FeedGummi
NaturlehreBrockhaus 1882

Gummi, elastisches (Gummi elasticum, Resina elastica), auch Federharz, Kautschuk oder Caoutchouc, im Englischen India Rubber genannt, ein überaus wichtiges Pflanzenprodukt, das aus Brasilien, Neugranada, Venezuela, Guatemala und Cartagena, aus einigen Strichen des westl. Afrika, sowie aus Indien und dem Indischen Archipel in immer steigenden Mengen nach Europa und Nordamerika ausgeführt wird und hier wie dort die Grundlage eines bedeutungsvollen Industriezweigs geworden ist. Das G. ist eine Substanz, die sich in der Form mikroskopischer Kügelchen (Gummikörper) in dem Milchsafte vieler Pflanzen, namentlich der Artocarpeen, Euphorbiaceen und Apocyneen findet. Die chem. Beschaffenheit dieser Kügelchen kennt man jedoch nur erst unvollkommen, namentlich konnte man noch nicht mit Sicherheit feststellen, ob die verschiedenen Familien milchender Gewächse auch abweichend zusammengesetzte Gummikörperchen ergeben. Im allgemeinen scheinen alle Gummiarten Kohlenwasserstoffe zu sein, welche durch ihre Zusammensetzung den ätherischen Olen, durch ihre Nichtflüchtigkeit, ihr Verhalten gegen Lösungsmittel und ihre Zersetzungsprodukte den Harzen nahestehen. In den milchenden Pflanzen Deutschlands, wie im Mohn, den Cichoriaceen, Campanulaceen, den Wolfsmilcharten, treten die Gummikörper nur in verhältnismäßig geringer Menge auf, während sie in den Milchsäften zahlreicher Tropenpflanzen einen so überwiegenden Bestandteil bilden, daß diese eingetrockneten Milchsäfte selbst schon die Eigenschaften des chemisch reinen G. in hohem Grade zeigen. Im Handel unterscheidet man nach seinem Ursprunge folgende Hauptarten von G.: 1) das Para-G., welches zum großen Teile von Siphonia elastica, einem stattlichen Baume aus der Familie der Euphorbiaceen, stammt und aus Südamerika (Brasilien) zu Anfang des 18. Jahrh. nach Europa gebracht wurde. Die ersten Notizen über Vorkommen und Gewinnung gab 1757 der berühmte Reisende Condamine. Im J. 1876 waren allein in Brasilien mit Gewinnung und Sammlung dieser Kautschukart über 10000 Arbeiter beschäftigt. 2) Das ostindische G., welches 1828 in London auf den Markt kam und seit 1832 technische Benutzung fand. Dasselbe wird teils aus Ficus elastica Eocb. (s. Gummibaum), teils aus Urceola elastica gewonnen. Doch werden in Indien und auf den Sunda-Inseln bereits auch andere Pflanzensäfte zur Gewinnung von G. benutzt. Für das beste indische G. gilt das von Batavia und Java. Dann folgen der Reihe nach das von Singapore, von Penang, von Mauritius, von Siam, von Borneo, von Assam. 3) Das afrikanische G., das von verschiedenen Ficusarten abstammt und 1856 von Lagos aus in den Handel kam. Seitdem wird auch G. von Gabun, Corisco, Banlango und Angola ausgeführt. 4) Das centralamerikanische G., das besonders über Cartagena und Guatemala in den Handel kommt, wird durch Sieden aus einer Grasart, dem Calamus elasticus, gewonnen. 5) Eine andere amerik. Gummiart, die in Guayaquil (Ecuador) und Colon (Aspinwall) zur Ausfuhr gelangt, wird aus dem Milchsafte von Acorus Aruensis gewonnen; sie findet besonders in Manchester Absazz und scheint zu einem wichtigen Exportartikel für jene Gegenden des tropischen Amerika bestimmt. Das Para-G. und die beiden andern amerik. Arten sind vollkommen elastisch (active); das afrikanische zeigt sich nur halbelastisch (inactive); das indische dagegen ist gar nicht oder nur in sehr geringem Grade elastisch (passive). Die Art der Gewinnung und Einsammlung weicht nach den ver-Richsaft Ländern sehr voneinander ab. Der frische ilchsaft, in Flaschen gefüllt, kommt nicht mehr zur Versendung, den Bor es gelangt nur der eingetrocknete Saft in den Verkehr. In der Regel macht man behufs der Gummigewinnung Einschnitte in die Bäume und läßt den rahmähnlichen Saft entweder über thönerne Formen, z. B. Flaschen, Schuhe u. s. w., ausfließen und üder Holzfeuer eintrocknen, wobei er vom Rauche geschwärzt wird; hat sich auf diese Weise ein dünner überzug gebildet, so wird die Form mit frischem Milchsaft begossen, der wieder eingetrocknet wird, und dies wird so oft wieder-Lans bis eine Schicht von genügender Stärke enttanden ist. Der e wird dann entweder durch Aufschneiden und Abziehen von der Form entfernt, oder es wird letztere zerklopft und so beseitigt. In Ostindien läßt man jetzt meist den Milchsaft in flachen Gefäßen eintrocknen und bringt ihn in Form von Platten in den Handel. Früher kam fast nur die erstere Sorte vor, seit dem Entstehen der Gummi-Industrie immer häufiger die letztere, da sie sich zu technischen Anwendungen vorzugsweise eignet. In San-Salvador verdünnt man den Milchsaft mit seinem vierfachen Volum Wasser, läßt ihn dann ruhig stehen, wobei sich das G. als Rahmschicht an