Oratorium, Oratorio, Oratoire, Ein Sing-Gedicht, welches eine gewisse Handlung oder tugendhaffte Begebenheit auf dramatische Art vorstellet. Die Oratorien, wenn sie geistliche Dinge abhandeln, haben ein anders und höhers zum Object oder Vorwurf als sonst, nemlich Gott und dessen grosse Thaten, die freylich weit ernsthaftere Ausdrückungen und Gedancken geben, auch wichtigere Wirckungen bey den Zuhörern thun, als die verstellten und geschminckten Affecten des weltlichen Schau-Platzes. Zu einer solchen Wirckung zu gelangen, muß die Ausdrückung in den Melodien eines Oratorii, welches so viel Abzeichen, als Leidenschaften hat, zwar nicht so wild, aber doch so lebhafft, wo nicht lebhafter seyn, als in Opern, denn ein Oratorium ist gleichsam eine geistliche Oper, und die göttliche Materie verdienet es vielmehr, als die menschliche, daß man sie nicht schläfrig ausarbeite. Bey Opern ist alles Schertz: in Kirchen aber soll alles Ernst seyn. Es werden in den Oratorien durch die Prosopopœïam, da aus Dingen Personen gemacht werden, die sonst keine sind; oder ohne Verblümung durch Einführung wircklicher Personen solche Vorträge gethan, die nicht in einem dürren Gespräche oder in einer Erzehlung allein, sondern in beweglichen Sätzen von allerhand Art, schöne Gedancken und Erwegungen an den Tag legen, die Gemüther sowol zur Andacht und heiliger Furcht, als auch zum Mitleiden und andern Regungen, vornehmlich aber zum Lobe Gottes und zur geistlichen Freude antreiben, durch Chorale, Chöre, Fugen, Arien, Recitative etc. die artigste Abwechselung treffen, und selbige mit verschiedenen Jnstrumenten, nachdem es die Umstände erfodern, klüglich und bescheidentlich begleiten. Des Oratorii Arten sind Passiones oder Vorstellungen des Leidens Christi, Epithalamia, Hochzeit-Stücke, Epicedia, Trauer-Musicken, Epinicia, Siegs-Gesänge etc. Es giebt auch vielerley weltliche Oratorien, die mehr zum Cammer-Styl, als zur dramatischen Schreib-Art gehören.