FeedHandelsbilanz
Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Handelsbilanz heißt die Differenz zwischen dem Gesamtwerte der Warenausfuhr und dem der Wareneinfuhr eines Landes. Man nennt sie günstig, wenn diese on positiv ist, wenn also das Ausland einen Saldo zu zahlen hat; dagegen wird sie als ungünstig bezeichnet, wenn sie negativ ist, die Ausfuhr also zur Kompensierung der Einfuhr nicht ausreicht. Diese Bezeichnungen hängen noch mit den Anschauungen des Merkantilsystems zusammen, nach welchen die Erzielung einer günstigen H. als das Hauptziel der Handelspolitik erschien, indem man die Edelmetalle für die eigentlichen Träger des Reichtums hielt und daher bemüht war, der Ausfuhr ein stetes Übergewicht über die Einfuhr zu verschaffen, das durch Barzahlungen des Auslandes auszugleichen wäre. Zu diesem Zwecke wurde daher namentlich die Einfuhr der fremden Fabrikate beschränkt, damit einesteils kein Geld aus dem Lande gehe, und andererseits die einheimische Industrie soweit erstarke, um selbst exportfähig zu werden. In der neuern Zeit haben jedoch selbst die Anhänger des Schutzzollsystems die merkantilischen Ansichten über die H. mehr und mehr aufgegeben. Eine starke Einfuhr von barem Gelde aus einem Lande in ein anderes wird im allgemeinen in letzterm eine wenn auch nicht für alle Waren gleichmäßige Preissteigerung hervorrufen und dadurch die weitere Warenausfuhr nach dem erstern erschweren und schließlich vielleicht einen völligen Umschlag der H. eeinen ie Wenn umgekehrt ein Land zeitweise einen merklichen Teil seines Barvorrates, etwa infolge einer schlechten Ernte, an das Ausland abgeben muß, so tritt hier eine Erhöhung des Geldwertes ein, durch welchen fremde Barvorräte herbeigezogen werden. Einen Verlust erleidet das Land dann allerdings, aber nur wegen des Produktionsausfalls, nicht durch die Geldausfuhr als solcher. Gegenwärtig sind es hauptsächlich die großen Centralbanken, welche durch ihre Discontopolitik den Ab⸗ und Zufluß des baren Geldes regulieren. überhaupt hängt der letztere gar nicht mehr von der H. im ältern Sinne ab, die sich nur auf den Warenhandel bezog, sondern von der Zahlungsbilanz, für welche auch die auf andere Weise entstandenen Forderungen und Verbindlichkeiten in Betracht kommen. Es gibt ja auch gegenwärtig einen internationalen Effektenhandel von großem Umfange, durch welchen die aus dem Warenhandel entstehende Bilanz sowohl vergrößert als vermindert werden kann. Zugleich haben die Kapitalisten des einen Landes Zinsen oder Dividenden aus andern Ländern — beziehen, wodurch ebenfalls die Zahlungsbilanz beeinflußt wird. Daher erklärt es sich daß die Warenhandelsbilanz eines so reichen Landes wie England regelmäßig passiv erscheint. (S. Handel.) Der Überschuß der Einfuhr ist aber die Form, in welcher die Zinsen und der Gewinn der von England in seinen Kolonien und im Auslande angelegten Kapitalien einlibrie es ist daher kein Saldo in Bar zu entrichten. ibrigens wird die Warenhandelsstatistik auch aus andern Gründen meistens eine höhere Wertsumme für die Einfuhr als für die Ausfuhr ergeben. Denn die Preise der eingeführten Waren setzen sich zusammen aus den im Herkunftslande geltenden und den Fracht- und Handelskosten bis zum Importlande, während der Wert der Ausfuhr sich einfach nach inländischen Marktpreisen bestimmt. Länder mit lebhaftem Aktivhandel und bedeutender Schiffahrt werden übrigens den größten Teil des Transport- und Handelsbetriebes bei der Ausfuhr sowohl wie bei der Einfuhr selbst in der Hand haben und daher noch einen Gewinn erzielen, der in der Handelsstatistik nicht um Ausdruck kommt. Gleichsam als Barometer für den Stand der Zahlungsbilanz dienen die Wechselkurse. Die Wechsel auf das Ausland steigen im Preise, wenn mehr Zahlungen dorthin zu leisten sind, und bei einem gewissen Kurse, dem sog. Metallpunkte, wird Abfluß von barem Gelde eintreten. Umgekehrt zeigt das Sinken der ausländischen Wechsel, daß das Inland vom Auslande einen überschuß an Forderungen einzuziehen hat, und es gibt nun auch einen untern Metallpunkt, nach dessen überschreitung Barsendungen vom Auslande her stattfinden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 777Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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