FeedCassandra Fidelis Veneta
GeschichteFrauenzimmer-Lexicon 1715

Cassandra Fidelis Veneta, Eine gelehrte Venetianerin, deren Vor-Eltern sich aus Meyland auf diese weltberühmte Insul gesetzet. Diese vortreffliche Frau und Zierde ist A. 1465. gebohren worden. Ihr Vater hieß Angelo Fidelis. In der Lateinischen Poesie ist sie ein recht Miracul, und in den Episteln hat sie nicht ihres gleichen, wovon sie viel Proben an den Tag geleget, und worüber die berühmtesten Männer, als Politianus, Fulgosius, Barbarus und Picus Sannazarius, wie auch andere ihre Elogia von sich gestellet. Hiernechst verstand sie auch die Griechische Sprache, Theologie, Philosophie, Historie und Oratorie sehr wohl. Diese vortrefflichen Qualitäten zogen deßwegen viele Gelehrte nach Venedig, um nur dieselbige zu sehen und mit ihr zu conversiren. Ja die höchsten Häupter der Welt, nemlich Pabst Julius II. und Leo X. Ludovicus XII. König von Franckreich, Ferdinandus König von Arragonien und andere mehr, erzeigten ihr die gröste Gnade und Ehre. Sie hat ein Buch de literarum laudibus, wie auch ein anderes de Scientiarum ordine geschrieben, von welchen letztern der Autor delle Cose notabile della Citta di Venetia, einen grossen Staat machet. Sie soll viel Lateinische Verse ex tempore gemacht, auch zu Padua auf öffentlichen Catheder mit denen gelehrtesten Männer disputiret haben, so gar, daß man ihr endlich den Doctor-Hut aufgesetzet. Die Oration, welche sie bey einer von Bertrucio Lamberto, gehaltenen Disputation öffentlich recitiret hat, soll eine ausbündige schöne Rede gewesen seyn. Sie ist zu Modena A. 1487. von Dominico Roconciolo durch den Druck bekannt gemacht worden. Ihr Mann war Mario Marpellio, ein Medicus von Vicenz, nach dessen Tode sie verwittibt geblieben. Ihr Todt erfolgte gegen das Jahr 1567. in dem 102ten Jahr ihres rühmlichen Lebens. Baptista Fulgosius und Angelus Politianus machen, wie sie auch in der That verdienet, ein grosses Wunder aus ihr, und Sannazarius hat ihre Gelehrsamkeit und angebohrne Schönheit in einem Lateinischen Epigrammate der Welt vor Augen geleget; Welches in der Ubersetzung so lautet:

Du bist Cassandra zwar, die einge nur allein, Doch sehn drey Chöre dich der Götter um sich seyn, Sie finden ja durch dich die zehnte Pierinne, Die andre Cyprie, und vierte Charitinne.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 329–331Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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