FeedKammer-Styl
GeschichteRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Kammer-Styl, Jst diejenige Schreib-Art, welche in denen bey Königlichen und Fürstlichen Kammern aufzuführenden Musicken beobachter werden soll. Es ist aber dieser Stylus Cameræ vel Symphoniacus, vel Canonicus, vel Choraicus, vel Madrigalescus & melismaticus. 1) Der Stylus Symphoniacus oder Jnstrumenten-Styl kömmt hier auf eine gantz andre Art, als bey geistlichen und theatralischen Wercken vor. Er erfodert weit mehr Arbeitsamkeit als sonst, und will künstliche Mittel-Partien haben, die um den Vorzug mit den Ober-Stimmen gleichsam beständig, und auf eine angenehme Art, Streit führen; Bindungen, Rückungen, gebrochene Harmonien, Abwechselungen mit Tutti und Solo, mit Adagio und Allegro &c. sind ihm lauter wesentliche Dinge, und wenn auch gleich die Melodie ein wenig darunter leidet, so muß doch hier alles verblümt, aufgeputzt und sprudelnd seyn. 2) Der Stylus Canonicus, oder die Canonische Schreib-Art, findet auch in Zimmern und Sälen ihren Platz, ja auch öfters inter pocula. Auch giebt sich noch zuweilen ein und anderer Liebhaber die Mühe, canonische Sonaten zur Kammer-Music über gewisse feststehende Sätze (canto fermo) zu verfertigen; welches aber weniger Ergetzlichkeit bringet, als Arbeit erfodert. Bey theatralischen und häuslichen Vorfällen zeiget die canonische Schreib-Art mehr munteres und freyes Wesen in der Melodie, als in Kirchen-Sachen. 3) Der stylus choraicus, als der dritte zur Kammer-Music gehörige Styl, ist der gewöhnlichen und gebräuchlichen Tantz-Kunst eigen. Er theilet sich in so viel Gattungen, als es Arten von Täntzen in Zimmern und Sälen giebt. Die Polnische Art des Choraischen Styls hat seit einiger Zeit so viel Beyfall gefunden, daß man sich nicht gescheuet, die ernsthaftesten Worte und Sing-Gedichte mit Melodien à la Polonoise zu versehen. Es hat auch in der That eine fremde Wirckung, und mag gleichwol, ohne sattsame Kundschafft der Choraischen Schreib-Art, niemand dieselbe recht zu wege bringen. 4) Der Stylus Madrigalescus & melismaticus. Der Madrigalen-Styl bleibt in allen Schreib-Arten einerley. Der Melismatische aber hat, ob er sich gleich von Anfange her zu geist- und weltlichen Oden beqvemen müssen, sich dennoch von den madrigalischen Arien und Recitativen in die Enge treiben lassen. Doch hat man gewisse artige Jäger-Hochzeit-Straf- und Schertz-Oden des melismatischen Styls, welche sich zur Lust sehr wohl hören lassen, und nicht allemal auf blosse Gassenhauer hinaus lauffen, auch bisweilen auf Schaubühnen gebraucht werden.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1197–1199Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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