FeedMigräne
HeilkundeBrockhaus 1882

Migräne (verstümmelt aus dem griech. pe-Vονα, d. h. halbseitiges Kopfweh), eine besondere Art von Kopfschmerz, welche gewöhnlich nur eine Seite des Kopfs einnimmt, heftiger auftritt als der gewöhnliche Kopfschmerz und in hartnäckiger Weise durch Jahre oder selbst das ganze Leben hindurch periodisch, meist ohne eine veranlassende Ursache, wiederkehrt. Sie ist der Hauptsache nach eine Neuralgie der sympathischen Halsnerven, welche bald mit einseitiger Erschlaffung, bald mit krampfhafter Verengerung der Kopfgefäße verbunden ist. Der Schmerz selbst ist nach Stärke und Sitz verschieden; anfangs dumpf und drückend, wird er bald bohrend und spannend und steigert sich binnen kurzem zur Unerträglichkeit. Die Anfälle kommen in sehr verschiedenen Zwischenräumen, von einer Woche bis zu mehrern Monaten, beginnen meist mit übler Laune, Ohrensausen, Gähnen und übelkeit, oft auch mit einer Fieberanwandlung, dauern 8—12 Stunden und endigen, nachdem häufig lästiges Würgen und stärkeres Erbrechen eingetreten, mit einem ruhigen Schlaf, aus dem der Kranke am nächsten Morgen völlig gesund erwacht. Das Übel befällt besonders Erwachsene und zwar vorwiegend mehr Frauen als Männer, aber es kann schon bei Kindern von sieben bis acht Jahren auftreten; es verschwindet meist im Alter, bei Frauen gewöhnlich während der klimakterischen Jahre. Blutarme, bleichsüchtige, hysterische Personen sind der M. am meisten ausgesetzt, besonders nach Gemütsbewegungen; in vielen Fällen ist die Anlage zur M. ererbt. Bei der Behandlung sorge man für Linderung der Schmerzen und Entfernung der veranlassenden Schädlichkeiten. Am besten ist es, den Kranken in einem dunkeln, kühlen Zimmer unter Entfernung aller Sinnes-oder Seelenreize (Geräusche, Gerüche, Besuche, Geschäfte u. s. w.) ganz ruhig im Bett liegen und so den Anfall austoben zu lassen. Manche empfehlen im Anfall starken schwarzen Kaffee oder Thee, das Coffein (besonders das citronsaure), die Guarana, das Morphium, das Chinin, das Amylnitrit, das Tief⸗ und Langeinatmen; bisweilen nützen Ableitungen:Senffußbäder, Klystiere, Brausepulver u. s. w. Die Radikalkur kann sehr verschiedene Wege einzuschlagen haben, z. B. Stärkung (durch Stahlmittel, Chinin, Kaltwasserkuren, See- oder Gebirgsaufenthalt), auflösende Kuren (Karlsbader, Marienbader oder Kissinger Wasser) oder Bethätigung der Haut (Dampfbäder, Schwitzen in „nassen Decken u. s. w.). Auch leistet mitunter die Anwendung des galvanischen Stroms gute Dienste.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 707Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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