Lancaster oder Lancashire, eine der sechs nördl. Grafschaften Englands, mit Titel einer Pfalzgrafschaft, die volkreichste und nach Middlesex, wozu freilich der größte Teil Londons gehört, die volksdichteste Grafschaft Englands, umgrenzt von Cumberland und Westmoreland im N., von Vork im N. und NO., Cheshire im S. und der Jrischen See im W., zählte auf 4860,12 àKm 1801 eine Bevölkerung von 673486 und 1881 von 3454225 Seelen (also 711 auf 1 akm). Ein schmaler Strich Westmorelands an der Morecambebai scheidet die Grafschaft in zwei Teile. Der kleinere nördl. Teil, Furneß genannt, zwischen der Morecambe⸗ und Duddonbai gelegen, ist an der Küste flach, im Innern von Ausläufern des Cumbrischen Gebirges erfüllt und steigt im Old Man 802 mnhoch auf. Dort befindet sich auch der See Coniston-Water und an der Ostgrenze gegen Westmoreland der 18,3 akm große See Winandermere oder Windermere, beide in romantischer Gegend und von Touristen viel besucht. Der südl. Hauptteil von L. lehnt sich im O. an die Penninische Bergkette von Yorkshire an (mit ausgedehnten Strecken Moorlandes), welche Höhenzüge in die westl. Tiefebene sendet. In Furneß treten silurische Felsen massenhaft auf, durchbrochen von Granit, Porphyr und andern eingeschichteten Gesteinen. Im südl. Teile der Grafschaft lagert im Thale der Mersey bunter Sandstein, zwischen der Mersey und dem Ribble ein Kohlenfeld, und die ebenen Küstenstriche bestehen aus Alluvium. Die wichtigsten Flüsse sind hier der Lune, Wyre, Ribble und an der Südgrenze die Mersey, sämtlich mit ausgedehnten Ästuarien mündend und durch Kanäle schiffbar gemacht, welche ihren Vereinigungspunkt in Manchester finden, und durch die der Binnenverkehr außerordentlich gefördert wird. Diesen Verkehr unterstützt zugleich ein Netz von Eisenbahnen, darunter die Liverpool-Manchester-Bahn, welche in England zuerst (1830) mit Dampfwagen befahren wurde. Das Klima des Landes ist gemäßigt, aber nächst dem von Cumberland wohl das feuchteste in ganz England. Ackerbau und Viehzucht sind verhältnismäßig unbedeutend. Das berühmte langehörnte Lancasterrind, mit starker, dicker Haut, angen, dichten Hagren, meist schwarz und weiß gefleckt, gibt mehr Sahne als Milch. Der Hauptreichtum L.s besteht in den ungeheuern Kohlenlagern, welche einen Flächenraum von 562 qkm einnehmen und vermittelst der ausgedehnten Kanal—⸗ schiffahrt nach allen Seiten hin zu den Dampfmaschinen und Fabriken abgeführt werden. In Verbindung mit den Eisenerzen bildet dieser Kohlenreichtum den Hebel eines Industrieaufschwungs, der an Großartigkeit und Vielseitigkeit nirgends seinesgleichen hat und zugleich auch einen ausgedehnten Handel bedingt. Ebenso großartig ist die Baumwollverarbeitung. Im J. 1879 waren in L. nahezu 2000 Baumwollfabriken thätig. Von großer Wichtigkeit sind ferner der Schiffbau und der Maschinenbau, die Fabrikation von Eisen⸗ und Glaswaren, Hüten, Chemikalien, Seife und Papier. Außer Bau⸗ und Schiefersteinen wurden 1880 19120294 t Steinkohlen und 1188 543 t Eisenerz gefördert. L. ist nächst Middleser die reichste Grafschaft Englands; sie schickt vier Abgeordnete in das Parlament, 28 andere 13 Städte. Den industriellen Mittelpunkt der Grafschaft L. bildet Manchester mit Salford und den volkreichen Fabrik⸗ und Handelsorten Oldham, Preston, Bolton, Ashton, Blackburn, Bury, Burnley, Middleton, Chorley, Wigan und Rochdale, während Liverpool den Vertrieb nach innen und außen fördert. Vgl. Grindon, Lancashires (Lond. 1881). König Eduards III. vierter Sohn, John von Gaunt, bekam die Grafschaft als Herzogtum mit wirklichen Hoheitsrechten zur Inderdn und obwohl dasselbe schon 1461 wieder mit der Krone vereinigt ward, so hat sich doch aus jener Zeit die Verfassung der Grafschaft als Pfalzgrafschaft (County pala⸗- tine) erhalten, sowie die Würde eines Kanzlers des Herzogtums Lancaster (Chancellor the Duchy of L.) unter den Mitgliedern des brit. Ministeriums. Über das Haus L. und die dynastischen Kämpfe desselben, s. Plantagenet.