FeedSulu
GeschichteAfrika Hand-Lexikon 1885
Sulu auf der Rückkehr von einem Raubzug.
Sulu auf der Rückkehr von einem Raubzug.

Sulu, Kaffernstamm an der S$üdwestküste, wo derselbe früher ein mächtiges Reich bildete. Heute herrscht nur noch im nordöstlichen Teile des ehemaligen grossen Sulureiches ein unabhängiger Fürst. Der Rest des Volkes lebe teils in der sog. Sulu-Reserve, teils zerstreut in den Boerengebieten. Der Sage nach soll der a des Volkes, Sulu, demselben den Namen gegeben Hab doch giebt es auch eine Überlieferung, welche von Einwanderungen von Westen oder Nordwesten her richtet. Die Reihe der bekannten Fürsten der Sulu beginnt mit Upunga (nach anderen Umakepa): diesem folgt sein Sohn Jama, jeleneren sein Sohn Senzangakona, diesem sein Sohn Tschaka. Ders folgen Tschakas Bruder Dingaan, dessen Bruder Panda und diesem sein Sohn Ketschwayo. Der Umsturz der patriarchalischen Verhältnisse, welche, wie bei allen Kaffern, auch bei den Sulu anfangs Seherrscht hatten, vollzog sich zwischen den Jahren "1820 u. 1830, als der Sulu-Häuptling Tschaka (Tzaka), d. ı. der Feuerbrand, nach Beseitigung der kleineren Stammeshäupt-Be eine despotische Herrschaft africhteie. Der Name der Sulu war lange unbekannt geblieben, denn sie drangen erst am Anfang dieses Jahrhunderts von Norden Her in die Gebiete der Kaffernstimme ein, welche Portugiesen, Holländer und Ergländer bis dein Konten gelernt hatten Als Tschaka nach dene Tode seines Vaters Senzangakona Häuptling seines Stammes wurde, begann er jene Kriegszüge in die Nachbare ebiete, auf denen seine Krieger allmählich eine Schulung im Waffenhandwerk erlangten, die sie zum Schrecken aller Feinde machte. Ein Kaffernstamm der Küste nach dem andern wurde dem Suluhäuptling unterthan und musste ihm seine waffenfähige Mannschaft zur Verfügung stellen, die sofort in die Regimenter eingereiht wurde, aus denen die Sulu-Armee bestand. In dieser Armee bildete sich eine eigene Taktik heraus, und zum erstenmale sahen sich Europäer in den Kämpfen mit den Sulu Eingeborenen gegenüber, welche nicht in regellosen Haufen zum Kampfe anrückten, sondern gleich den europäischen Truppen auf das Kommando ihrer Führer in wohlgeordneten, geschlossenen @liedern Evolutionen ausführten, wie man sie bei Wilden nicht zu sehen gewohnt war. Strenge Manneszucht und tüchtige Schulung machten die Truppen des Sulukönigs trotz ihrer den Feuerwaffen gegenüber ungenügenden Ausrüstung zu einem nicht zu verachtenden Gegner. Zu diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine wilde Tapferkeit und bewundernswerte Todesverachtung, welche sie ohne Rücksicht auf Verluste unaufhaltsam gegen den Feind vorstürmen lässt. „Bei ihrem Angriffe nützen sie alle Vorteile des Terrains aus, hohe Grasfelder, Regenmulden, dichtes Gestrüpp ete., dichte Nebel, sowie die nächtliche Zeit, um dem Feinde so nahe als möglich zu kommen. Doch thun sie dies nicht, wie die Kolonial-Kaffernstämme, um sich zu decken, sondern einzig und allein, um den Feind zu überraschen. Ist dies jedoch nicht möglich, so gehen sie über eine unbebuschte Grasebene auf den Feind los, ohne Rücksicht darauf, ob sie sich dabei Stunden lang einem kontinuierlichen Gewehrfeuer aussetzen müssen. Dadurch unterscheiden sie sich in ihrer Kampfweise im allgemeinen von den Kolonial-Kaffern, Hottentotten und ihren Bastarden. Die ersteren greifen in der Regel im offenen Kampfe an, doch ziehen sie sich nach der ersten Niederlage sofort auf ihre bebuschten Höhen und den Niederwald zurück und setzen von hier aus den Guerillakries fort. Die Hottentotten etc. scheuen den offenen Kampf und ihnen ist im allgemeinen