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Sport & SpielBrockhaus 1882

Spielkarten sind ohne Zweifel eine chines. Erfindung, über deren erste Erscheinung, Gestaltung und Verbreitung in Europa aber noch manches unsicher und bloße Vermutung ist, zumal da die angeblich ältesten Kartenspiele gar nicht in diese Kategorie hineingehören. Die berühmte «Piquetkarte Karls VI.v, im pariser Kupferstichkabinett, ist weder ein Piquetspiel, noch überhaupt eine Spielkarte, sondern eine unvollständige Folge von 17 Quartblättern aus einem allegorischen Bilderbuche zu erbaulichem Zeitvertreibe und von derselben Gattung als das sog. Giuco di Tarrocchi von Mantegna. Die eigentlichen Karten, welche den Urtypus unserer heutigen bilden, sollen nach der gewöhnlichen, aber keineswegs wahrscheinlichen Annahme von den Ostindiern zu den Arabern gekommen und von diesen im Abendlande eingeführt sein; es wird jedoch nicht angegeben, zu welcher Zeit dies geschehen. Die vielen Verordnungen, in denen schon früh gegen das Spiel und die Spielwut, zum Teil selbst durch Synodal⸗ und Konzilienbeschlüsse, geeifert wird, liefern über das Aufkommen und die Verbreitung des Kartenspiels keine so sichern Aufschlüsse, als man davon erwarten sollte, da die Karten auch unter alea (Würfel), welches Wort alle Arten von Glücksspielen umfaßte, begriffen, also auch schon vorhanden gewesen sein können, ehe sie noch mit besonderm Namen genannt werden. Ausdrückliche Erwähnung geschieht ihrer in Deutschland und zwar in Nürnberg zuerst 1388, in Ulm 1397, in Frankreich 1400, in Italien 1419, in Spanien 1436; in England erging 1463 schon ein Einfuhrverbot. Das älteste Kartenspiel ist allem Anscheine nach das ital. Tarok, dessen etymologisch unklarer Name bisher noch keine genügende Erklärung gefunden hat und das bereits zu Anfang des 15. Jahrh. erwiesen zu Bologna gespielt wurde. Es bestand aus 78 Karten in zwei Abteilungen: die erste, mit 21 Blättern, begriff die Atouts, welche sich durch die Darstellung von Figuren und verschiedenerlei Gegenständen mit Ordnungsnummern voneinander unterschieden; die zweite, mit 56 Karten, 16 Bildern und 40 Zahlblättern in vier Reihefolgen, die jede unterscheidende Bezeichnungen, sog. «Farben v hatten. Wann die Deutschen der ital. Karte ihre veränderte Gestalt gegeben haben, ist ungewiß. Bei den Franzosen scheint dies, nach den Kostümen der Bilder ihrer alten Piquetkarte und nach den diesen Bildern beigesetzten, jedoch sich nicht immer gleich bleibenden Ramen zu urteilen, unter Karl VII. (1422—61) geschehen zu sein. Manche behaupten, es sei die Idee kämpfender Parteien, die, wie beim Schach, allen wirklichen morgenländ. und abendländ. Kartenspielen zu Grunde liege. Ursprünglich habe das Kartenspiel aus vier Kompagnien gleich gekleideter Soldaten bestanden, deren jede aus acht Gemeinen (2—9 numeriert), einem Fußknechte, einem Ritter, einer Königin und einem Könige zusammengesetzt gewesen. Das As habe die Fahne vorgestellt, und nach ihm habe man die vier Kompagnien, welche sie anführte, unterschieden; der Ritter sei später in einen Gemeinen verwandelt worden und habe die Nummer 10 erhalten. Andere sehen in unserm Kartenspiele eine bloße Umwandlung des Schachspiels, wobei die Offiziere zu Bildblättern, die Bauern zu Zahlblättern und die zwei Tarben mit ihren Doppeloffizieren in jeder zu vier Farben mit einfachen Bildern nach Anleitung der Quadrillen in den Turnieren oder Karussel geworden seien. Daß die uneigentlich so genannten Farben anfangs auch figürlich unterschieden wurden, woraus erst zuletzt die jetzt üblichen Schemata der franz. Piquetkarte hervorgegangen sind, lag in der emblematischen Neigung des Zeitalters. Die ältesten und Grundformen der Farben sind diejenigen der