FeedAkustik
MusikBau-Lexikon 1881

Akustik, f., frz. acoustique, f., engl. acoustics, pl., eigentlich Lehre vom Hören, meist aber gebraucht für Lehre vom Schall, d. h. von der Gestaltung und Bewegung der Schallstrahlen, von ihrer Brechung etc. Die A. ist noch sehr in ihrer Ausbildung zurück, die bis jetzt aufgestellten Sätze sind noch zum großen Theil hypothetischer Natur, und es lassen sich daher nur wenige allgemein giltige Regeln geben, durch deren Befolgung man sich eines guten Erfolges versichert halten könnte. Die hier gegebenen Sätze mögen daher eben nur als praktische Andeutung gelten. A. Anforderungen, die man in Bezug auf A. an die verschiedenen Räume stellt: 1. JZnVorlesungssälen soll die Stimme des Redners, der immer auf demselben Punkt sich befindet, möglichst von allen Anwesenden gut gehört werden, ohne daß sich der Redner zu sehr anzustrengen braucht; d. h. die Schallwellen sollensichmöglichstwenigbrechen, sollen sich ununterbrochen im ganzen Raum ausbreiten können. — 2. Bei Konzertsälen sollen die von den verschiedenen Punkten des Orchesters ausgehenden Schallwellen auch den ganzen Sal gleichmäßig ausfüllen, dabei aber harmonisch, als ein Gesamtton, also alle in einen Ton chen wird für die Predigt und die Rede des Priesters am Evangelienpult und Altar die Wirkung 1, für Musik, Orgelton und Chorgesang vom Orgelchor aus die Wirkung 2 verlangt. — 4. Bei Theatern wird für den sprechenden und allein singenden Künstler die Wirkung 1, für den Chorgesang und das Orchester die Wirkung 2verlangt. — 5. Bei Orchesterbauten für Konzerte im Freien wird verlangt, daß der Schall möglichst intensiv aus denselben herausdringe und je nach der Lage des Orchesters sich entweder a) ringsum, oder b) nach vorn, nach rechts u. links, oder e) nach vorn möglichst gleichmäßig und ungeschwächt verbreite. — 6. Bei Sälen fürgesellschaftlichen Männergesang wird ein Zusammenhalten u. Harmonischgestalten, d. h. Vereinigen der einzelnen Schallwellen zu eben so vielen Theilen der einzelnen zusammengesetzten, überall hindringenden Schallwellen nöthig sein. — 7. Bei Sälen für Volksversammlungen, Sitzungen, Schulprüfungen re. wird verlangt, daß die von irgend einem beliebigen Punkt des Säls ausgehende Rede überall gehörig verstanden werde, daß also die Schallstrahlen von überall her überall hin ungebrochen dringen können. B. Unter den Mitteln zu Erfüllung dieser Aufgaben dürften wohl hauptsächlich Hauptform, Material und Dekoration zu nennen sein: 1. Die Hauptform gliedert sich in Gestalt des Grundrisses, Höhe der Wände und Profilform des Plafonds. All dies nun stellt sich in einer Kombination von Flächen dar, bei deren Wahl bes. Folgendes zu berücksichtigen sein wird. Die Schallstrahlen prallen unter ungefähr demselben Winkel ab, unter dem sie anschlagen; nur das Material des Körpers, an den sie anprallen, hat etwas Einfluß auf diesen Winkel (s. unten). Man muß also den verschiedenen Flächen eine solche Richtung geben, daß die Schallstrahlen, wenn sie nicht gebrochen werden sollen, direkt ohne jenen Anprallwinkel, wenn sie aber gebrochen werden sollen, durch jenen Anprallwinkel auf den Weg geleitet werden, den sie nehmen sollen. a) Ist die Grundform rechtwinklig, so werden die Schallstrahlen, sie mögen von einem Punkt ausgehen, von welchem sie wollen, nach dem Anprallen einander durchkreuzen, und zwar alle unter anderen Winkeln, d. h. sie werden alle unregelmäßig und ungleichmäßig gebrochen werden. Kommt aber der Schall von einem an der kurzen Seite eines Rechtecks liegenden Punkt, so daß diese kurze Seite für die Brechung der Schallstrahlen ziemlich außer Wirkung gesetzt wird, so werden sie sich weit gleichmäßiger vertheilen und alle unter vom Ausgangspunkt mit der Spitze abgekehrten Winkeln durchschneiden, so sich nicht wesentlich