ferrari und Franchi geübt wird. Den letztern treten neuerdings die Anhän er des Positivismus (s. d.) zur Seite, unter denen Villari, Ardigo, Turbiglio genannt sein mögen. Den besten überblick über alle diese sich gegenwärtig bekämpfenden Richtungen gewährt die seit 1870 erscheinende Zeitschrift «La filosofia delle scuole italianev. Vgl. außer den Werken über die allgemeine Geschichte der Philosophie (am Schluß des Artikels Philosophie) noch: B. Spaventa, Wa filosofia italiana dal 16 secoloo (Modena 1860); L. Ferri, Essai sur I'histoire de la philosophie en Italie au 196siècler (Par. 1869); Giovanni, «Storia della filosofia in Sicilia (2 Bde., Palermo 1873).