Alexandrien (arab. Iskanderieh), Hafenstadt Unterägyptens, neben Kairo die wichtigste des Landes und Afrikas überhaupt, neben Smyrna, Beirut und Konstantinopel namentlich für Baumwolle die bedeutendste Handelstadt des Orients und Hauptstapelplatz für den Verkehr mit Europa. Sie ist auf einer Landzunge gelegen, die den Mariut-See vom Meere scheidet, im ‘nordwestlichen Winkel des Delta, und durch den Mamudiehkanal mit dem Nil verbunden. »ie erstreckt sich grossenteils auf einem niedrigen Hügel, der von zwei Häfen (dem alten oder westlichen [31°12°53“ n. Br. und 27° 32'35 westl. L.] und dem neuen oder östlichen [31011‘47“ n. Br. und 27031°15“ w. L.]) umschlossen wird. Der Eingang zu den Häfen A.s ist durch eine Reihe von Klippen und Sandbänken erschwert, so dass die Einfahrt mit Hilfe eines Lotsen bewerkstellist werden muss. A. ist 200 km nordwestlich von Kairo entfernt, mit dem es seit 1855 (über Damanhur, Tanta und Berba) durch Eisenbahn verbunden ist; weitere Bahnlinien A.s sind: A.-Barud-Bulak-Dakrur, mit einem Zweige von El-Uasta nach dem Fayum; A.-Suez {über Damanhur, Tanta, DBenha, Sagasig und Ismailia); A.-Rosette und A,-Ramleh.— A.wird vonenglischen, französischen, österreichischen, italienischen und russischen Schiffen regelmässig angelaufen: von denen der „Peninsular and Oriental Steam Navigation (ompany“ von Venedig und Brindisi aus wöchentlich einmal mit der indischen Post (Fahrtdauer 5 Tage) über Neapel; der „Österreichisch - ungarische Lloyd* verkehrt ebenfalls einmal wöchentlich von Triest aus über Korfu, während die italienischen und russischen Schiffe nur in grösseren Zwischenräumen verkehren. In A. steht das vizekönigliche Schloss Ras-el-Tin neben zahlreichen Palästen ägyptischer Grosser. Es ist Sitz des koptischen Erzbischofs, enthält mehrere Moscheen, auch europäische Kirchen und Bethäuser, Schulen ete. Hier befinden sich die europäischen Generalkonsulate und zahlreiche (auch europäische) Grosshandelshäuser. Das ansehnliche Frankenviertel enthält hervorragende Privat-Bauten. Das Eingeborenenviertel besteht zum Teil aus halbverfallenen schmutzigen Lehmziegelbauten. A, hat bekanntlich durch das Bombardement seitens der englischen Flotte und durch die Mordbrennnereien des ägyptischen Pöbels schwer gelitten. Die Einwohnerzahl betrug 1849 nur ca. 6000 Seelen; unter dem Vizekönig Ali erwuchs sie zu neuer Grösse und zählte 1872: 220 000 (nach neueren Reisenden aber nur 180000 Einwohner, davon 50000 Europäer). A., durch den grossen Macedonierkönig, dessen Namen es trägt, 332 v. Chr. gegründet, wurde die berühmteste Stätte des ptolemäischen Zeitalters. Damals füllte der Schifisverkehr vier Häfen, die Bevölkerung betrug S0000 Köpfe, die Stadt war ein Hauptsitz griechischer Bildung und griechischer Sitte. Unter der Herrschaft der Römer (seit 30 v. Chr.) sank A. langsam, aber stetig von seiner Höhe. Es lag im Interesse Roms, das Emporblühen von Byzanz zu fördern; infolgedessen wurde der Wasserweg vom Nil aus vernachlässigt; vandalische Verwüstung oder Überführung der Kunstschätze nach Rom raubten' A. den alten Glanz. Doch gewann es in jener Zeit für das Christentum dadurch Bedeutung, dass es Sitz eines Patriarchen und einer durch die ganze christliche Welt angesehenen Theologenschule wurde. Die Eroberung durch die Araber (641) machte auch diesem Ruhme ein Ende, und Genueser und Venetianer, die es zum Hauptstapelplatz des indischen Handels auserkoren hatten, schützten allein A. vor noch grösserem Verfall. Derselbe liess sich aber nicht mehr aufhalten, nachdem 1407 der neue Handelsweg nach Indien um Afrikas Südspitze entdeckt worden. Unter der 1517 über sie hereinbrechenden türkischen Herrschaft sank nun A. zu einem von der Verbindung mit dem Nil abgeschnittenen bedeutungslosen Küstenplatz herab, der kaum 6000 Einwohner zählte uud kaum mehr als ein Haufe von Trümmern verwichenen Glanzes war. In diesem Justande fand es der Konsul Bonaparte, als er am 2. Juli 1798, 3 Stunden westlich vom alten Hafen, mit seiner Expedition landete und sich seiner durch Sturm bemächtigte. Am 23. August 1799 schiffte Bonaparte sich in A. ein, um nach Frankreich zurückzugehen, aber noch zwei Jahre blieb A. in Besitz der Franzosen, die unter seinen Mauern mehrere Schlachten gegen Briten und Türken schlugen, bis sie, vom Mutterlande abgeschnitten und in A. eingeschlossen, im Oktober 1801 kapitulierten. In dem gleichen Zustande der Verkommenheit blieb hierauf A. bis zum Regierungsantritt Mehemed Alis, welcher durch die Ausgrabungdes Mamudiehkanals 1822 als der eigentliche Schöpfer seiner neuen Grösse zu betrachten ist.