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GeschichteBrockhaus 1882

Derby (Edward Geoffrey Smith Stanley, Graf von), brit. Staatsmann, bis zum Tode seines Großvaters (1834) als Mr. Stanley, dann bis zu dem seines Vaters (30. Juni 1851) als Lord Stanley bekannt, wurde 29. März 1799 zu Knowsley-Park in Lancashire als Sprößling einer alten, historisch berhmten Familie geboren. Er studierte zu Eton und Oxford und begann 1821 die öffentliche Laufbahn, indem er für Stockbridge ins Unterhaus trat. Später vertrat er Preston, Windsor und die Grafschaft Lancaster. Allgemeinere Aufmerksamkeit erregte er zuerst 1824 durch eine Rede, in welcher er gegen Humes Antrag den Bestand der Hochtirche in England mit Mut und Gewandtheit verteidigte. Nach einer kurzen Reise in den Vereinigten Staaten verheiratete er sich im Mai 1825 mit einer Tochter Lord Skelmersdales und wurde 1827 von Canning zum Unterstaats-I für die Kolonien ernannt, ging aber nach er Bildung des Ministeriums Wellington zur liberalen Opposition über. Seine Kenntnisse, seine feste Haltung und die kräftige, feurige Beredsamkeit, welche er im Parlament entwickelte, machten ihn zu einer der Hauptstützen der Whigregierung, in der er 1830 als Obersekretär für Irland angestellt wurde. Wiewohl er durch die große Strenge, womit er sein Amt verwaltete, die irische Partei Verth erzürnte, begünstigte er doch in Irland die erbesserung der Geschworenengerichte und des öffentlichen Unterrichts, die Beschränkung der Orangelogen und die Entfaltung der materiellen Hilfsquellen des Landes. Auch that er nach Durchführung der Reformbill von 1832, die er mit großer Energie gegen Peel verteidigen half, die ersten Schritte zur Ablösung der irländ. Zehnten. In der Session von 1833 übernahm Stanley mit dem Ministerium der Kolonien die schwierige Aufgabe, die Abschaffung der Negersklaverei im Parlament durchzusetzen, eine Aufgabe, welche er glücklich löste. Als jedoch die Majorität des Kabinetts beschloß, den überschuß des irischen Kirchenvermögens für weltliche Zwecke zu verwenden, geriet er in Widerspruch mit seinen Kollegen und legte im Mai 1834, zugleich mit Sir James Graham, dem Grafen Ripon und dem Herzoge von Richmond, seine Stelle nieder. Trotzdem bemühte bei der Entlassung der Whigs im Nov. 1834 Peel sich vergebens, Stanley zum Eintritt in das Torykabinett zu bewegen. Erst als im April 1835 die Tories wegen der die Integrität des prot. Kirchenguts in Irland verletzenden Appropriationsklausel, welche Lord Russell im Unterhause zur Annahme brachte, den Whigs wieder weichen mußten, trennte er sich völlig von seinen frühern Parteigenossen und stimmte fortan mit den gemäßigten Tories. Er bekämpfte nun das Ministerium Melbourne und trug viel zu dessen Sturze im Aug. 1841 bei. Hierauf trat er als Staatssekretär für die Kolonien in das neue Ministerium Peel, dessen Maßregeln er mit großer Gewandtheit unterstützte. Als ein eifriger Verteidiger der aristokratischen Interessen erklärte er sich jedoch gegen die Abschaffung der Schutzzölle auf Getreide und Zucker, sodaß er mit Peel, als dieser sich für die Freihandelspolitik erklärte, zerfiel und bei der Ministerkrisis im Nov. 1845 seine Entlassung nahm. Mit großer Heftigkeit und Hartnäckigkeit widersetzte er sich dann in der Parlamentssession von 1846 der Durchführung der Maßregeln, die ihn zum Rücktritt veranlaßt hatten. Schon 1844 war er, noch bei Lebzeiten seines Vaters, als Lord Stanley ins Oberhaus getreten, und von einer zahlreichen Partei unterstützt, bereitete er dort als Führer der Protektionisten seinen alten Freunden, den Whigs, harte Kämpfe und griff auch die seit 1848 von ihnen befolgte auswärtige Politik leidenschaftlich an. Als im Febr. 1851 die Whigs nach mehrern