FeedBokhara
ErdkundeBrockhaus 1882

Bokhara oder Bucharei werden zwei verschiedene Länder jenseit des Amu-Darja oder Orus in Mittelasien genannt. Die Große Bucharei oder das Chanat von B. ist der südöstl. Teil von Westturkestan oder Turan ( Turkestan) und wird von den seit 1500 hier herrschenden türk. Usbeken auch Usbekistan genannt. Unter der Hohen oder (Kleinen Bucharei versteht man zuweilen, obwohl dieser von der ursprünglichen arischen Bevölkerung der Bucharen oder Tadschiks entnommene Name im Lande selbst unbekannt ist, Ostturkestan oder Turfan (s. d.). Das mohammed. Chanat B. (die Große Bucharei) wird im N. von der Sandwüste Kysyl-Kum und den Höhenzügen Ssu-ssuskara-tau und Nurata-tau begrenzt, im O. vom Ge0 Sultan-Khazret und dessen füböfl. Fortsehung Baba-dag, im S. vom obern Amu-Darja, im W. durch die Steppe von Merw, im NW. wieder von dem rechten Ufer des Amu bis zu dem Punkte Meschekly. Seine polit. Umgebung wird gebildet im N. und O. vom russ. Turkestan, im S. von und in tan, im W. vom Gebiete der Turkmenen und im W. vom Chanate Chiwa. Der so umgrenzte Raum enthält etwa 239000 gkm, nachdem das obere Thal des Sarafschan mit Samarkand und Katy-Kurgan 1868 von den Russen erobert worden, das nordwestl. Dreieck Meschekly — Kukertli — Sfu-ssus-kara-tau aber 1873 als russ. Geschenk neu hinzugekommen ist. Zum großen Teil von schwarzen oder gelben lugsandwüsten, hier und da von festen lehmigen trecken und niedrigen kahlen Bergzügen eingenommen, beschränken sich die angebauten Landschaften auf die ½ namentlich des Amu-Darja, der das süd che B. von SO. nach NW. durchfließt, des wasserreichen Sarafschan, der, von O. kommend, die Umgebungen der Hauptstadt B. bewässert, und des unbedeutenden Karschin-Darja im SO. der Hauptstadt, sowie auf die Abhänge der genannten öit Gebirgsketten, den letzten Ausläufern des OIOr schan. Obgleich zwischen dem 37. und 41. nördl. Br. und nur 345—377 müber dem Meere gelegen, hat das Land, abgesehen von dem gemäßigten Klima der östl. Gebirgsgegend, bei sehr warmen Sommern (bis 387 C.) strenge Winterkälte (bis 23 C.); auch fällt bisweilen fußtiefer Schnee, wogegen es selten, meist nur im Frühling, regnet und die Trockenheit des Klimas eine künstliche de wirnd Baun Felder nötig macht. Außer Getreide wird aumwolle, Tabak, Gemüse und Obst gebaut, ie Wepotterrmhr detpactienr werden gezogen. Die Bevölkerung eträgt, die Nomadenhorden mit eingerechnet, etwas über 2 Mill. Seelen und besteht aus den kriegerischen, dem tatar. Stamme angehörigen Usbeken, welchen der Emir oder Herrscher angehört und die den größten Teil der Armee bilden, den seßhaften, von iran. Ureinwohnern abstammenden Tadschiks, welche das numerische Übergewicht haben, Eender Kirgisen, etwa 60000 Arabern, Nachkommen der vom dritten Kalifen von Bagdad bei der Eroberung von Turkestan dahin geführten Krieger; ferner aus Persern, die meist von den Teke-Turkmenen als Sklaven nach B. gebracht worden sind, Turkmenen aus Merw, einigen Hindus und etwa 10000 Juden, die rechtlos und bedrückt in den Städten wohnen. Solcher Städte gibt es nach Rdeutuna von Samarkand nur noch zwei von Bedeutung, die Hauptstadt Bokhara (s. d.) und Karschi mit etwa 20000 E.; außerdem hat das Land noch ungefähr 20 kleinere Städte, von denen zunächst Kermineh im Thale des ½½ an der Straße von der tstadt nach Samarkand als befestigter Mittelpunkt des am besten angebauten und an Vegetation reichsten Kreises des Chanats, dann Hissar im O., in dessen Citadelle der Schatz des Emirs aufbewahrt wird, wegen seiner guten Messer⸗ und Schwertklingen, und Tschard-schui am linken Amu-Ufer, an der von der Hauptstadt nach Merw führenden Straße, wegen seiner Pferdemärkte, sowie Schachrisjebs als starke Festung an der nach Afghanistan führenden Handelsstraße zu erwähnen sind. Eine von NW. nach