FeedGems, Gemse
TierreichRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Gems, Gemse, Jst eine Art von einer wilden Ziege, welche meistens in denen Schweitzerischen Alpen- und hohen Tyroler-Gebirgen anzutreffen, und von Leibe etwas kleiner und niedriger als eine Rehe ist. Die Farbe siehet zwar ordentlicher Weise braunroth, wird aber im Sommer lichter und im Winter dunckler, die Augen sind hell, röthlicht und scharffsehend; hat starcke Spannen-lange, oben wie Haacken rückwerts gebogene, und von vielen knotigten Circkeln oder Riegeln gantz rauhe schwartze Hörner, und sehr schnelle Füsse, mit welchen sie gewaltig springen können, und wenn sie auf den höchsten Klippen sich befinden, und von denen Jägern verfolget werden, sollen sie sich, um der Gefahr zu entgehen, mit ihren krummen Hörnern an die Stein-Felsen hängen. Von diesen Gehörnigen gehet am Kopff zu beyden Seiten neben denen Augen auf das Maul hinab ein schwartzer Strich; auf der Stirne aber befindet sich eine Blässe oder Sternlein. Bald nach Jacobi begeben sich die Gemsen in die Höhe, des Winters Kälte bey Zeiten zu gewohnen; Gegen den Frühling aber, da sie von Natur die Aenderung des Wetters vermercken, kommen sie wieder herab auf die niedrigen Gebirge, wegen der zeitigen Kräuter, sonderlich wo sie Sand finden, welchen sie so gerne, als die Ziegen das Saltz lecken, und damit nicht nur den Schleim von der Zungen abschaben, sondern auch bessere Lust zum Fressen kriegen: Daselbst, oder wo man sonst gemeiniglich ihren Wechsel gemercket, wird ihnen von Schützen aufgepasset, und sie also geschossen. Wenn sie von den Gemsen-Steigern getrieben werden, begeben sie sich ie länger ie höher, und springen von einer Felsen-Klippe auf die andere, bis sie nimmer weichen können; Ein solches gejagtes Thier schreyet nicht, sondern wispelt gleichsam nur, und giebt einen Druck dnrch die Nase; Wenn nun der Gemsen-Steiger nachklettert, auch ihme so nahe kommt, daß ers erreichen kan, folglich das Thill-Messer (wie sie es nennen) aufschifftet, und ihme solches an den Leib setzet, so reibet es sich selbsten darein, als ob es sich daran stemmen oder steuren wolte, und fället sodenn hoch vom Felsen herab; Dem ohngeachtet bleibet doch das Häutlein gemeiniglich gantz und unversehret. Der Schweiß aus der Wunde eines frischgefällten Thieres sogleich gesauget, wird von dem Jäger als ein kräfftiges Mittel wider den Schwindel gebrauchet, weil er sonst auf denen hohen und steilen Gebirgen schlimm zu rechte kommen würde; so muß er auch über dieses scharffe Fuß-Eisen anhaben, damit er auf denen jähen schlipfferigten Felsen nicht gleiten, und herab fallen möge. Das Gemsen-Wildpret wird, als was sonderliches und gesundes, gerühmet, und an denen Orten, wo sie zu haben, nur auf vornehmen Tafeln aufgesetzet, dessen Zubereitung alsdenn mit dem Reh-Wildpret gantz überein kommet. Die Gemsen-Galle, soll ein treffliches Mittel wider dunckle und blöde Augen; das Unschlitt aber in Milch zerlassen und warm getruncken, wider die Lungen- und Schwindsucht gut seyn.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 902–904Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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