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MusikRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Orgel, Bey denselben ist zu betrachten 1) die Wind-Lade und deren Probe. Die Wind-Lade bestehet aus drey Stücken: der Unter-Lade oder dem Wind-Behältnisse; den Registern und den sogenannten Stöcken, darauf das Pfeiffenwerck stehet. Die Wind-Lade selbst ist ein Rahm von Eichenholtz bis vier Qver-Finger hoch, durch Schenckel in so viele Zellen oder Cancellen getheilet, als das Griffbret Tasten oder Claves haben soll. Diese Cancellen werden alle mit einander fest über die Helffte am untern Theile fest verspündet; was denn offen bleibet, unter dasselbe wird der Windkasten gelegt. Jn dem Windkasten sind die Haupt-Ventile oder Windklappen, welche den übrigen offen gebliebenen Untertheil der Cancellen vollends bedecken. Und also wird dieser Rahm zu einer förmlichen Windlade, auf welche vor diesem ein sogenanntes Fundament-Bret geleget ward, anietzo aber eine mit Leder wohlgefütterte Spündung der Cancellen angebracht wird; worauf denn weiter die Register samt ihren Dämmen, die durch die gantze Lade gehen, und ungefehr einen halben Zoll dick sind, gerichtet werden. Diese Register lassen sich hin und her ziehen oder schleiffen, und es werden durch dieselben Löcher gebohret bis in die Cancellen hinein. Wenn man nun die Register anziehet, so passen die Löcher auf einander; ziehet man sie aber ab, so erfolgt das Gegentheil, und kan kein Wind durchkommen. Die Dämme sind feststehende Eichen-Höltzer, so zwischen den Registern befindlich, und weiter nichts thun, als daß sie dieselben unterscheiden. Auf die Register aber werden die Stöcke, welche bey andern auch Blächer oder Klötze heissen, mit Schrauben befestiget, durch welche der Wind bald gerade, bald seitswerts, bald schräge, nachdem es die Lage zuläßt, den Pfeiffen zugeführet wird. Diese Stöcke, ungefehr anderthalb Zoll starck, müssen so dichte unten und inwendig gefüttert seyn, daß nicht das geringste vom Winde hindurch noch von einem Clave zum andern kommen kan. Uiber solche Stöcke oder Canäle (welche bisweilen auch von Metall verfertiget werden, und sich durch Schrauben bald fester, bald loser auf der Windlade machen lassen, nachdem es erfodert wird) lieget endlich das Pfeiffenbret, darinnen die Pfeiffen aufrecht stecken und ihre Festigkeit haben, wiewol die grossen Pfeiffen auch eben zu mehrerer Befestigung angehänget werden müssen. Dieser Pfeiffen untere Oeffnung muß wiederum gerade auf die Löcher der Register gerichtet seyn, und das ist die gemeine Art der sogenannten Schleiff-Laden oder Schleiff-Register, welche sich aber bey feuchtem Wetter dermassen schwer anziehen lassen, daß sie bisweilen wol gar abbrechen und reissen. Bey den Springladen hergegen hat ieder Clavis seinen eigenen Stock, und iede Pfeiffe auf selbigem Stocke ihr eigenes Ventil, so daß eben so viel Ventile in den Stöcken vorhanden seyn müssen, als Pfeiffen darüber stehen; nur die Mixturen und andere vielfache Stimmwercke ausgenommen. Die Stöcke werden hierbey gerade auf die Cancellen gerichtet. Zu iedem Ventile aber in den Stöcken ist eine Feder und ein Drucker. Wenn nun ein Register auf die Drucker gezogen wird, springen die Ventile oder Klappen auf und eröffnen sich; wird aber das Register abgezogen, so springen die Klappen durch den Trieb der untergesetzten Feder von selbsten zu und schliessen sich.

