Hirsch, Cervus, le Cerf, Wenn ein Hirsch in währendem Lauf angeschriehen wird, stutzt er und sieht sich um, und wenn er etwas ungewöhnliches erblicket, oder unvermuthet etwas fahren, oder einen Menschen ruffen, singen oder pfeiffen höret, so bleibet er stehen, und siehet es begierig an, und so er im Walde von Wölfen verfolget wird, suchet er Zuflucht bey den Menschen sich zu retten. Wenn gifftige stinckende Nebel sind, zerscharren sie die Ameis-Hauffen, riechen darein, und brausen von solchem starcken Spiritu, der ihnen gleichsam an stat eines Niese-Pulvers dienet, indem sie durch das Niesen ihr Gehirn reinigen, daß viel böses damit weggehet. Wenn ein Hirsch was vermercket, gehet er gemeiniglich dem Wind entgegen, und so er gejaget wird, laufft er mit dem Winde, daß keine Witterung von ihm zurücke bleibe. Eben also schwimmet er lieber abwerts, als wider den Strom. Wenn viel Wild und Hirsche beysammen flüchtig werden, lauffen die stärcksten hinten nach, stossen und schlagen die andern vor sich fort. Wenn es donnert und grosses Ungewitter entstehet, bleiben sie nicht gerne unter den Bäumen, sondern begeben sich lieber, wo keine Dickigt ist, in flache Felder, Wiesen und lichte Plätze, und stehen daselbst auch in dem größten Regen; bey Sturm-Winden aber sehen sie allezeit in die Höhe, wohin dieselben in der Noth fallen möchten. Die Losung des Hirsches ist im Sommer zur Hirschfeist-Zeit flach, und als ein Zwey-Groschen-Stück breit; hänget schleimigt an einander, wie die Beeren an einer Weintraube, und gläntzet, wie Oel an der Sonnen, und ie feister der Hirsch, ie schleimigter ist seine Losung; im Winter aber ist sie gedrungener, schwärtzer und rundeckigter. Des Wildes Losung hingegen ist kleiner, und am Ende spitzig, verzettelt solche, als eine zerrissene Schnure Corallen, und lässet die Lorbern zerstreuet hin und her fallen, wie die Ziegen, und wird man in der Losung finden, was das Wildpret gutes oder böses, verdauliches oder unverdauliches genossen, und im Magen und Wanst gehabt, doch ist die Tages-Losung von der Ruhe besser verdauet, als die Nachts-Losung. Der Hirsch wird von den Jägern erschlichen und gepürschet, wo er aber nicht gleich fället, sondern nur an- oder Weide-wund geschossen ist, verfolgen sie ihn mit dem Schweiß-Hund, bis sie ihn wieder zum Schuß bekommen, oder für Mattigkeit niedergethan finden, da sie ihm mit einem Fang den Rest geben; oder er wird gejaget, und dieses geschiehet auf zweyerley Manier, entweder durch ein umgestelltes Jagen, oder durch ein sogenanntes Renn- oder Parforce-Jagen; wovon am gehörigen Orte. Wie ein Hirsch oder Thier auf Weidmännisch soll aufgebrochen und zerwircket werden, davon siehe unter dem Wort Aufbrechen und Zerwircken. Das Jäger-Recht vom Hirschen ist der Hals mit den nächst daran stossenden dreyen Rippen. An demselben ist alles gut, und kan er sowol in der Küche als Apothecke genutzet werden. Das Fleisch oder Wildpret des Hirschen ist unterschiedlich. Von alten Hirschen wird es für hart, unverdaulich und schwerer Nahrung gehalten; alleine diesem angeblichen Mangel wissen die Köche durch gut Gewürtz, oder durch Einbeitzen und Einschlagen in Pasteten gar wohl abzuhelffen doch ist bekannt, daß die Schmal-Thiere, ingleichen die Spieß-Hirsche ein weit zärteres, die Kälber aber das allerbeste Fleisch haben; dahero auch diese letztern nur auf grosser Herren Tafeln gehören. Ausser diesen aber findet sich noch verschiedenes, so in der Küchen als ein delicates Essen zuzubereiten, dergleichen sind die Kolben, Hirsch-Ohren und Hirsch-Läuffte. Zur Brunst-Zeit tauget das Hirsch-Wildpret nicht viel, indem es nicht nur alsdenn sehr mager ist, sondern auch ziemlich bockentzet. Die Weidmännische