nur die letztere Kampfweise eigen. Die Sulu hingegen zeigen eine Todesverachtung, wie sie sonst bei keinen afrikanischen Farbigen vorkommt. Kopf, Brust und Füsse mit tierischen Haaren, Hautstücken, Schwänzen oder Federn phantastisch geschmückt, eilen die Sulu unter gellendem Jauchzen oder dem Absingen eines ihrer kriegerischen Lieder ungeachtet des Kugelregens und der ihnen entgegenblitzenden Bajonette gegen den Feind vor. Während ihres Sturmlaufes trachten sie sich mit ihrem Schilde zu decken, und indem die Linke, die den Schild hält, zugleich einen Wurf- und zwei kurze Assagaie festhält, schwingt die Rechte einen Wurfassagal, mit dem der Mann in der Regel auf eine Entfernung von sechzig Schritten zu treffen weiss. Auf dreissig Schritte dem Feinde genähert, schleudert er den zweiten und ergreift, ununterbrochen heranstürmend, seine kurzen Assagaie, um sie im Handgemenge als Waffe zu benutzen. Dabei geschieht es oft, dass die Sulukrieger, um freier auslegen und arbeiten zu können, den Schaft des kurzen Assagais abbrechen, um mit deın Eisenteile wie mit einem Dolche weiter zu kämpfen. Mit Vorliebe schieben sie die beiden Flügel ihrer Angriffskolonnen armartig vor, welche sie die Hörner ihrer Armee nennen. Während nun das Zentrum den Feind direkt angreift, suchen die beiden Flügel im weiten Bogen die feindliche Armee zu umgehen und zuerst ihren Nachtrab, dann ihre Flanken anzugreifen. Da dem Zentrum die schwierigste Aufgabe obliegt, so ist dieses nicht allein aus den Kerntruppen gebildet, sondern es hat auch eine Reserve von gleicher Stärke hinter sich. Siegt das Zentrum, so wird die Ausnutzung des errungenen Erfolges dem Reservekorps überlassen, dessen Aufgabe es ist, die Gefangenen auszurauben und die Verwundeten niederzumetzeln. Sind es Weisse, mit denen die Sulu kämpfen, so werden diese in der Regel entkleidet, und nicht selten geschieht es, dass dem Feinde der Unterleib aufgeschlitzt, oder die Leichen verstümmelt werden.“ Aus solchen Soldaten bestand die Armee, zu welcher Tschaka den Grund legte und die von seiner Nachfolgern vermehrt und weiter ausgebildet wurde, bis sie schlieslich zu einer Macht anschwoll, an welcher alle Krieoskunst der mit Kanonen und Hinterladern ausgerüsteten Engländer zu schanden wurde. Tschaka selbst dachte noch an keinen Kampf mit den Weissen. Er war durch die Kriegszüge in die benachbarten Kafferngebiete vollauf in Anspruch genommen und unterhielt mit den Kolonisten freundliche Bezıehungen, aber nachdem er durch seine eigenen Söhne ermordet worden, änderte sich dieses Verhältnis rasch. Dingaan, Tschakas Nachfolger, geriet alsbald in Konflikt mit den Europäern. Durch die Bedrückungen und Ungerechtigkeiten der englischen Behörden zur Auswanderung aus der Kapkolonie gezwungene holländische Bauern wollten sich in dem Gebiet zwischen dem Umrimkulu und Tusela niederlassen. Dasselbe war durch die Raubzüge der Sulu völlig entvölkert und verödet, aber die Bauern fanden es doch für geraten, mit dem Sulu-Fürsten in Unterhandlungen zu treten, um das Land, auf das er Ansprüche erheben konnte, käuflich von ihm zu erwerben. »Bie sandten 40 ihrer angesehensten Männer in Dingaans Land, um dem Häuptling en Wunsch ae und mit ihm einen Vertrag zu schliessen, Die Deputation wurde freundlich empfangen, aber hinter der Freundlichkeit Dingaans barg sich arger Verrat. Als die Bauern Dh günstiger Erledigung ihrer Botschaft auebrechen wollten, wurden sie plötzlich von grossen Massen Sulu überfallen und niedergehauen. Dingaan überschritt sofort mit Heeresmacht. den Tugela, um auch die im Lager auf die kehr ihrer Abgesandten wartenden Bauern zu