FeedEklampsie
HeilkundeBrockhaus 1882

Eklampsie (grch.) nennt man über den ganzen Körper verbreitete, in heftigen Zusammenziehungen der Muskulatur bestehende und mit Bewußtlosigkeit verbundene Krampfanfälle, welche sich äußerlich und vielleicht auch ihrem wahren Wesen nach nur dadurch von der Epilepsie (s. d.) unterscheiden, daß ebei letzterer die Krampfanfälle sich in gewissen Perioden regelmäßig wiederholen, während die eklamptischen Krämpfe nur einmal oder nur mit einigen Wiederholungen während einer gewissen 2 einzutreten pflegen. Man unterscheidet zwei Formen, nämlich die E. der Kinder und die E. der Schwan5gern und Gebärenden. Die Eklampsie oder die Konvulsionen der Kinder (eclampsia infanrtum), auch wohl Krämpfe, schlagender Jammer, Gichter oder Fraisen genannt, stellen eine Jverhältnismäßig häufige Kinderkrankheit dar, welche 9auf den verschiedensten Ursachen beruhen kann. Am häufigsten findet sie sich bei Säuglingen, namentlich uzur Zeit des Zahndurchbruchs, seltener im spätern „Kindesalter, und zwar wird sie ebensowohl bei kräftigen und Iudern bn als bei schwächlichen und blutarmen Kindern beobachtet; Knaben werden im Durchschnitt etwas häufiger von ihr befallen als Mädchen. Iu manchen Fällen handelt es sich um eine ererbte Anlage zu Krämpfen, insofern gar nicht selten die meisten oder alle Kinder derselben Rallen lie zu einer gewissen Zeit an eklamptischen Anfällen leiden. Durch Englische Krankheit oder chronischen Durchfall geschwächte Kinder werden im allgemeinen leichter von ihnen als andere betroffen. Ebenso oft geben bei Kindern Krankheiten des Gehirns, der Ausbruch mancher schwerer fieberhaften Krankheiten (Scharlach, Masern, Typhus, Lungenentzündung), Verdauungsstörungen, namentlich Verstopfung und Wurmreiz, Nierenstein, anämische Zustände, auch eine in die Haut 60 Aulaß zn Nadel oder ein heftiger Gemütseindruck Anlaß zu mehr oder minder heftigen Krampfanfällen. Bisweilen überrascht der Anfall das Kind plötzlich mitten im Spiele, in anscheinendem Wohlbefinden; in andern ällen gehen längere oder kürzere Zeit gewisse Vorboten voraus. Die Kinder sind mißmutig und ärgerlich, schlafen unruhig und unterbrochen, schließen während des Schlafs nur unvollständig die Augenlider und verziehen von Zeit zu Zeit den Mund, knirschen auch mit den Zähnen und fahren bei Berührung Aafall an zusammen. Dann bricht meist plötzlich der Anfall aus, indem der Blick stier und starr wird, die Augen umhergerollt werden, das Gesicht sich krampfhaft verzerrt und leichzeitig mehr oder minder heftige krampfartige Zudungen oder auch starrkrampfähnliche Wäßrend sich über den ganzen Körper verbreiten. Während derselben wird das Gesicht gerötet und leicht blausuchtig, der in Schaum verwandelte Speichel tritt vor die Lippen, die Haut wird mit kaltem Schweiße bedeckt, der Bauch durch verschluckte Luft aufgetrieben, die Atmung schwer beeinträchtigt, der Puls klein und überaus schnell. Dabei ist das Bewußtsein vollkommen aufgehoben und mit ihm die Empfindlichkeit für die stärksten Reize erloschen. Die Dauer der Anfälle ist verschieden; oft beträgt sie nur einige Minuten bis zu einer Viertelstunde und darüber, in andern Fällen ziehen sie sich mit mehr oder weniger langen Unterbrechungen tage⸗ elbst wochenlang hin. Die E. zählt zu den gefä auch die Krankheiten des Kindesalters, denn wenn auch die meisten Anfälle in völlige Genesun übergehen, so geschieht es doch nicht gar selten, daß während eines heftigen eklamptischen Anfalls durch krampfhaften ach dumi der Stimmritze der Tod eintritt oder nach demselben nachhaltende Störungen, wie Schielen, Lähmungen oder andere schwere Affektionen zurückbleiben oder die Krankheit durch fortwährende Wiederholung der Anfälle in wahre Epilepsie übergeht. Die Behandlung der E. soll in erster Linie eine prophylaktische sein, indem alle jene schädlichen Momente von dem Säugling fern zu halten sind, welche erfahrungsgemäß den Ausbruch der Krankheit begünstigen. Man sorge also für eine vernünftige Ernährung des Kindes, am besten durch Mutter⸗ oder Ammenbrust, für regelmäßige Verdauung 250 Luft in den Zimmern, für Reinlichkeit durch Waschungen und Bäder und vermeide alles, was Reizungen des Gehirns veranlassen könnte (anhaltendes Schaukeln, schnelles Fahren auf holperigen Wegen u. dgl.). Ganz besondere Vorsicht ist bei solchen Kindern geboten, bei denen der Verdacht einer erblichen Disposition zu Nervenkrankheiten vorliegt. Während des eklamptischen Anfalls selbst befreie man das Kind von allen beengenden Kleidungsstücken, namentlich am Halse, lagere es zweckmäßig mit etwas erhöhtem Kopfe und