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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Comte (Isidore Auguste Marie Francois Xavier), der originellste unter den franz. Denkern des 19. Jahrh., Begründer des sog. Positivismus, geb. 19. Jan. 1798 zu Montpellier, studierte auf der Polytechnischen Schule zu Paris und geriet dabei in nahe Verbindung mit Saint-Simon (s. d.), für dessen Journal «L'Organisateur er arbeitete, von dem er sich jedoch bald trennte. Er erhielt sich durch mathem. Unterricht und eröffnete eine Vorlesung über seine «positive Philosophiev. Überarbeitung und Aufregung brachten ihm eine nervöse Erkrankung, welche für mehrere Jahre seine Thätigkeit unterbrach. Im 00 1832 wurde er zum Repetenten an der Ausnahm chen Schule und zum Examinator für die Aufnahme der Schüler derselben ernannt in welcher Stellung er bis 1851 blieb. Dann ga er diese Stellung auf und lebte in Zurückgezogenheit bis zu seinem Tode am 5. Sept. 1857. Der wissenschaftliche Ertrag von C.s Leben war der «Positivismus » (s. d.), welchen er in seinem „Cours de philosophie positiver (6 Bde., Par. 1830—42; 3. Aufl. 1864; die Einleitung dieses Werks ist ins Deutsche übersetzt von G. Schneider, Lpz. 1882) niederlegte, ein neuer Versuch einer rein sch gebildet, vo Philosophie. Einseitig mathematisch gebildet, vollkommen autodidaktisch verfahrend, glaubte C. etwas völlig Neues zu schaffen, wenn er Gedanken, die aus dem 18. Jahrh. in die allgemein wissenschaftliche Situation des 19. Jahrh. übergegangen sind, in persönlich ursprünglicher Form zur Darstellung brachte. So stellte er das Gesetzo auf, daß alle menschliche Erkenntnis mit der theol. Auffassung beginne, um von da durch die Irrtümer der Metaphysik hindurch auf den «positivend Standpunkt zu Hπ1 auf welchem die Betrachtung der ersten Ursachen und der Zwecke gleichmäßig abgelehnt und nur die Aufstellung von Gesetzen der „Succession von Phänomenenv als die Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung erkannt wird. Diesem Gedanken entspricht es wenig, daß C., um seinerseits diese Aufgabe zu erfüllen, eine Hierarchie der Wissenschafteno aufstellt, in deren Aufbau jedesmal die folgende sich als die kompliziertere aus den vorhergehenden als den einfachern ergeben soll, daß er als die einfachste die Mathematik als die Lehre von Zahl, Raum und Bewegung zu Grunde legt und darauf successive die Astronomie, die Physik, die Chemie, die Biologie und die (von ihm so benannte) Soziologie folgen läßt. Wenn dabei die Rüchabre in einen Teil der Biologie (als Nervenphysiologie oder Phrenologie) verwandelt wurde, so begreift sich, wie ein Teil seiner Anhänger, z. B. Littre (s. d.), zu völlig materialistischen Ucernwison fortschritt, während seine engl. Anhänger, wie Mill, Lewes und Spencer, mehr die methodologische Tendenz seiner Lehre, d. . die Auflösung der Philosophie in die Erfahrungswissen-Iptonset „betonten und den Verzicht des Denkens, über sein sinnliches Material hinauszugehen, als die «agroße Entdeckungo C.s proklamierten. Die Widerlegung dieses Positivismus übernahm C. selbst: am Schlusse seines Lebens wurde der Gegner aller onitiichens in echt mystischer Weise, den Saint-Simonistischen Jugendeindrücken folgend, zum Stifter einer Religion, deren Objekt die Menschheitv, das «große Wesenv, sein sollte. Sein 4 Système de politique positive, ou Traité de sociologie, instituant la religion de l'humanitén (4 Bde., Par. 1851—54) verkündete diese Lehre; erläutert wurde sie durch: „Bibliothèque positivisten (Par. 1851), „Catéchisme positivistes (Par. 1853) und «Ca⸗- lendrier positivistes (Par. 1849—60). — Vgl. G. H. Lewes, «C.'s philosophy of the positive sciencesy (Lond. 1847); Robinet, Notice sur I'uvre et sur la vie de C.v (Par. 1860); Littré, &C. et la philosophie positiver (Par. 1863); derselbe, C. et Stuart Milb (Par. 1866); desselben «La philosophie positiven (Par. seit 1867); J. St. Mill, „C. and positivismy (2. Aufl., Lond. 1866; deutsch, Lpz. 1874); Pellarin, EEssai critique sur la philosophie positive v (Par. 1866).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 546Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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