vernichten. Der verrätetische Überfall wäre fast gelungen, aber die Verzweiflung der Bauern, welche nicht bloss Ir Leben, sondern Weib und Kinder zu verteidigen hatten, siegte schliesslich doch über die Übermacht, und die Sulu wurden unter grossen Verlusten zurückgetrieben. Auch die Bauern hatten ihren Sieg teuer erkauft, denn mehr als 600 Männer, Frauen und Kinder waren von den den Kriegern Dingaans niedergemetzelt worden. Heute Doch heisst der Ort, an dem der Kampf um das Lager stattfand, zur Erinnerung an die en Verluste, welche die Auswanderer erlitien, „Weenen“. Die Niedergemetzelten sind nicht ungerächt geblieben. Die Bauern erhielten Hure neuen Zuzug aus der Kapkolonie Verstärkung, auch zwei Kanonen wurden hen zugeführt, und Dingaan erfuhr gar bald, wie furchtbar den Feind werden konnte, den er sich durch seine Ver-Yäterei geschaffen hatte. Die Bauern eroberten seinen Hauptkraal, brannten ihn nieder und verwüsteten weit und breit das Sulu-Land. Dingaan sah sich schliesslich gezwungen, um Frieden zu bitten, and er ht denselben: nur gegen unentgeltliche Abwretung grosser Gebiete im heutigen Natal. Ein freundschaftliches Ver hältnis zwischen den Sulu und den Bauern wurde durch den Friedensschluss nicht angebahnt, der blutige Krieg hatte vielmehr jenen unversöhnlichen Hass zwischen den beiden Gegnern hervorgerufen, der unter der Asche fortglimmte und später noch oft zu hellen Flammen aufloderte. Drei Jahre nach dem Überfall des Bauernlagers (1840) wurde Dingaan dasselbe Los zu teil, dass er seinem Vater bereitet hatte: sein Bruder Umpanda, das Haupt einer der vielen Kriege müden Friedenspartei, stürzte ihn und bemächtigte sich der Herrschaft.. Unter diesem friedliebenden Häuptling nahm die Macht der Sulu rasch ab, und die Bauern fanden Gelegenheit, ihr Gebiet immer weiter auszudehnen. Aus Natal waren sie zwar, als England dasselbe 1845 in Besitz nahm und einen Gouverneur dorthin sandte, abermals ausgewandert und hatten sich nach Norden gewendet, um sich dort eine neue Heimat zu suchen, aber sie gewannen durch Verträge mit dem schwachen Umpanda und durch schlaue Ausnutzung derselben immer neue Landstrecken. Das Reich Dingaans war sehr zusammengeschmolzen, überdies durch Bürgerkriege zerrüttet und entvölkert, als (1872) Ketschwayo die Regierung iibernahm. Ketschwayo war ein Mann von nicht geringen Fähigkeiten, gerade der richtige Mann, wie ihn die Sulu brauchten, um den eingerissenen Verfall ihres Staatswesens aufzuhalten und ihr gesunkenes Ansehen zu erneuern. Er kam anfangs den Weissen freundlich entgegen, wahrte aber mit Entschiedenheit die Unabhängkeit des Sulu-Landes und wies jeden Eingriff in seinen Machtbereich zurück. Da viele seiner Unterthanen vor seiner Verfolgung auf britischem Gebiet Schutz suchten und fanden, entwickelte sich allmählich ein sehr gespanntes Verhältnis zwischen Ketschwayo und den britischen Behörden in Natal, und es war bald offenbar, dass es früher oder später zu einem ernsten Konflikt kommen werde. England hatte keine Mühe gespart, sich die Freundschaft des Sulu-Fürsten zu erwerben, und hatte ihn auch nach seiner Krönung im Jahre 1873 feierlich als König der Suln anerkannt. Ketschwayos Erbitterung gegen die Engländer stieg jedoch wegen der unaufhörlichen Reibereien mit den Grenzbehörden immer mehr, und er begann sich zu einem Kriege gegen England vorzubereiten. Im Jahre 1878 hatte er bereits eine Armee von 40000 Mann zur Verfügung, welche gut bewaffnet und eingeübt war und jeden Augenblick die britische Grenze überschreiten konnte. Die Veranlassung zum Streit mit England gab die Rachethat eines. beleidigten Ehegatten. Eine