SO. vorschreitende, die Hauptstadt bereits stark bedrohende Versandung hat den nördl. Teil des Chanats in der neuesten Zeit sehr entvölkert; die Auswanderung richtet sich besonders nach dem russ. Samarkand hin. Bei strengsten äußern Formen herrscht roße Sittenverderbnis unter der aller edlern Ge0 mit Ausnahme der Gastfreundschaft, baren evölkerung. Das Land zeichnet sich vor andern wittelasiatischen durch „ lreiche Schulen und eine Wedrareremne gute Bildung aus, doch nehmen die Frauen eine noch untergeordnetere Stellung ein als in andern mohammed. Ländern, und die Zutände des Staats hängen bei der absoluten, nur urch die fanatische Geistlichkeit beeinflußten Gewalt des Emirs, der vom türk. Sultan nach seinem Reierungsantritte eine Art Bestallung als Emir er6 von der Persönlichkeit des letztern ab. Die okharen sind strenggläubige Sunniten, wie die Afghanen und Turkmenen, und deshalb abgesagte einde der schiitischen Perser. Neben dem Landau ist die Viehzucht besonders hervorzuheben; bokhar. Kamele, Pferde und Schafe sind in Asien berühmt. Industrie besteht eigentlich nur in der gand der gewöhnlichen Handwerke, dagegen ist der arawanenhandel stark entwickelt, und es kommen namentlich Baumwolle, Reis, Seide, Indigo, auch Pelzwaren zur Durch⸗ und Ausfuhr Baumwollarn und Baumwollwaren, Eisen, Waler Leder und da aus Rußland zur Einfuhr. Der russ.⸗bokhar. andel stellte 1867 einen Umsatz von 10524897 Rub. dar, wovon B. für 1904 469 Rub. mehr exportierte als importierte; seitdem hat sich dieser Um1 noch wesentlich vergrößert. Das stehende Heer es Emirs besteht jetzt nur aus etwa 10000 Sarbassen (Fußtruppen), welche von russ. und afghan. überläufern ausgebildet werden, und aus Artillerie ur Bedienung von 200 veralteten Geschützen verschiedensten Modells; die Infanterie führt gezogene Gewehre, welche aus Indien eingeführt worden sind. Außer diesen, nach europ. Art uniformierten Truppen besteht der Heerbann, dessen Aufgebot ungefähr 30000 irreguläre Reiter im Kriegsfall zur Verfügung stellt, wenn genügende Aussicht auf Beute vorhanden ist. eschichte. Die Geschichtsquellen für B. beinnen etwas reichlicher zu fließen, seitdem das alte iran. Transoxanien von 666 an die Einfälle der Araber erfahren hatte und um 714 zum Islam übergetreten war. Den polit. und religiösen Wirren, durch welche die arab. Herrschaft gekennzeichnet ist, machte Ismail, Urenkel des vom Zoroasterkultus zum Islam übergetretenen Saman, aus Balch ein Ende, welcher 893 Emir von B. (Mawarännahr) und von Khwärizm (Chiwa) wurde und B. zu seiner Residenz erwählte. Das Reich der Samaniden erstreckte sich zur Zeit seiner größten Blüte gegen Mitte des 10. Jahrh., südlich bis zum Sefid-Kuh und über Merw, Herat, Segestän und Chorasan. „*%˙ Nachfolger, wurden 1004 von den türk. ldschukiden getarzt, welche jedoch keine lbe Machtstellung zu gewinnen vermochten. So wur B. der Kampfpreis zwischen dem stl. Nachbarn, dem Uiguren Kurchan, und dem westlichen, dem Khwärizm-Fürsten Mohammed Kutb-ed-din. arich dem letzterer obgesiegt, veranlaßte er durch Hinri tung zahlreicher mongol. Kaufleute 1218 den Einfall Dschingis-Chans. Dem vom Altaigebirge bis zum Orus reichenden Chanat von Tschagatai einverleibt, wurde B. und Samarkand nun der Schauam der Bruderkriege der Nachkommen ReOler. hans. Die osttürk. Stämme erlangten die Ober herrschaft und Timur Beg (Tamerlan, der Eroberer fast ganz Vorderasiens) wurde 1369 Emir von B., welcher zu Samarkand residierte, diese Stadt, sowie die Stadt B. zu hoher Blüte deban viele Schulen 4 von Dmn dete, den Ackerbau durch Anlegung von Kanälen und Bewässerungsanlagen förderte und ein ausgedehntes Straßennetz erbaute. Seine Enkel erleichterten durch ihre das 15. Jahrh. einnehmenden Zwistigkeiten und ihr willkürliches und kraftloses Regiment die Eroberung des Landes durch Scheihani 