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ErdkundeBrockhaus 1882

Tiber (ital. Terére, frz. Tibre, bei den Römern Tiberis, in ältester Zeit angeblich Albula), der Hauptfluß Mittelitaliens, entspringt an den Abhängen des Monte Fumajolo am Zusammenstoß des etruskischen und umbrischen Apennins, unweit des Dorfes Le Balze in der Provinz Arezzo, 30 km südöstl. von der Arnoquelle, unter 43 46“ nördl. Br. und 1158“östl. L. von Greenwich, 1167m über dem Meere. Sein Stromlauf, 390 km lang, bei einem direkten Abstand von 230 km zwischen Quelle und Mündung, ist im ganzen von N. nach S. gerichtet und gliedert sich in drei Abschnitte. Der Oberlauf, 120 km, fließt mit starkem Gefälle (am Ende des Abschnitts Meereshöhe 160 m) zwischen dem Centralapennin und einer östlich ihm vorgelagerten, ihn vom Chianathal scheidenden Kette, meist durch enge Gebirgsschluchten, die sich nur stellenweise (namentlich bei Citta di Castello, und zwischen Assisi und Bevagna, wo das 264 ꝗEm große Hauptthal Umbriens) zu fruchtbaren, wohlangebauten Thälern (ehemaligen Seebecken) erweitern. An bedeutendern Zuflüssen empfängt er von links die drei kurz vor ihrer Mündung in den T. sich vereinigenden Flüsse Chiascio, Topino, Clitunno. Der mittlere Lauf, 110 km von der Mündung des Chiascio bis zu der der Nera, hat mäßigeres Gefälle, aber namentlich unterhalb Todi eine Reihe gefährlicher Stromschnellen. Der bedeutendste Zufluß von rechts ist die Chiana, mit welcher sich unweit Orvieto die Paglia vereinigt. Unterhalb Orte empfängt der T. die vom Hochapennin kommende wasserreiche Nera mit dem Velino, von deren Mündung an der Unterlauf des T. benannt ist. Dieser letzte, 160 km lang, umfließt in großem Bogen zunächst den Bergstock des Soracte, tritt bei Nazzano in die vulkanische CUampagna von Rom (22 müber dem Meere) und nimmt innerhalb derselben von links den vom Sabinergebirge kommenden Teverone (Anio) auf; kleinere, nur historisch bemerkenswerte Zuflüsse sind rechts Cremera (fosso della Valchetta) und Allia (fosso di Marsigliana); 37 kmtvon seiner Mündung tritt der Tiber in die Stadt Rom ein, welche er über 4500 meweit durchfließt. Seine Breite innerhalb der Stadt beträgt durchschnittlich 100 m; die engsten Stellen, welche jedoch durch die unten zu erwähnende Flußregulierung beseitigt sind oder werden sollen, waren nicht breiter als 60 m. In der Stadt teilt er sich zeitweise in zwei 60, resp. 45 mebreite Arme, welche eine kleine Insel umschließen; wenig unterhalb empfängt er links zwei kleine, aber in der röm. Topographie häufig genannte Bäche, die Marrana (Kqua Crabra) aus dem Thale des Circus Maximus, und den Acquataccio (Almo). Unterhalb Roms durchströmt der T., sich nach SW. richtend, in zählreichen Windungen langsam (Gefälle 0,16:1000) die Campagna. Nach 30 kmsentsendet er die Hauptmasse seines Wassers durch den von Kaiser Claudins gegrabenen, von Trajan erneuerten, 5 km langen Kanal (fossa Traiani) zum Tyrrhenischen Meere; an dieser nördl. Mündung liegt das Städtchen Fiumicino. Der alte Hauptarm, jetzt La Fiumara, seicht und versandet, mündet 4 km südlicher bei Ostia unter 4144 nördl. Br. und 9 51 östl. L. von Greenwich; zwischen beiden Armen liegt die Das Stromgebiet des T. beträgt gegen 20000 akm, die Wasserfülle für Rom, im Sommer bis auf 160 ebm pro Sekunde sinkend, im Winter durchschnittlich 280 ebm; diese Quantität ist aber bedeutenden, oft sehr plötzlichen Schwankungen infolge heftiger Niederschläge in den Gebirgen unterworfen. Daher sind überschwemmungen seit dem Altertum eine stehende Kalamität für Rom: schon Ziberius betraute eigene Beamte konsularischen Ranges (euratores riparum et alvei Iiberis) mit dem Schutze der Uferränder und der Regulierung des Stroms. Aber bis auf die neueste Zeit hat man vergebens radikale Beseitigung der übelstände angestrebt. Bei der großen Flut im Dezember 1870 betrug der Wasserstand am Ripettahafen 16,33 m (normaler Stand 6,3 m), die herabströmende Wassermasse in der Sekunde 2000 — 2500 ebm (höchste bekannte Flut 1598 mit 18,67 m Höhe, 4500 ebm Wasser in der Sekunde). Die von der ital. Regierung eingesetzte Kommission schlug zur Abhilfe vor: Reinigung und Vertiefung des Flußbettes, Regulierung der einmündenden Kloakensysteme, Verbreiterung des Strombettes an besonders engen Stellen, namentlich oberhalb der Tiberinsel. Die Arbeiten, 1876 begonnen, haben jedoch erst in der neuesten Zeit eine energische Förderung erfahren. Infolge der geschilderten Boden⸗ und Höhenverhältnisse spült der T. aufgelöste Teile seines thonreichen Bettes in großer Menge weg, welche ihn gelbgrau färben (daher flavus Iiberis bei den röm. Dichtern); an der Mündung setzt er die Sedimente in solchen Massen ab, daß das im Altertum an der Meeresküste gelegene Ostia jetzt 8 Em landeinwärts liegt; die Alluvion soll in der Neuzeit bis zu 9 m im Jahre betragen haben. Während im Altertum der T. ein Hauptverkehrsweg von großer kommerzieller Wichtigkeit war, dem Rom großenteils sein Aufblühen zu verdanken hat (daher das Schiffsvorderteil ältestes Stadtwappen), ist die Schiffahrt in der Neuzeit nur von sehr untergeordneter Bedentung: kleine Dampfer verkehren zwischen Rom und Fiumicino, Barken gelangen aufwärts bis Orte, weiterhin verhindern namentlich die erwähnten Stromschnellen einen regulären Schiffsverkehr. Unter den Tiberfischen ist besonders geschätzt die Spigola (Labrax lupus, s. unter Barsch, Bd. II, S. 508), eine Art Barsch, der Sturione (Stör, Acipenser sturio), weniger die sich am Ausfluß der Kloaken mästenden Aale. Bgl. Narducci, aSaggio di bibliografia del Teveres (Rom 1876); Smith, «The Tiber and its tributariess (Lond. 1876); Monografia della città di Roma pubblicata per cura del Ministero di agricoltura (Bd. 1 u. 2, Rom 1881); Nissen, „Italische Landeskunder (Bd. 1, Berl. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 673Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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