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ErdkundeBrockhaus 1882

Melbourne, Hauptstadt und Haupthandelsplatz der brit. Kolonie Victoria im südl. Australien, jetzt die größte und volkreichste Stadt dieses Erdteils, eine der bestgebauten und schönsten Städte der Welt, liegt an beiden Ufern des nur für kleinere Schiffe fahrbaren Harra-YHarra, 4 km von dessen Mündung in die Hobsonsbai. Letztere ist der von den großen Seeschiffen zum Löschen benutzte Hintergrund des Port-Phillip, eines Meerbusens, der von Süden gegen Norden 56 km in das Land einschneidet und eine Breite von 63 km, dagegen aber einen schmalen und gefahrvollen Eingang hat. Westlich von der Hobsonsbai liegt die Vorstadt Williamstown, der Seehafen M.s, seit 1854 durch Eisenbahn und Telegraph mit der Stadt verbunden. An dem Molo, der fast 700 mweit in die Bai reicht, können die größten Schiffe anlegen. M. wurde erst 1835 gegründet und nach dem Premierminister Lord Melbourne benannt, wuchs anfangs langsam und hatte 1841 erst 11000 und 1851 nicht über 15000 E. Dann aber nahm sie durch die Entdeckung der Goldfelder einen beispiellosen Aufschwung; bereits 1852 belief sich die Bevölkerung mit Einschluß der Vorstädte auf 25000; darauf stieg sie binnen zwei bis drei Jahren von 30000 auf 100000; 1865 schon auf mehr denn 140000 E. und 1881 auf 282 947 (ohne die Vorstädte auf 65859) E. Seit 1847 ist M. der Sitz eines Bischofs, seit 1852 der legislativen Assembly der 1851 organisierten Kolonie Victoria. Nachdem die provisorischen Baracken der Goldsucher verschwunden, treten solide, teilweise sehr schöne Steinhäuser und gerade, breite, sich rechtwinkelig schneidende Straßen in den Vordergrund. Bedeutende öffentliche Gebäude, prächtige Privathäuser, ungeheuere Warenspeicher, große Squares, herrliche Parks, der außerordentliche Verkehr in Stadt und Hafen, die volkreichen, durch Eisenbahnen verbundenen Ortschaften, von denen die schöne Umgebung bedeckt ist, verleihen M. einen durchaus großstädtischen Charakter. Das Trinkwasser erhält die Stadt durch die mit einem Kostenaufwand von 820000 Pfd. St. hergestellten, 1857 eröffneten Yean-Hean-Water-Works, eine großartige Leitung aus einem künstlich abgedämmten See, der 30 km von der Stadt entfernt liegt. Unter den öffentlichen Gebäuden sind zu nennen das Parlamentshaus, das Treasury, das Gerichtsamt, die öffentl. Bibliothek (112000 Bände), das Gouvernementspalais, das Stadthaus, das Postamt, ein prachtvoller Bau im ital. Stil, der Bazar (Queen's Ar-⸗ cade), die Markthalle, das Ausstellungsgebäude. Ein Denkmal für John Batman, den Gründer der Kolonie Victoria (gest. 6. Mai 1839), wurde 3. Juni 1882 enthüllt. Fast alle Konfessionen haben ihre Kirchen (1871 zählte man deren 90), die meisten die Episkopalen, Wesleyaner, Presbyterianer und Katholiken. Auch besitzt M. vier Theater, einen Cirkus, Gefängnisse, ein großes Krankenhaus, Hospitäler und Waisenhäuser, eine Gebäranstalt, Zufluchtsstätten für Arme, ein Irrenhaus, sowie mehrere andere wohlthätige Anstalten und Gesellschaften. Die am 15. April 1855 eröffnete Universität ist in Bezug auf die Verleihung von Diplomen den engl. Universitäten gleichgestellt und zählt ungefähr 120 immatrikulierte Studenten. Mit ihr verbunden ist das Nationalmuseum für Naturgeschichte, Fabrikwesen und Bergbau. Auch hat M. ein statistisches Bureau, einen botan. Garten, ein meteorolog. Observatorium, eine Sternwarte (37 49 53“ südl. Br. und 162· 38 27“ östl. L. von Ferro). Ferner bestehen sechs Kollegien und Gymnasien, sowie zahlreiche National⸗ und Privatschulen, Sonntagsschulen jeder Konfession, Abendschulen für die Bildung Erwachsener, ein Handwerkerinstitut, die königliche und andere wissenschaftliche und litterarische Gesellschaften. Unter den industriellen Etablissements sind besonders die Dampf⸗ und Wassermühlen für Getreide, die Talgsiedereien, die Werfte, die Gießereien hervorzuheben. M. hat eine Handelskammer, eine Börse, 20 Banken, verschiedene Kreditanstalten, Aktien⸗,Assekuranz⸗, Eisenbahn⸗ und Schiffahrtsgesellschaften. Die 1854 zwischen M. und Williamstowu seröffnete Telegraphenlinie war die erste auf der südl. Hemisphäre. Gleichzeitig begann der Bau von Eisenbahnen, die teils in die Umgebungen, teils in die Golddistrikte im Innern führen. Von einem Centralbahnhofe gehen stündlich Züge ab nach Williamstown, Geelong, Ballarat und den dazwischenliegenden Ortschaften; weiterhin nach Kyneton, Castlemaine, Sandhurst, Echuca, Kilmore, Longwood re. Die Melbourne- und Hobsonsbai-Ringbahn vermittelt lebhaften Verkehr mit den Vorstädten, unter welchen die bedeutendsten sind: Emerald-Hill (25374 E.), Collingwood (23829 C.), Richmond (23 405 E.), Fitzroy (23118 E.) und Prahran (21 168 E.). Segel⸗ und Dampfschiffahrtsverkehr findet nach allen austral. Kolonien statt, außerdem nach Batavia, über Pointde-Galle (Ceylon) nach Aden und Suez, nach San-Francisco in Californien, nach Callao in Peru, um das Kap Hoorn und um das Kap der Guten Hoffnung nach Europa. Die Hauptausfuhrartikel sind Gold, Wolle, Häute und andere Rohprodukte. Andererseits ist M. der Hauptstapelplatz des Südens namentlich für Manufakte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 598Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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