Ehebrecherin hatte sich aus Sulu-Land nach Natal geflüchtet, ihr Mann folgte ihr und erschlug sie, wozu ihn die Sitten seines Volkes berechtigten. England sah jedoch darin eine Verletzung der bestehenden Verträge und verlangte die Auslieferung des Mörders, und als Ketschwayo unter allerlei Vorwänden dieselbe verzögerte, rückten alsbald englische Truppen über den Tugela. Sie überschritten den Fluss in zwei Kolonnen, in der festen Zuversicht, den Sulu-König bald um Frieden bitten zu sehen, aber der Feldzug nahm wider Erwarten ein klägliches Ende. Die nördlichere der beiden Kolonnen, welche die Grenze bei Rorkes Drift (Furt) überschritten hatte, stiess bei Isandhlwana: auf den Feind. Die Engländer waren 1400 Mann stark, der Feind aber gebot über viele Tausende. Vergebens kämpften die Engländer wie Helden, alle Tapferkeit erwies sich der erdrückenden. Ubermacht gegenüber nutzlos. Die englische Kolonne wurde vollständig vernichtet, und der Sieg der Sulu war um so bedeutender, als er nicht durch Überfall, sondern in offener Feldschlacht errungen war. Die rechte Flügelkolonne unter Oberst Pearson war indessen etwa 40 km nordwärts vom Tugela bis Ekowe vorgedrungen. Dort wurde sie von den Sulu umzingelt und verschanzte sich. Durch die Niederlage bei Isandhlwana wurde aber ein Entsatz unmöglich, und die Eingeschlossenen mussten monatelang unter grossen Entbehrungen, durch Krankheiten dezimiert, allein die Angriffe des Feindes abwehren. Erst am 3. Apnil, als die Not der Belagerten schon den Gipfelpunkt erreicht hatte, wurden sie durch Lord Chelmsford entsetzt. Die Sulu, welche noch am 12. März abermals -ein englisches Detachement am Intombi-Flusse überfallen und vernichtet hatten, sahen nun das Kriegsglück sich wenden. Grösseren Truppenmassen gegenüber nützte ihre Übermacht nichts, sie wurden in mehreren Gefechten geschlagen, und schliesslich geriet am 28. August Ketschwayo selbst bei Mundi in Gefangenschaft. Sein Reich wurde unter 13 Häuptlinge geteilt, ein Teil überdies zur Sulu-Reserve geschlagen. Bald zeigte es sich aber, dass in Sulu-Land die kräftige Hand fehlte, welche bisher die einzelnen Häuptlinge niedergehalten. Das Beste wäre jetzt unstreitig gewesen, Ketschwayo, welcher während seines Aufenthaltes in der Gefangenschaft in London die Macht Englands zur Genüge kennen gelernt hatte, wieder. als Herrscher einzusetzen. England hätte an ihm einen schätzbaren treuen Bundesgenossen gewonnen. Zu einem solchen Schritt vermochte man sich nicht aufzuschwingen und versuchte es mit einer halben Massregel. Man gab Ketschwayo zwar einen Teil seines frühern Gebiets zurück, stellte ihn aber den anderen Häuptlingen, die ihm “früher unterthan waren, gleich. Der Häuptling Usipebu, der < [a N ER) . Dead = = | Ss Ketschwayos Rache fürchtete, überfiel bald darauf verräterisch dessen Kraal, und der Besieger der Engländer fand durch die Assagaien seiner eigenen Landsleute den Tod. Sein Sohn Dinisulu unternahm dann Anfang 1884 mit Hilfe aus Transvaal gekommener Boeren den Versuch. das Reich seines Vaters zurückzuerobern. Usipebu wurde in einer Schlacht geschlagen und zur Flucht auf englisches Gebiet gezwungen, aber Dinisulu musste den Boeren als Lohn für die geleistete Hilfe den grössern Teil des zurückgewonnenen Landes abtreten (s. Republik, Neue) und sich mit dem nördlichen Teil desselben begnügen, über den er noch jetzt völlig unabhängig herrscht. (Über Sitten und Gebräuche der Sulu siehe Kafraria.)

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 3, S. 1245Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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