störend, sondern vereinigend. b) Die Ellipse hat die Eigenschaft, daß nicht nur die von einem Brennpunkt ausgehenden Schallstrahlen sich nach dem Abprallen von der Peripherie im andern Brennpunkt vereinigen, sondern auch die von irgendeinem Punkt der Fläche ausgehenden, sich in dem auf der andern Seite der kurzen Achse korrespondirend liegenden Punkt vereinigen, so daß sie alle ganz gleichmäßig gebrochen in dem Raum sich vertheilen. c) Der Halbkreis ist, wenn der Ausgangspunkt des Schalls sich von der geraden Seite irgendwie entfernt befindet, nicht zu brauchen wegen zu unregelmäßiger Vertheilung der Schallstrahlen. Wollte man ihn nun in die gerade Seite, und dann der Gleichmäßigkeit wegen in den Mittelpunkt legen, so würden die Schallstrahlen wieder auf den Ausgangspunkt zurückkehren, ein Echo hervorbringen und die Schallerzeugung erschweren. d) Dasselbe tritt beim Kreis ein, wenn der Ausgangspunkt im Centrum sich befindet; liegt er an der Peripherie oder sonst in einem Punkt der Fläche, so vertheilen sich die Strahlen sehr ungleichmäßig. e) Die Parabel hat die Eigenschaft, daß alle vom Brennpunkt ausgehenden Strahlen nach einmaligem Anprallen parallel der Achse, also ohne sich weiter zu brechen oder zu stören, fortlaufen. f) Bei der Hyperbel gilt dies vom Brennpunkt und annähernd von allen anderen Punkten, außer denen, die der Kurve selbst sehr nahe liegen. 2. Das Material betr. haben sast alle Materialien die Eigenschaft, den Schall zu absorbiren, jedoch in größerem oder geringerem Mäß; die Reihenfolge dieser Schall— Leitungsfähigkeit s. u. d. Art. Schall-Leitung. Ein je schlechterer Schall-Leiter das Material des Körpers ist, an den der Schallstrahl anprallt, desto weniger wird der Abprallswinkel vom Anprallswinkel verschieden sein; je besser der Schall-Leiter, desto kleiner der Abprallswinkel, desto mehr aber auch wird die Intensivität des Schalles geschwächt werden. Die Stellen der Umfassung oder des Plafonds also, von wo der Schall ungeschwächt wieder abgehen soll, müssen von schlechten Schall-Leitern konstruirt werden, erzeugen dann aber auch einen dem Anprallswinkel fast gleichen Abprallswinkel; will man also diesen ändern, so muß man es durch Veränderung der Lage des betr. Theiles thun; die Stellen aber, von wo man die Schallstrahlen nicht gernzurückkehren lassen will, weil sie vielleicht im ungünstigen Winkel sich durchkreuzen würden, die man jedoch aus irgend welchen Gründen nicht offen lassen kann, gestalte man aus recht guten Schall-Leitern. 3. Mit der Dekoration der in Rede stehenden Räume muß man sehr vorsichtig sein, bes. wenn man sich nicht auf blose Malerei beschränken, sondern Simswerk und andere plastische Dekorationen anbringen will oder soll. Bes. in den Fällen, wo die Schallstrahlen nicht gebrochen werden sollen, vermeide man möglichst alle großen, stark ausladenden Simse, Fenster mit tiefen Laibungen, Logen mit starken Säulen etc., und wo man sie nicht vermeiden kann, konstruire man sie aus möglichst guten Schall-Leitern; denn es ist besser, etwas Schall zu absorbiren, als eine störende Resonanz (Schallabprallung) zu erzeugen. In vielen Fällen kann man gerade durch solche plastische Dekorationen die Schallstrahlen auf zwekmäßige Weise brechen, ihnen die gewünschte Richtung geben, oder auch der des Tones selbst nachhelfen, wie dies z. B. die Alten durch die Schallvasen, Gottf. Semper im alten Dresdener Theater durch die Logenmuscheln (s. d Art. Echeion u. Theater) gethan, endlich den Schall wenigstens zum Theil verhindern, dahin zu gehen, wo er verschwinden würde, z. B. durch vorstehende Einfassung der Fenster, Thüren, Kronleuchteröffnungen re. Farben haben keinen Einfluß auf die A. Mit Material, Gestaltung und Aufhängeort der Kron- und Wandleuchter sowie mit der Wärmevertheilung und Heizung