FeedChiwa (Khiwa) oder Urgendsch
ErdkundeBrockhaus 1882

Chiwa (Khiwa) oder Urgendsch, Chanat in Turkestan, jetzt nur noch 57 800 akm umfassend. Es grenzt im O. an Bokhara und an das russ. Amu-Darsagebiet; nach dem Frieden mit Rußland vom 25. Aug. 1873 bildet der Amu-Darja die Grenze zwischen beiden Reichen von Kukertli an bis zu dem Haupthe wo der westlichste Arm des Flusses das auptbett verläßt; dann läuft die Grenze dem westlichsten Arme entlang bis zum Aralsee. Dann bildet der Aralsee bis zum Vorgebirge Urgu die Nordgrenze; die Westgrenze läuft von da längs dem Fuße des Ust-Urtplateau am sog. alten Bett des Amu hin; als Südgrenze läßt sich etwa der Parallel von 40, 20 annehmen. Der größte Teil des Gebiets besteht aus Sandwüsten; fruchtbar und bevölkert ist nur ein Teil des Thales des Amu-Darja. Soweit die Bewässerung reicht, erzeugt das Land reichlich Getreide, Reis, Seide, Baumwolle, Sesam, Lein, Obst, Wein und Melonen. Die Viehzucht ist außer der Schaf⸗ und Kamelzucht nicht bedeutend. Die Einwohner, auf 700000 geschätzt, bestehen in Sarten oder Tads chiks, den eigentlichen Bewohnern des Landes; aus Usbeken, den spätern Eroberern; aus Turkmanen und aus von der Sklaverei befreiten Persern. Juden, Afghanen und Tataren sind selten. Die Usbeken beschäftigen sich mit Ackerbau und Jagd und stellen das Hauptkontingent zum Heere des Chans: die Sarten haben fast den ganzen Handel in Händen. Der Handel ist, seit 1873 der Sklavenhandel durch den russ. Feldzug unterdrückt wurde, unbedeutend und konzentriert sich hauptsächlich um Neu-Urgendsch, 30 km nordöstlich von der Stadt C. Auch die Industrie ist unbedeutend und beschränkt sich fast ganz auf Atlas⸗, Samt- und Seidenweberei. Die Bewohner sind, mit Ausnahme der Juden, alle sunnitische Rohammedaner und stehen in Bezug auf Kultur und Moral auf sehr niedriger Stufe. Die Regierung des Chans ist erblich und despotisch und nur durch den Friedensvertrag mit Rußland 1873 insoweit beschränkt, als der Chan keine direkten Beziehungen zu den Souveränen und benachbarten Chanen unterhalten und keine Handels⸗ und andere Verträge ohne Genehmigung Rußlands schließen darf. Ebenso ist den Russen volle Handelsfreiheit gewährt. Die Hauptstadt Chiwa ist ein elender schmutziger Ort im südwestl. Teile der eigentlichen Oase, am untern Laufe des Kanals Polwan-Ata gelegen, hat 1200 Lehmhütten mit flachen Dächern und etwa 5000 E. In der Mitte der Stadt erhebt sich auf einer Anhöhe, von einer Mauer umgeben, die Citadelle; hier liegen die Wohnungen des Chans und der Großen des Chanats, die bedeutendsten der 17 Moscheen und 22 .4 Schulen C.s und drei Bazars. Der schönste Bau ist die Moschee Polwan⸗-Ata aus gebrannten bcach ihre mit goldenem Knopfe gekrönte Kuppe bedacht vier gewölbte Räume, in denen sich die Gräber der Heiligen und verschiedener Chane des Reichs befinden. Unter den Schulen ragt die Medresse Mad-Emin neben dem Palast des Chans hervor, ein großes Gebäude mit stattlichen Facaden. C. ist das Vaterland der alten, schon von Herodot erwähnten Chorasmier; im Mittelalter stand es unter dem Namen n oder Khowaresmien bis ins 12. Jahrh. unter der Herrschaft der seldschuk. Türken, von denen sich der Statthalter Itsis unabhängig machte. Der letzte seiner Nachfolger war Oschelal-ed-din-Mankberni, ein Freund der Wissenschaften und Begründer einer neuen Zeitrechnung, der um 1220 gegen die Mongolen fiel. Auch Timur verwüstete das Land 1372 und 1379. Später kam das Land unter die Herrschaft der Usbeken (s. d.), die das neue Chanat von C. gründeten. Die jetzige Dynastie der Usbekenchane stammt von Muhammed Rachim (1802—25); diesem folgten Alla-Kuli-Chan (1825 —42), Mumißt, sind unter K aufzusuchen. Machim Emin (1842 —55) und Seid Muhammed achim-Chan (seit 1855). Schon Peter d. Gr. hatte 1717 einen Kriegszug zur Eroberung C.s unternommen, der völlig mißglückte. Seitdem führten die Chane von C. gegen die russ. Karawanen einen Raubkrieg, der viele russ. Gefangene in die Sklaverei der Chiwesen führte. Um diese zu befreien, unternahmen die Russen Nov. 1839 einen Kriegszug, der aber an den Hindernissen des Klimas und des Bodens völlig scheiterte. Erfolgreicher war der Feldzug, welchen die Russen unter Generaladjutant von Kauffmann (s. d.) März 1873 begannen. Von Taschkend aus rückte das Heer 16. März an den Sir-Darja und langte nach äußerst beschwerlichen Märschen 10. Juni vor der Stadt C. an, die sich nach kurzem Bombardement ergab und 11. Juni von den Russen besetzt wurde. Durch den Friedensvertrag vom 25. Aug. 1873, der den Chan thatsächlich zu einem Vasallen Rußlands machte, trat C. alles Land rechts am Amu-Darja ab, dei den Russen vollkommene Handels-Aunchn und bestätigte die bereits 25. Juli dekretierte bschaffung des Sklavenhandels. (S. unter Cen-Litteratur. Lerch, «C., seine histor. und geogr. Verhältnisses (Petersb. 1873); Stumm, „Aus C. Berichte » (Berl. 1873); Schmidt, «Die Expedition gegen C. im J. 1873 (Petersb. 1874); Ker, «On the road to C.» (Lond. 1874); Mac Gahan, «Campaigning on the Oxus and the fall of C. »(Lond. 1874); Stumm, «Der russ. Feldzug nach C.o (Bd. 1, Berl. 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 316Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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