der Oberfläche sammelt; das darunter befindliche schmutzige Wasser wird abgelassen und so oft durch frisches ersetzt, bis schließlich keine Unreinigkeiten mehr aufgenommen werden; schließlich werden auf 100L rohen Saftes 60g Alaun, in wenig Wasser gelöst, zugefügt, wodurch sich das G. absondert und dann geknetet und getrocknet wird. Die chem. und physik. Eigenschaften des G. haben besonders Faraday, Payen u. a. untersucht. Von Bedeutung für die Technik sind insbesondere die Clasticitäts⸗ und Löslichkeitsverhältnisse. Bei mittlerer Temperatur ist das reine G. (Federharz) ein höchst elastischer Körper; bei 0 jedoch verliert es diese Eigenschaft fast ganz, ohne indes brüchig zu werden. Die gewöhnlichen Lösungsmittel wirken auf das reine G. gar nicht. In heißem Wasser erweicht es, tritt aber bei dem Trocknen in seinen frühern Zustand wieder zurück. Alkohol übt keine Wirkung aus; dagegen führen wasserfreier Ather, ätherische Sle, Chloroform, Schwefelkohlenstoff, Petroleum, Steinkohlenteeröl, Benzin und besonders die flüchtigen Destillationsprodukte des G. selbst zunächst ein starkes Aufgquellen, dann eine teilweise Lösung herbei. In diesem Zustande ist die Masse leicht zerteilbar und kann in den meisten ällen eine vollkommene Lösung vertreten. Gegen rke nchem. Agentien verhält sich das G. sehr indifferent; nur konzentrierte Schwefel⸗ und Salpetersäure zersetzen dasselbe. Gegen wässerige Flüssigkeiten ist G. als undurchlässig zu bezeichnen, dagegen ist es nach Untersuchungen von Graham von Gasen durchdringbar und zwar zeigen die einzelnen Gase ein sehr verschiedenes Durchdringungsvermögen. Nennt man z. B. die Menge von Stickstoff, welche in der Zeiteinheit durch eine Gummimembran passiert,‚ 1, so ist die des Kohlenoxyds-1,11, die der Luft = 1,149, die des Athylens = 2,148, die des Sauerstoffs 2,556, die des Wasserstoffs 5,500, die der Kohlensäure = 13,585. Bei Temperaturerhöhung ändert das G. seine chem. und physik. Eigenschaften. Bei 50 wird es etwas weicher, bei 100—120 fängt es an stark zu kleben, bei 200 geht es in eine braunschwarze, schmierige Masse über, welche durch Abkühlen nicht wieder in ihren frühern Zustand zurückkehrt. Noch weiter erhitzt, verbrennt es an der Luft mit rötlicher, stark rußender Flamme. Mit geschmolzenem Schwefel verbindet sich G. zu eigenen Massen, die bei mäßigem Gehalt an Schwefel bei allen Temperaturen weich bleiben (vulkanisiertes Gummi), bei höherm Gehalt an Schwefel und längerm Erhitzen hornartige Beschaffenheit zeigen (bartgummi, Ebonit). (S. Gummiwarenfabrikation.) Trockene Destillation des G. liefert reichliche Mengen eines farblosen, stark riechenden, ätherischen Ols, welches durch fraktionierte Destillation in mehrere Kohlenwasserstoffe zerlegt werden kann, nämlich das Kautscheen, welches bei 14, das Kautschin, das bei 171², und das Heveen, das erst bei 315 siedet. Doch sind diese und andere auf ähnliche Weise erhaltene Produkte noch sehr wenig untersucht. Sein spezifisches Gewicht ist 0,25. Seine chem. Zusammensetzung entspricht nach Payen der Formel (Uz, nach Soubeiran Ce HIo, nach Wil-Anfänglich benutzte man das G. (seit 1770 nach dem Vorschlage Priestleys) nur zum Ausreiben der Bleistiftstriche, teilweise auch zu elastischen Bällen und ähnlichen Spielwerken. Man zahlte damals in England für ein würfelförmiges Stück G. von kaum über 12 mm Größe 3 Mark. Seit 1790 machte man elastische Binden daraus, und bereits 1791 verwendete es der Engländer Sam. Peal, um Leder und andere Stoffe wasserdicht zu machen. Im J. 1820 erfand Nadler die aus Gummifäden gewebten dehnbaren Stoffe, und 1823 nahm Mackintosh das Patent auf die nach ihm benannten wasserdichten Zeuge. Um die nämliche Ren kam auch der Gebrauch des G. zu Verschlüssen und Röhrenverbindungen bei chem. Apparaten, zu elastischen chirurgischen Verbänden, zu Bougies und Kathetern auf. Im J. 1830 machte Thomas Hancock die ersten Versuche mit der Herstellung von Üüberschuhen aus G. (Gummischuhe). Der eigentliche Aufschwung der Gummi-Industrie begann jedoch erst 1836 mit den von Chaffee in Nordamerika und Nickels in England erfundenen Maschinen, welche das G. durch bloßes Kneten bei mäßiger Wärme in einen erweichten, fast unelastischen Körper umwandeln, der mit Leichtigkeit jede erwünschte Gestalt annimmt. Bald darauf folgte die Erfindung des Vulkanisierens des G., welche zwar schon 1832 von Lüdersdorff in Berlin gemacht, aber erst seit 1839 von dem Amerikaner Goodyear, sowie seit 1843 von dem erwähnten Hancock in die Praxis eingeführt wurde. Das Weitere s. unter Gummiwarenfabrikation.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 618Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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