1500, wodurch der Stamm der Usbeken von der zwischen Wolga und Aral wohnenden Goldenen Horde die Herrschaft über das Chanat von B. erlangte. Die Scheibaniden des 16. Fuhalt vermochten den Verfall ebenso wenig aufzuhalten wie die 1597 zur Herrschaft gelangten tarchaniden und das feit 1784 regierende Haus Mangit. Unter dem zeloti4½ Büßer Emir Magsum (1784—1803) wurde ie bereits unter den Scheibaniden wieder wie in alter Zeit gezogene Trennungslinie des Orus das Markzeichen thatsächlicher Scheidung und Entfremdung zwischen Iran und Turan, doch erfreute sich unter ihm das Chanat noch eines gewissen Wohlstandes, welcher unter seinem Sohne Emir Said (1803—26) und seinem Enkel Emir Nasrullah (1826—60) bald verschwand. Letzterer ist wegen seines religiösen Fanatismus berüchtigt, unter welchem mehrere europ. Reisende viel zu eiben hatten. Nachdem Alex. Burnes im Auftrage der indobrit. Regierung 1832 in B. gewesen, schickte w1838 der engl. Gesandte in Teheran den Oberst Stoddart nach B., um Nasrullah zum Freilassen russ. Gefangener, die er bei seinen Raubzügen auf russ. Gebiet gemacht, zu bewegen. Nasrullah, durch die Nichtbeantwortung seines Briefs an die Königin von England gereizt, ließ Stoddart ins Gefängnis werfen und durch die grausamste Behandlung und Bedrohung zum Bekennen der Lehre Mohammeds wingen. Kapitän Conolly, der zu gleichem Zwecke in Chiwa und Chokand gewesen und 1841 nach B. gekommen war, wurde in ähnlicher Weise mißhandelt und mit Stoddart 5to 1842 hingerichtet. Gewißheit über ihr Schicksal brachte der Missionar Wolff, der 1843 zu diesem Zwecke nach B. ging. Während des Aufenthalts der beiden Engländer in B. kam 1841 dahin auf Wunsch des Emirs eine russ. Expedition, bestehend aus den Bergingenieuren Oberst Butenjew und Lieutenant Bogoslowsky, dem Geographen N. Khanykow und dem Naturforscher Alex. Lehmann, welche nach Erforschung des Sarafschanthals und der Aufnahme von Samarkand wieder über B. zurückkehrten, ohne für ihre diplomatische Mission, einen Vertrag zur Sicherung der Person und des Eigentums russ. Untertanen sowie des russ. Handels mit dem Emir abzuschließen, auch nur die einfachste Rücksichtnahme internationalen Verkehrs Rban en zu haben. Erst 1863, drei Jahre Sohnes Nasrullahs, gelangten wieder einige Europäer nach B.: von Orenburg her die Mailänder W. B. L Litta und Meazza, welche die Seidenzucht in B. kennen lernen und gesunde Seidenwürmer-Eier kaufen wollten, im Juni die Hauptstadt erreichten, aber daselbst ein Jahr lang gefangen gehalten wurden und erst nach energischen Schritten von seiten Rußlands ihre Freiheit erhielten „und H. Vämbery, der unter der Maske eines Derwisches mit aus Mekka heimkehrenden Pilgern über Persien und die Turkmenensteppe dorthin gelangte. Nachdem sich die Russen seit 1847 an der Mündung des Syr-Darja (Jaxartes) festgesetzt, sahen sie sich seit 1860 veranlaßt, energisch an diesem Strome weiter aufwärts vorzugehen. Sie bemächtigten sich 1861 der Stadt Dschulek, 1864 der Städte Turkestan und Aulie-Ata, stellten die Verbindung zwischen beiden her und besetzten Tschimkent, Nijasbeg und schinas. Das eingenommene Land, welches bis dahin die nördl. Hälfte des Chanats Chokand bildete, wurde durch Ukas vom 12. (24.) Febr. 1865 nebst einigen schon früher russ. Gebieten als Gouvernement Turkestan dem Generalgouvernement von Orenburg einverleibt. Als der Chan von Chokand bald darauf in das russ. Gebiet einfiel, rückten die Russen weiter vor halten Taschkend an und brachten diesen wichtigen 9 atz 28. Juni 1865 in ihre Gewalt. Sie verleibten Taschkend zunächst dem russ. Gebiete nicht ein, sondern erklärten dasselbe für ein unabhängiges Chanat unter dem Schutze Rußlands. Hiergegen trat aber nun der Emir von B., Mozaffar-ed-din, auf. General Romanowski ergriff W auch Wr diesen die Offensive, schlug