Niederlagen ihre Entlassung einreichten, ward Stanley von der Königin mit Bildung eines Ministeriums beauftragt, das jedoch nicht zu Stande kam, weil namhafte Staatsmänner sich einem protektionistischen Kabinett nicht anschließen wollten. Erst nach dem Rücktritte der Whigs 20. Febr. 1852 gelang es dem nunmehrigen Grafen D., allerdings nicht kraft eines Siegs seiner Ansichten, sondern infolge der Uneinigkeit seiner Gegner, ein konservatives Kabinett zu Stande zu bringen, das er selbst als erster Lord der Schatzkammer leitete. Um sich aber am Ruder zu erhalten, entschloß er sich jetzt, den Protektionismus fallen zu lassen, blieb aber trotzdem bei den Neuwahlen in der Minorität und mußte schon im Dezember abdanken. Zur Entschädigung erwählte ihn seine Partei an Wellingtons Stelle zum Kanzler der Universität Oxford. Während des Orientkriegs unterstützte er teilweise die Regierung und lehnte die ihm nach dem Rücktritt Aberdeens 1855 angetragene ildung eines neuen Ministeriums ab. Dagegen bekämpfte er die Politik des Ministeriums Palmer⸗ — im chines. Kriege und benutzte Palmerstons iederlage in der Konspirationsbill 20. Febr. 1858, um zum zweiten mal an die Spitze der Regierung zu gelangen. In dieser Stellung machte er dem Kriege gegen China durch den für England höchst günstigen Vertrag von Tien-Tsin ein Ende, setzte die zur Dämpfung des ind. Aufstandes getroffenen Maßregeln mit Erfolg fort und erledigte die mit Amerika über das Durchsuchungsrecht entstandenen Mißhelligkeiten. Indessen erregte seine in der ital. Frage kundgegebene Parteilichkeit für Osterreich die Unzufriedenheit des engl. Volks, und da auch die von seinem Kollegen Disraeli eingebrachte Reformbill von denLiberalen verworfen wurde, mußte er17. Juni 1859 abermals aus dem Ministerium scheiden. Seitdem begnügte er sich jahrelang mit einer mehr beobachtenden Rolle, ohne das auf die Erhaltung des Statusquo hinzielende System des alternden Palmerston nir zu bekämpfen. Eine entschiedenere Haltung nahm er nach der Bildung des Mieriums Russell-Gladstone (Nov. 1865) an. Die urch dieses eingebrachte Reformbill von 1866 n. schon im Unterhause an dem Widerstande er Konservativen, und D. gelangte infolge davon von neuem an die Führung der Geschäfte (Juli 1866). Aber die mächtige Reformbewegung, die sich während der folgenden Monate über ganz England verbreitete, überzeugte ihn, daß es unmöglich sei, dem engl. Volke eine Reform der parlamentarischen Vertretung länger vorzuenthalten. Mit dem für ihn charakteristischen Ungestüm ging er daher lötzlich von dem schroffen Widerstande gegen die Porlamentsseform zu Zugeständnissen über, welche die konservative Reformbill von 1867zu einer radikalern Maßregel machten als die liberale Reformbill von 1866. Die Reformbill von 1867 war der letzte wichtige Akt seines polit. Lebens. Wegen überhand nehmender gichtischer Leiden legte er im Frühling 1868 seinen Posten als Premierminister und Führer der konservativen Partei nieder. Während der Session von 1868 erschien er nur bei eini9 seltenen Gelegenheiten im Parlament, um die ords in ihrem Widerstande gegen die von Gladstone angeregte Politik in Betreff der irischen Kirche zu bestärken. Er starb auf seinem Stammsitze Knowsley 23. Okt. 1869. Als Schriftsteller machte er sich bekannt durch eine Übertragung der Ilias in reimlosen Jamben (2 Bde., Lond. 1864; 5. Aufl. 1866), die sich durch Treue und poetischen Geist auszeichnet. In Preston (1873) und in London auf dem St.⸗Margaret Square (1874) wurden ihm Statuen errichtet. Vgl. Althaus, Graf D. (in Unsere Zeito, 1870, II).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 68Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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