muß man sehr vorsichtig sein, da die veränderte Dichtigkeit der Luft auf die Richtung der Schallstrahlen nicht ohne Einfluß ist. C. Vergleicht man das Gesagte mit den unter &angeführten Aufgaben, so stellt sich Folgendes heraus. ad 1. Ein ziemlich schmales Rechteck, höchstens 25 m. lang (weiter schallt die menschliche Stimme nur schwer), an dessen einer kurzen Seite sich eine parabolische Nische befindet, in deren Brennpunkt der Redner sitzt oder steht. An den langen Seiten des Rechtecks möglichst wenige Unterbrechungen der Fläche, der Plafond gerade, von der Wand durch ein stark profilirtes Kehlenglied getrennt, damit der Schall nicht an der Decke sich verliere, sondern unten zusammengehalten werde. d 2. Ebenfalls ein Rechteck, breiter als das vorige, an der einen schmalen Seite nicht geradlinig, sondern in einer hyperbolischen Nische geschlossen, die die ganze Seite einnimmt und zum Orchester dient, der Plafond flach parabolisch mit stark profilirtem Kehlsims. Die Logen, wenn solche nöthig sind, ebenfalls parabolisch oder mit Schallmuscheln versehen (s. d. Art. Theater.) ad 3. Parabolischer Hintergrund hinter Kanzel, Orgel und Altar, das Gewölbe parabolisch oder doch ähnlich (3. B. spitzbogig) gestaltet. Die Hauptform des Predigtraumes wie bei 1. Sind freistehende Pfeiler nöthig, so sind sie entweder rund oder vielfach gegliedert zu machen, gerade Seitenflächen aber jedenfalls zu vermeiden, weil sie Echo geben. Aus demselben Grund ist die Deckenfläche möglichst zu unterbrechen. ad 4. Der der Bühne zunächst liegende Theil im Grundriß gebildet nach einem Theil der Ellipse, so daß der sprechende Künstler sich im Brennpunkt befindet, u. Proseeniumswände u. Sofsiten einen Theil der Ellipsenperipherie ausmachen, der andere Theil aber als Halbkreis, und zwar den andern Brennpunkt der Ellipse zum Mittelpunkt habend, nach oben konisch breiter werdend etc. Darüber mehr s. u. d. Art. Theater. ad 5. a) Rund, ganz offen, in der Mitte niedrig und nach allen Seiten höher werdendetc.; ) glockenförmig, aber sehr breit im Grundriß; e) parabolischer Grundriß. ad 6. Ellipse im Grundriß u. möglichst auch im Durchschnitt, daher wenigstens der Plafond als halbe Ellipse zu gestalten ist. ad 7. Schon auf viele Weisen versucht, aber bis jetzt ohne genügendes Resultat; am besten dürfte die Lösung in der Deputirtenkammer in Paris gelungen sein: ein Halbkreis, im Mittelpunkt vor einer parabolischen Nische die Rednerbühne, der Halbkreis nach oben konisch sich erweiternd, die Decke durch einen starken Kehlsims abgetrennt und vielfach unterbrochen. Höchst interessant in Bezug auf A. war der Bau des Konzert-, Vortrags- und Versammlungssaäls im Palast des Trocadero zu Paris gelegentlich der Weltausstellung von 1878. Dieser Sal“ hat etwa die Form der Deputirtenkammer, aber im Halbkreis einen Radius von nahezu 25 Meter. Bei der ersten Benutzung wirkte ein starkes Echo sehr störend; dasselbe ist aber völlig beseitigt, und selbst ein nicht sehr volltönendes Organ, wie das des Verfassers, der selbst Versuche angestellt, wird völlig gut in allen Theilen des Raumes verstanden, seit der geniale Davioust, der Erbauer des Palastes, die ganze Halbkuppel mit ziemlich langfaserigem Barchent überziehen ließ. AÄhnlich ist das hier und da mit Erfolg angewendete Mittel, Echo durch aufgehängte Faden oder Netze zu beseitigen. — Einzelne Andeutungen in Bezug auf A. sind noch in den die einzelnen akustisch zu konstruirenden Räume betr. Art. gegeben. Weiter auf eine solche Wissenschaft eingehen, hieße den Zweck dieses Wörterbuchs überschreiten.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 69Scan: Getty Research Institute (Internet Archive) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 7

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Musik 6