Tarolkarte: Cupi (Becher), Spadi (Degen), Denari (Münzen, Geld), Bastoni (Stäbe, Stöcke). Diese verwandeln sich in der deutschen und niederländ. Karte in Rot oder Herzen, Schellen, Eicheln oder Kreuz, und Grün oder Laub (auch Spaten oder Schüppen), in der französischen und englischen endlich in Coeur (heart, Herz), Pique (spade, Lanze), Carreau (diamond, Pfeilspitze, Bolzen), und Trefle (elub, Klee). Die italienischen, auch wohl noch gezwungener die franz. und deutschen vier Farben sind auf die vier Stände bezogen worden: Geistlichkeit (Kelche, Herzen, Rot), Adel (Degen, Schellen, Lanze), Bürger (Geld, Eicheln, Kreuz), und Bauern (Stöcke, Klee, Spaten). Sowohl in der Zahl als in der Unterscheidung der Farben hat jedoch anfangs große Verschiedenheit obgewaltet, bis sie sich durch allgemeinen oder volkstümlichen Brauch auf vier von den erwähnten Formen gesetzt haben. Ebenso verschieden sind die Bilder. Der König und die Königin, aus dem Könige und der Königin im Schachspiele herüberenommen, wo letztere ursprünglich der Vezier oder Feldherr hieß, sind allen gemein. Die an die Stelle der Königin getretene Dame scheint in Frankreich aufgekommen zu sein. Daß der Bube häufig doppelt ist, als Reiter und Fußknecht, deutet noch näher auf die ursprüngliche Entstehung aus Springer und Läufer im Schachspiele hin. Der Roche mag in das As, welches in den meisten Kartenspielen von höherer Bedeutung als die übrigen Zählkarten ist, übergegangen sein. In Deutschland gestaltete sich das As zum Taus (Daus), die Königin zum Ober, der Bube zum Unter um. Der Eichelnober (in mehrern Spielen alle Ober, in einigen Gegenden die Unter) erhielt den Namen Wenzel (nach dem heil. Wenzeslaus), der Grünober den Namen Baste (nach dem heil. Sebastian). In Frankreich gab man den einzelnen Königen, Damen und Buben besondere Namen, den beiden erstern aus der alten und biblischen Geschichte, den letztern aus franz. Ritterromanen. So führten unter Karl VII. die Könige die Namen Karl, David, Alexander, Cäsar; die Damen Judith, Pallas, Rachel, Argine; die Buben hießen Hektor, Ogier, Lahire, Lancelot. Das zu den S. verwendete Material ist das sog. Kartenpapier, dünne geleimte Pappe. Was die Fabrikation der S. anlangt, so wurden die ältesten mit Hilfe der Patronen aus freier Hand verfertigt. Die Briefmalero» und Illuminiererv, welche Heiligenbilder und kurze Schrifttexte schrieben und kolorierten, waren zugleich Kartenmaler und betrieben die Verfertigung von S. der gemeinsten und wohlfeilsten Art häufig als Hauptgeschäft. Von diesen Brief⸗ und Kartenmalern sind die ersten Versuche der Drucktunst ausgegangen. In Deutschland und den Niederlanden hatte der Holzdrud vielleicht schon im dritten Jahrzehnt des 15. Jahrh. bei ihnen seinen Anfang genommen, jedoch erst um 1440 war das Brief⸗ und Kartendrucken ein bekanntes und in vielen großen deutschen Städten verbreitetes Gewerbe. In Frankreich ist von ihnen vor Einführung der Buchdruckerkunst keine Rede; erst im 16. Jahrh. geschieht ihrer gewerbliche Erwähnung unter dem Namen Tailleurs et Imprimeurs d histoires et de figures. In Paris waren sie mit den Dominotiers, den Verfertigern von buntem oder marmoriertem Papier verbunden, was ihren ursprünglichen Zusammenhang mit den Kartenmachern (Cartiers) verrät, die schon früh den Rückseiten der S., um sie undurchsichtig zu machen, eine bunte Färbung (Musierung) zu geben pflegten, wie noch jetzt bei den deutschen und franz. Karten geschieht. Ob von ihnen zuerst Heiligenbilder oder S. mit der Holzform gedruckt worden, ist nicht mit Gewißheit zu sagen. Alte S. der gemeinern Art werden nicht aufgehoben, und daher kommt es, daß sich in den vorzüglichsten Sammlungen keine vorfinden, die erwiesen dem 15. Jahrh. ½.