FeedVenda oder Vanda, auch Wenda
GeschichteFrauenzimmer-Lexicon 1715

Venda oder Vanda, auch Wenda, Des Polnischen Fürsten, Craci, kluge und tapffere Tochter, so nach Lechi II. Tode, und seines Bruders Verbannung aus dem Reiche An. 750. auf den Thron erhoben ward. Ohngeachtet nun die Polen als ihre Unterthanen scharff darauf drungen, daß diese ihre Fürstin sich vermählen solte, wolte diese hierinne doch nichts darvon hören, sondern entschlosse sich als Jungfer zu leben und zu sterben. Der Ruhm aber ihrer Schönheit und recht männlichen Geistes blieb nicht nur in Polen eingeschlossen, sondern drang auch in Deutschland, wodurch ein gewisser Deutscher Fürst, Rüdiger genannt, also entflammet ward, daß er dieser schönen Polnischen Fürstin sein Verlangen durch eine ansehnliche Gesandschafft zu hinterbringen sich entschloß, welche sie aber mit einem weitläufftigen Korbe wieder zurücke schickte, wodurch dieser Deutsche Printz dergestalt entbrannt wurde, daß er endlich den Entschluß faßte, seine Liebe durch Gewalt der Waffen zu suchen, und das verlangte Jawort mit dem blancken Degen in der Faust zu hohlen. Daher zog er eine starcke Macht zusammen, und legte sich mit selbiger an die Polnischen Gräntzen, woselbst er mitten unter denen feindlichen Actionen dennoch seine beständige Liebe gegen sie blicken ließ. Venda begegnete ihrem verliebten Feinde mit gleicher Macht, und bezeigete hinwiederum alle Freundschafft, woraus iedoch keine gesicherte Liebe zu schliessen war. Die feindlichen Proceduren wurden durch hin- und wiederschicken bißhero aufgehalten, worüber die Deutschen ziemlich ungedultig wurden, so, daß sie in Geheim mit der Venda Frieden schlossen, und die Polnischen Gräntzen verlassen wolten. Anbey riethen sie ihrem Fürsten, er solte sich doch durch unzeitigen Liebes-Eyser nicht so gleich in Gefahr setzen, sondern vielmehr bedencken, daß er mit einem Weibes-Bilde zu thun hätte, von welcher er, er möchte nun siegen oder unten liegen, gleiche Ehre zugewarten hätte. Fürst Rüdiger hörte zwar solches mit an, war aber viel zu schwach sich selbst zu besiegen. Seine Liebe war unveränderlich, hingegen sahe er sich von den Seinigen verlassen, dahero er Scham, Ungedult und Verzweiffelung so weit über sich herrschen ließ, daß er sich selbst einen Dolch in das Hertze drückte, und dadurch Liebe und Leben endigte; woran sich diese tapffere Fürstin gar nicht kehrete, sondern einen triumphirenden Einzug in Cracau hielte, und denen Heydnischen Göttern wegen solches Sieges unzehlige Opffer schlachtete. Als sie aber nach der Zeit ihrer Unterthanen Mißvergnügen über solche Gelübde der Keuschheit verspürte, trat sie einst auf die Weixel-Brücke, und stürtzte sich freywillig vor allem Volck mitten in den Strom, der sie bald denen Todten gleich machte. Cromer. Lib. 1. Dugloss. Neugeb. etc. Der von Ziegler hat ihr nachstehende Grabschrifft in seinem historischen Labyrinth der Zeit aufgesetzet:

Es war der Jungfern-Crantz mein fünfftes Element, Und dieser starb mit mir in Wasser unzertrennt, Laßt, Schwestern! bitt ich, mir doch diesen Ruhm alleine, Ach ja! denn um den Crantz ersäufft gewiß sich keine.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 2064–2066Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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