FeedCavalierement studiren
AllerleiRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Cavalierement studiren, Hierbey sind zwo Klippen sorgfältig zu vermeiden, erstlich die Negligen; und die damit verknüpfte bauerstoltze Unwissenheit, und zweytens die Pedanterey. Denn ein junger von Adel soll nicht obenhin und so zu sagen für die liebe lange Weil die gelehrten Wissenschafften tractiren, sondern sich eine gründliche Gelehrsamkeit erwerben, damit er Königen und Fürsten und dem Staate dereinst desto nützlichere Dienste leisten könne. Dieser Zweck wird nun durch nichts anders als durch Schweiß und Fleiß erlanget. Denn ohngeacht ein Cavalier nicht nöthig hat, alle Subtilitäten einer ieden gelehrten Wissenschafft inne zu haben; so soll er sich doch den Kern derselben bekandt machen, und wie er solche für sich und für den Staat nützen könne, verstehen. Nebst dem Unfleiß hat einer von Adelichem Geblüte auch die Pedanterey zu fliehen. Einen Pedanten aber nennen wir den, welcher nicht nur aus allerhand Grillenfängereyen und nichtswürdigen Kleinigkeiten grossen Staat machet, sich vor andern dabey klug zu seyn einbildet, und das, was reellen und wahrhafften Nutzen schaffet, dabey hintan setzet, sondern auch weder auf die Cultur seines Verstandes noch Willens bey seinem Studiren siehet. Dagegen ein Edelmann alle seine Studia hauptsächlich auf die Praxin zu richten, und in nichts theoretisches sich einzulassen hat, wofern es nicht zur Praxi führet. Wie soll man aber cavalierement studiren? Man muß, gute und auserlesene Schrifften lesen, gelehrte Männer öffters hören, das Gehörte und Gelesene durch reiffe Meditationes in succum & sanguinem vertiren, und sich eines klugen Umgangs mit gescheuten und und gelehrten Leuten nicht entschlagen, als woraus öfters mehr zu profitiren, als aus vielem Lesen und öftern Collegiis. Jn diesen Stücken wird ein Liebhaber der Weisheit und Gelehrsamkeit mehr Vergnügen und Ergötzlichkeit finden, als andere in Caffee- und Wirthshäusern. Jn welchen Wissenschafften soll sich einer von Adel umsehen? Soll er denn auch die Critic lernen? Jn sofern die Critic sich mit grammaticalischen Kleinigkeiten beschäfftiget, ist es an einem Edelmann lobenswürdig, wenn er hiervon nichts weiß. Wenn aber die Critic den Weg zur Verständniß der alten Scribenten bahnet, so ist ihm deren Erkentniß nicht schädlich, wenn er sich nur nicht allzusehr darinne vertieffet, und die itzigen Sitten und Lebens-Art dabey hintan setzet. Die Lateinische Sprache ist ihm unentbehrlich, und giebt deren Zierlichkeit und Reinlichkeit einem Staats-Manne eine nicht geringe Zierde: Daß er aber eben Ciceronianisch Latein schreiben müsse, ist nicht nöthig, genug wenn er seine Gedancken zierlich, nett und deutlich auszudrucken weiß, und sich vor Solœcismis, Barbarismis und Germanismis hütet. Die Frantzösische und Jtalienische Sprachen, als die gewöhnliche Hof-Sprachen an den mehresten Höfen in Deutschland, sind einem Cavalier gleichfalls unentbehrlich, zumal da auch in der Frantzösischen die schönsten und gelehrtesten Bücher geschrieben sind. Hat er Zeit und Gelegenheit die übrigen Sprachen der gesitteten Europäer zu erlernen, so ist solche nicht zu versäumen; doch wird ein ieder hierbey auf seine eigene Umstände sehen. Und da er in ausländischen Sprachen versiret seyn soll, so verstehet sich von selbsten dabey, daß er vor allen Dingen seine Mutter-Sprache vollkommen in seiner Gewalt haben müsse. Von der Griechischen und Ebräischen Sprache, darinnen Gottes Wort ursprünglich geschrieben ist, haben wir hier nichts zu erinnern, weil wir vermuthen, er werde als ein Christ auch in denen Sprachen, deren sich der Heilige Geist bedienet, nicht unerfahren seyn wollen. Ob dem, der cavalierement studiren will, die Philosophie, und deren Theile die Logic oder Vernunft-Kunst, die Oratorie oder Beredtsamkeit, das jus Naturæ, die Ethic, Moral, Physic, Politic &c. die Mathesis, die Rechte, als das jus civile, Publicum, Feudale, Ecclesiasticum &c. nöthig seyn, davon wird unter iedem Artiekel gedacht werden.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 305–308Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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