„ Selbst die im pariser Kupferstichkabinett befindliche und angeblich aus dieser Zeit herstammende Uli rohe franz. Holzschnittkarte gehört trotz ihres ältern Aussehens doch wohl in das 16. Jahrh. Nach der Erfindung des Holzdrucks blieb die Fabrikation der S. stehen, und selbst in unserer Zeit bildet sie keinen sehr vorgeschrittenen Industriezweig. Holzformen von Birnbaum werden noch jetzt vorzugsweise dabei angewendet, und erst unlängst hat man angefangen, sich der Holzstöcke von Buchsbaum, der Cliches und des Metallschnittes (Messing), sowie der Buchdruckerpresse zu bedienen. Nur selten, besonders für die figurenreichen Tarokkarten und die feinern Sorten der franz. und deutschen Karte, kommt der Stich in Rupfer, Zink und Stahl, sowie die Lithographie zur Anwendung. In größern Fabriken druckt man die Musierung mit der Buchdruckerpresse auf. Die besten und elegantesten Karten werden zu Paris, London und Wien verfertigt. In Deutschland werden besonders in Stralsund, Hamburg, Kassel, Naumburg, Frankfurt a. M., München, Stuttgart, Ravensburg, Ulm und Mainz S. fabriziert. Die Arten der Kartenspiele haben sich überaus vermehrt. Sie sind teils Hazardspiele, wie Pharao, Landsknecht, Vingt-un, teils sog. Kommersspiele, bei welchen letztern entweder die Zahl der Stiche oder die Zahl der Augen, oder auch sog. Sequenzen entscheiden. Für das geistreichste aller Kartenspiele gilt das L'Hombre (span. Ursprungs). Sehr verbreitet sind das engl. Whist, das franz. Piquet, das Solo, der Skat (verstümmelt aus éscarté, écarté; altfranz. escarter, ital. scartare, bedeutet eine Karte aus dem Spiele herauslegen), Boston u. s. w. Abgesehen davon, daß die Mode auch auf diesem Gebiete ihre Herrschaft geltend macht, haben die verschiedenen Stände und die verschiedenen Gegenden ihre Lieblingsspiele. Nicht minder verbreitet wie die Kartenspiele sind auch die Kartenkünste, welche meist bei größter Gewandtheit besondere Kunstgriffe 6. B. Volteschlagen) erfordern. Der Gebrauch der Karten zum Wahrsagen ist fast so alt als die S. selbst, und der ursprüngliche arab. Name Naibi oder Naipes, welchen sie früher in Italien und Spanien führten, und der soviel als Wahrsagung bedeuten soll, scheint auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Noch gegenwärtig ist das Kartenschlagen oder Kartenlegen, die Kunst der Kartomantie, eins der beliebtesten Mittel, besonders der Frauen aus niedern Volksschichten, um das Dunkel der Zukunft aufzuhellen. Der erste, welcher das Kartenschlagen lehrte, war der Buchdrucker und Zeichner Francesco Marcolini aus Forli in seinen „Sortis (Vened. 1540). In neuerer Zeit hat namentlich der Kupferstichhändler Aliette unter dem anagrammatischen Namen Etteila mehrere Bücher, z. B. 4Cours théorique et pratique du livre de Thott (Par. 1790), herausgegeben. Berühmt als Kartenschlägerin war die Lenormand (s. d.). Litteratur. Bei der großen Wichtigkeit, welche die ältesten S. für die Geschichte der Holzschneidekunst, wie für die Geschichte der daraus hervorgegangenen Typographie besitzen, ist die Entstehung derselben von mehrern Kunsthistorikern und Bibliographen bearbeitet worden. Die Hauptwerke sind: Leber, Jeux des tarots et des cartes numrales (Par. 1844, mit 100 Kupfern); Singer, Researches into the history of playing cardso (Lond. 1838, mit Kupfern); Chatto, „Facts and speculations on the origin and history of playing cardso (Lond. 1848): ⸗Die S. der Weigelschen Sammlunge (Opz. 1865). Vgl. noch Breitkopf, „Versuch über den Ursprung der S.» (Lpz. 1784); Taylor, The history of playing cards (Lond. 1865); 4 Origine des cartes à jouer (Par. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 77Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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