so, daß es sich keinen Schaden zufügen kann, und schiebe, wenn sich der Krampf auch auf die Kiefermuskeln erstreckt, ein Stück Holz, Kork oder zusammengerollte Leinwand zwischen die Kiefer, damit das Kind freier atmen kann und sich die Zunge nicht verletzt. Daneben sorge man für möglicht schnelle Zufuhr reiner frischer Luft, mache kalte Umschläge auf die Stirn und gebe reizende Klystiere aus lauwarmem Wasser und Essig; gegen das Ende des Anfalls erweist sich das Einflößen von Kamillen⸗ oder Baldrianthee oder ähnlichen nervenbelebenden Mitteln ersprießlich. Behufs Verhütung neuer Anfälle ist auf zweckmäßige Ernährung, genaue Regulierung des Stuhlganges, gehörige Abhärtung durch kalte Waschungen und auf sorgsame Behütung von Erhitzung und Aufregung Bedacht zu nehmen. Die Eklampsie der Schwangern und Gebärenden besteht gleichfalls aus plötzlich auftretenden und mit vollständigem Verlust des Bewußtseins verbundenen krampfhaften Kötpermm und Zusammenziehungen der gesamten Körpermuskulatur, welche vorzugsweise Frauen, die zum ersten mal schwanger sind, und zwar gewöhnlich erst während der Entbindung, seltener im Verlaufe des Wochenbettes, befallen und hinsichtlich ihrer Ursachen durchaus noch nicht sicher erkanntsind. Einige Arzte schreiben sie einer durch Nierenentzündung bedingten Harnstoffvergiftung des Blutes zu, während andere sie von einer anämischen Blutbeschaffenheit und der durch die Wehenthätigkeit hervorgerufenen Steigerung des Blutdrucks im arteriellen An Folge hat, herleiten. Die Dauer des einzelnen Anfalls ist verschieden und schwankt von einer Minute bis zu einer Stunde und darüber. Mit Nachlaß der Zuckungen verfällt die Kranke gewöhnlich in einen schlafsüchtigen Zustand, aus welchem sie anfangs mit wiederkehrendem Bewußtsein, jedoch tief angegriffen und ohne Ahnung von dem überstandenen Krampfe erwacht; ihr Kopf ist wüst, sie klagt über Schwere und Schmerzen in den Gliedern, bis nach längerer oder kürzerer Pause ein neuer Anfall ausbricht, der die vorausgegangenen meist an Heftigkeit übertrifft; späterhin kehrt auch in den Pausen das Bewußtsein nicht zurück, sondern die Kranken verharren in ihrem schlafsfüchtigen Zustande, der entweder durch Herz⸗ und Gehirnläh⸗ (mung zum Tode führt oder nach einem lange anhaltenden Schlafe in Genesung übergeht. Die C. gehört zu den gefährlichsten Erkrankungen der Schwangern und Gebärenden, da durch sie nicht nur das Leben der Mutter, sondern auch das des Kindes auf das äußerste bedroht wird. Die Behandlung besteht außer einer zweckmäßigen Lagerung der Kranken, reizenden tten por Hautreizen und kräftigen Abführungsmitteln vornehmlich in der dreisten Anwendung der anästhetischen Mittel (Chloroform, Chloralhydrat, Opium), durch welche es nicht selten gelingt, die Krampfanfälle zu verhüten oder wenigstens 119. Die Entbindung selbst ist durch Kunsthilfe so schnell als möglich zu beendigen, da das Leben des Kindes durch die krampfhaften Zusammenschnürungen der Gebärmutter und die hierdurch bedingten Cirkulationsstörungen auf das höchste gefährdet ist und zud em, wie die Erfahrung gezeigt hat, mit der Ausstoßung des Kindes aus der Gebärmutter die eklamptischen Anfälle häufig von selbst aufhören. klektiker (grch.) heißt einer, der von allem das, was ihm das Beste scheint, auswählt; deshalb nennt man E. diejenigen Philosophen, die kein bestimmtes philos. System annehmen, sondern aus allem das nach ihrem Urteil Wahre auswählen. Eine solche eklektische Philosophie ist stets in Gefahr, die wissenschaftliche Konsequenz einer subjektiven Vorliebe zu opfern und vielleicht sogar unvereinbare Sätze in einem wissenschaftlichen Ganzen zu verbinden. (S. Synkretismus.) In der Philosophie des Altertums wird unter der eklektischen Philosophie einerseits die namentlich bei den Römern geübte kritiklose Zusammenstellung griech. Lehren, wie sie bei Cicero hervortritt, andererseits in späterer Zeit diejenige verstanden, welche die Lehren des Pythagoras, Plato und Aristoteles in Ein System zu vereinigen sucht, und deren Hauptrepräsentanten, Plotin und Proklos, eine Ansicht aufstellten, welche die Resultate der ältern Philosophie zu einem eigenen konsequenten Ganzen verband. (S. Alexandrinisches Zeitalter.) In jedem Falle ist der Eklektizismus ein Symptom der Erschöpfung der originalen philos. Gestaltungskraft und pflegt deshalb in der Geschichte mit dem aus gleichem Grunde entspringenden Skeptizismus gleichzeitig aufzutreten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 926Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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