Derby (Edward Henry Stanley, Graf von), brit. Staatsmann, Sohn des vorigen, bis zum Tode seines Vaters (1869) als Lord Stanley bekannt, geb. 21. Juli 1826 zu Knowsley, besuchte die Schule zu Rugby, dann die Universität zu Cambridge und bewarb sich schon im Frühjahr 1848 um einen Parlamentssitz für Lancaster, doch ohne Erfolg. Hierauf unternahm er eine Reise nach Nordamerika und Westindien und widmete den dortigen Zuständen ein ernstes Studium. Noch vor seiner Rückkehr erhielt er die Nachricht von seiner Wahl zum Parlamentsmitglied für den Flecken Kings-Lynn. Er nahm demnach im Asbald 18⁵⁰ seinen Sitz im Unterhause und zog alsbald durch eine Rede über die Zustände der westind. Kolonien die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Im folgenden Jahre machte er eine Reise in die-Levante und nach Ostindien, um sich eine tiefere Kenntnis auch der dortigen Verhältnisse und der orient. Interessen Englands anzueignen. Noch befand er sich in Indien, als die Nachricht von dem Sturze der Whigs, der Bildung eines Toryministeriums durch seinen Vater und seiner eigenen Ernennung zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte ihn erreichte. Nach seiner Rückkehr wurde er wieder zum Parlamentsmitglied für Kings-Lynn gewählt; da aber das Toryministerium schon im Dez. 1852 gestürzt wurde, fand er keine Gelegenheit, von seiner Tüchtigkeit als Vertreter der auswärtigen Politik im Unterhause Proben abzulegen. Während der Session von 1853 befürwortete er mit großer Sachkenntnis einen Antrag auf vollständige Reform der ind. Verwaltung. In den folgenden Jahren dagegen nahm seine öffentliche Thätigkeit eine andere Richtung. Ohne das konservative Parteiinteresse irgendwie zu betonen, widmete er sich der Beförderung von Arbeitervereinen, öffentlichen Bibliotheken, Volkserziehung, ökonomischen und andern gemeinnützigen Verbesserungen und errang dadurch den Ruf eines aufgeklärten und einsichtigen sozialen Reformers. Seine Haltung war eine so entschieden freisinnige, daß man sich gewöhnte, seine Parteiverbindung mit den Tories als einen Zufall der Geburt zu betrachten, und seinen baldigen offenen Übertritt zur polit. Reformpartei erwartete. Lord Palmerston suchte daher den jungen Staatsmann für sein Ministerium zu gewinnen und trug ihm 1855 den Posten des Kolonialministers an. D. wies indessen diesen Vorschlag zurück. Als Anfang 1858 die Tories unter der Leitung seines Vaters ans Staatsruder zurückkehrten, übertrug ihm dieser das Ministerium für Indien, in welcher Stellung er mit Nachdruck und Erfolg die großen polit. Veränderungen durchführte, welche nach der ind. Rebellion zum Beschluß gekommen waren. Nach dem Sturze der Tories 1859 trat er zwar wieder in die Reihen der Opposition, bewahrte aber immer eine maßvolle Haltung. Während des amerik. Bürgerkriegs gehörte er zu den wenigen engl. Staatsmännern, welche der leidenschaftlichen Parteinahme für die Südstaaten wenigstens eine vorurteilsfreie Würdigung der n Aneben entgegensetzten. Einen Stoß erlitt sein Ansehen in den Reformdebatten von 1866, da er sich, wie es schien gegen seine wahre überzeugung, im Unterhause zur Unterstützung der toryistischen Opposition hergab, welche durch Parteimanöver den Fortgang der Parlamentsreform zu hemmen suchte. Als die Debatten über die Reformbill im Juli 1866 den Sturz des Ministeriums Russell herbeiführten, wurde ihm in dem neuen Ministerium seines Vaters der Posten des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten übertragen. Hier wußte er durch Festigkeit und Klugheit der auswärtigen Politik Englands Ansehen zu verleihen, wie unter anderm der Depeschenwechsel mit der amerik. Regierung in der Alabama-Angelegenheit, die Verhandlungen mit Spanien wegen der Wegnahme engl. de Be sein Verhalten in der luxemb. Frage und seine Behandlung der abessin. Frage bewiesen. An den Reformdebatten von 1867 nahm er keinen Anteil. Als im Febr. 1868 sein Vater sich zurückzog und der bisherige Schatzkanzler Disraeli die Neubildung des konservativen Kabinetts übernahm, behielt D. das Ministerium des Auswärtigen, da es sich nur um einen Personenwechsel, nicht um eine prinzipielle Veränderung handelte. Der Ausgang der nach dem Wahlgesetz von 1867 vorgenommenen allgemeinen parlamentarischen Neuwahlen, die eine liberale Majorität von mehr als hundert Stimmen ergaben, führte indes schon im Dez. 1868 den Fall des Ministeriums Disraeli herbei. Nach seines Vaters Tode (23.Okt. 1869) nahm D. in der Session von 1870 seinen Sitz im Oberhause. Schon vorher hatte man ihm die durch jenes Ereignis erledigte Führerschaft über die konservativen Lords angeboten; doch hatte er den Vorschlag abgelehnt und blieb auch später, als die Bitte mehrfach wiederholt wurde, seinem ersten Entschlusse treu. Nach dem Sturze des Ministeriums Gladstone im Febr. 1874 kehrte er in dem neuen Ministerium Disraeli an seinen frühern Posten als Minister des Auswärtigen zurück. Als solcher vertrat er die wesentlich durch Disraelis Einfluß bestimmte Politik Englands in den bald ausbrechenden orient. Wirren, bis im Frühjahr 1878 der die engl. Flotte nach Konstantinopel zu schicken und durch ein von Ostindien herangezogenes Truppenkorps von der Insel Cypern Besitz zu ergreifen, seinen Rücktritt aus dem Ministerium veranlaßte. Nach den allgemeinen Neuwahlen von 1880 und dem Sturz des konservativen Ministeriums erklärte er offen seinen Anschluß an die liberale Partei und trat am 13. Dez. 1882 als Staatssekretär der Kolonien in das Kabinett Gladstone. Seit Juli 1870 ist er mit Mary Catherine, Witwe des 1868 gestorbenen Marquis von Salisbury, verheiratet.