Redens-Arten vom Hirschen sind folgende: Der Hirsch hat ein Maul, Haut, Gehörn oder Geweih, von zwey Stangen und vielen Enden, Läuffte, Schaalen und Geäfftere. Wenn der Hirsch durch den natürlichen Gang sich erleichtert, so heißt es, er hat geloset. Der Hirsch stehet, nimmt die Weide an oder zeucht ins Gras, er aaset, zeucht vom Feld zu Holtz, gehet in seinen Stand, sucht seine Ruhe, wird gespürt, durch Leit-Hunde aufgesucht, gefunden, bestätigt, und verbrochen. Er verfähet, wird gejagt, fleucht, ist den Hunden entlauffen, über den Zeug gefallen, (wenn er über die Tücher gesprungen) wird zu Holtze geschossen, (wenn er nemlich nicht gleich fällt, sondern Holtz- ein gehet) schweisset, giebt Fährte oder Gemerck, thut (nicht legt) sich nieder, wird gepürscht, (nicht geschossen) gefangen (nicht gestochen) und also erlegt und gefällt. Der Hirsch beschlägt das Wild, wenn er darauf springt, hat Geilen und kurtz Wildpret, das Wild aber ein Feigblat oder Patente; wird aufgebrochen und zerwirckt. Ballen sind das Untertheil der Füsse, Schalen das Horn oder die Klauen. Das Hintertheil auf dem Rücken, davon die Keulen abgelöset, wird der Zimmel, Zimmer, Zämmel oder Ziemer genannt. Die Seiten am Hirsche, heissen Krieben, Wümner oder Wände. Das rohe Hirschhorn geraspelt in abgekochten Träncken und Aufgüssen eingenommen, widerstehet dem Gifft und aller Fäulung, erwecket Schweiß, stärcket den Lebens-Balsam, ist gar nützlich in Masern, Blattern, Fiebern und andern bösen und gifftigen Kranckheiten. Das gebrannte Hirschhorn besänfftiget das aufwallende Geblüte, stillet die Hitze, dämpfet die Säure, hemmet den Durchbruch, tödtet die Bauchwürm etc. Das ohne Feuer präparirte Hirschhorn, ist ein Schweißtreibendes und wider gifftige Kranckheiten herrlich dienendes Mittel, dergleichen auch der daraus gezogene Spiritus, Saltz und Oel sind; es wird auch eine Gallerte und Magisterium daraus gemacht. Aus dem Hirsch-Hertzen wird mit Zusetzung verschiedener Gewürtze und Kräuter ein Wasser abgezogen, so eine treffliche Hertzstärckung giebet. Die Ruthe pulverisirt oder in Decoctis gebraucht, ist gut wider das Seiten-Stechen, Colic und rothe Ruhr. Die gedörrten und gepülverten Geilen in Wein eingenommen, sind eine Stärckung der männlichen Kräffte; der Schweiß, d. i. das Blut in einer Pfanne gedörret und pulverisiret, stillet die rothe Ruhr und andere Bauchflüsse, ist auch wider den Gifft, Lenden- und Seiten-Wehe sehr dienlich. Das Hirsch-Marck hat vor andern Marcken den Vorzug und ist zu alten bösen Schäden, zumahlen an Füssen und Schienbeinen vortrefflich gut. Das Unschlitt wird vielfältig unter andere Salben und Pflaster gemischet, oder auch alleine gebraucht, indem es die harten Geschwulsten erweichet, die Wunden zusammen ziehet, und die vom Frost und Entzündungen an Händen und Füssen entstandene Schmertzen stillet, aufgeschrundene Hände heilet, und ein gutes Mittel ist, wenn man sich wund gelegen oder geritten hat. Man machet auch ein Oel davon, welches starck erweichet, lindert, und das Podagra besänfftiget. Der Sprung oder das Beinlein aus den Hinter-Läufften, welches an dem Hirschen eben das, was bey dem Hasen der Hasen-Sprung ist, wird wider die rothe Ruhr und Colic sehr gerühmet. Denen Kugeln oder Steinen, die man zuweilen in dem Hertzen, Magen und Gedärmen der Hirschen findet, schreibet man insgemein gleiche Kräffte, wie dem Bezoar zu. Von dem sogenannten Hirsch-Creutz und Hirsch-Thränen siehe weiter unten. Alle diese Stücke sind am besten, wenn sie zu Anfang des Herbst-Monats um Egidii, oder wie man insgemein zu reden pfleget, zwischen zweyen Frauen-Tagen, nemlich zwischen dem funffzehenden Augusti, und achten September, gesammlet werden. V. Cerf.