die Bokharen 20. Mai 1866 bei Irdschar am Syr-Darja und nahm schließlich 5. Juni das nur 52 Em entfernte den Beit mit Sturm. Hierdurch kam Rußland in den Besitz des ganzen untern und mittlern Thales des Syr-Darsa, und bald darauf wurde Taschkend 29. Aug. dem russ. Gebiete einverleibt. Inzwischen dauerte der Kampf gegen Mozaffar-eddin fort. Am 14. Olkt. wurde von den Russen die Festung Uratjube und 30. Okt. die Festung Dschisak genommen, wodurch das ganze Gebiet zwischen dem Syr-⸗Darja und dem Kara-tsche-tau-Gebirge in die Gewalt der Russen kam. Nachdem die Fein seligkeiten 1867 einen etwas mattern Verlau genommen, wurden sie im Frühling 1868 um so entschiedener fortgesetzt. Der neuernannte Oberbefehlshaber, Ge19. Juni ner N. bestürmt, aber von der russ. Be30. Juli 1868 zum Frieden mit Mozaffar-ed-din, in welchem derselbe den Russen die Städte Samarkland und Katy-Kurgan nebst den zugehörigen Landschaften (das obere Thal des Sarafschan) überließ, sowie sich zur Zahlung einer namhaften Entschädigung und zum Schutze des russ. Handels verpflichtete. Die von B. abgetretenen Gebiete bilden den südöstl. Teil des nun unter dem Generalgouverneur von Kaufmann Eurtetan organisierten General-Denerhit r Turkestan (s. 99. Im darauffolgenen Herbst schritten die Russen auf Bitten des Emirs gegen den aufständischen ältesten Sohn desselben ein und schlugen unter General Abramow 21. Oit. 1868 bei Karschi dessen Truppen. Abramow besetzte zwar 23. Okt. diese Stadt, doch wurde sie dem Emir zurückgegeben. Am 12. Okt. 1869 ließ der Emir eine esandtschast mit Geschenken (Tribut) an den Zaren nach Petersburg abgehen. πν war Mozaffar-ed-din mit Afghanistan (Kabul) in Streit geraten. Schir-Ali-Chan hatte des Emirs rebellischen Sohn eine Zeit lang sehr gut aufgenommen, und Mozaffar-ed-din glaubte, zumal da die Dieten ken des Chans von Kabul in den nördl. Geieten seines Reichs auf schwachen Füßen stand, biet +. Recht auf Badachschän und das Quellgebiet es Oxus geltend machen zu können. Er hatte bereits ein Heer zur Eroberung jener Gebiete abgesandt, als er gegen Ende 1869 auf Andrängen der Russen mit Kabul einen Vertrag abschloß, in welchem der Oxus als Grenze der beider eitigen Herr-Fursten von ward. Im Sommer 1870 fielen ie Fürsten von Schachrisjebs, während General Abramow auf einer größern Expedition im Quellgebiete des Sarafschan abwesend war, in das russ. Gebiet von Samarkand ein. Bereits im August setzten sich russ. Truppen unter General Abramow von Samarkand aus dorthin in Bewegung und schon 14. Aug. war die Unterwerfung des Landes mit der +½ der für uneinnehmbar geltenden Felsenburg Kitab vollendet. Die Russen überließen dem Emir von B. die weitere Unterwerfung des bisher unabhängigen Raubstaates Schachrisjebs und Dlossan am 28. Sept. (10. Olt.) 1873 einen in Lend ühes un) din infolge seiner den Russen während Halt seldzugs gegen Chiwa bewiesenen 218522 altung von den Siegern den südwestl. eil des von Chiwa an Rußland abgetretenen östl. Amu-Darja-Gebiets als Geschenk. ozaffar-ed-din starb 16. Jan. 1882. Litteratur. Burnes, Travels into B.„ (Lond. 1834; deutsch, Weimar 1835); Wolff, Narrative of a mission to B.5 (Lond. 1845); K anykow, 4Beschreibung des Chanats B.y (russ., Petersb. 1843 engl. von Bode, Lond. 1845); Lehmann, BReise nach B. und Samarkand »(Petersb. 1852); Gavazzi, Alcune notizie raccolte in un viaggio a Bucara- (Mail. 1867); Vämbery, «Reise in Mittelasien v (Epz. 1865; 2. Aufl. 1873), „Stizzen aus Mittelasien (Lpz. 1868), 4Geschichte B.S (2 Bde., Stuttg. 1872), Centralasien und die engl.⸗russ. Grenzfragey (Lpz. 1873); Wenjukow, „«Die russ.⸗asiat. Grenzlande »(deutsch von Krahmer, Lpz. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 276Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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