2) Der Blasebalg an einem Orgelwercke läßt sich mit der Lunge vergleichen, so wie die Windlade gleichsam desselben Hertz ist. Einige Orgeln haben der Bälge viel, andre wenig, nachdem diese eingerichtet sind, und ihre Bewegung langsamer oder geschwinder machen. Ein Werck von 30 Stimmen hat wol eher 8 Bälge mit vielen Falten erfodert: Jtzo kan man es mit 3 einfältigen, das ist, solchen Bälgen, die nur einmal zusammen gefalten werden, gar gut bestellen, wenn sie nur allgemach und nicht auf einmal plötzlich oder geschwind niederfallen. Die Ursache aber, warum der Wind, auch aus einem einzigen Balge, mit einerley Gewicht beleget, mit einer einzigen Falte versehen, (denn mit vielen ist es nur ärger) dennoch nicht gleich oder ebenträchtig seyn kan, ist: Daß der Balg, wenn er aufgetrieben und aufgeblasen wird, iedesmal ein Stück eines Circkel-Bogens macht, und mit dem äussern Ober-Ende seinem Mittel-Punct nothwendig näher kömmt. Wenn alle Bewegung, so wie diese, ie näher sie dem Centro tritt, desto stärcker und geschwinder, im Niederfallen aber und im Entfernen desto schwächer und träger wird, indem sie vom Mittelpuncte abweichet; so ist leicht zu schliessen, woher der Orgel-Wind seine Ungleichheit habe. Ein Vortheil dabey ist, daß man den Balg an seinem breiten Ende niedriger leget, als am schmalen, auch denselben mit einem Gegengewicht versiehet; welches aber nicht angehet, wenn der Balg zwo oder mehr Falten hat. Heutiges Tages werden die Bälge nur mit einer eintzigen Falte gemacht, und kan man sie durch Roß-Adern so zwingen, daß auch kein Gegenwicht nöthig ist, indem sie solches bereits durch diese Adern bey sich führen, die Bälge mögen liegen wie und wo sie wollen. Die Bälge und deren Bewegung werden durch die Windwage probiret. Die Probe des Ladens geschiehet entweder durch Hülffe eines brennenden Lichts, wenn man selbiges aller Orten bey den Fugen vorhält, und siehet, ob nichts heraus blase, wenn die Bälge getreten werden; oder man drückt bey abgezogenen Registern das gantze Clavier mit kleinen Bretern und einem drauf gesetzten Gewichte nieder. Vermeinet man alsdenn bey getretenen Bälgen und vollem Winde kein Geschwirre oder Gesäusel zu hören, ist die Lade dicht und gut.

3) Die Orgel-Pfeiffen werden in 2 Classen oder Ordnungen getheilet, nemlich in Flötwerck und Schnarrwerck.

4) Bey dem eigentlichen Stimmen den Orgeln ist der Vortheil in acht zu nehmen, wenn man z. E. ein Rohrwerck von 16 Fuß rein stimmen will, ziehet man ein Flötwerck, als nemlich ein Principal oder Octav von acht Fuß dabey an; weil die Bebungen der feinern Klänge häuffiger und schärfer ins Gehör dringen, zumal aus einer festgestimmten Pfeiffe, als die Wallungen eines gröbern Lauts in einem wanckenden Rohrwerck. Jst aber dieses, wenn es gestimmet werden soll, nur achtfüßig, so nimmt man gerne eine Octave von vier Fuß dabey zur Richtschnur, und folget derselben. Zu einem Schnarrwercke von 4 Fuß, weil es etwas jung, das ist, hoch und fein im Klange ist, ziehet man gerne bey dem Stimmen ein achtfüßiges Principal, als eine sogenannte Æqual-Stimme, und daneben eine vierfüßige Octave, nach welchen beyden man jenes Rohrwerck am sichersten rein stimmet. Denn die Pfeiffen, so mit dem Rohrwercke gleich am Tone sind, betriegen das Gehör, dem sie nimmer rein vorkommen, und darum muß allemal eine Ungleichheit in ihrer Maasse beobachtet werden. Von der Temperatur s. an seinem Orte.

5) Der eigentlichen Claviere oder Griff-Taffeln sind bald zwey, bald drey, bald vier, bald fünf, wenn man das Pedal mit rechnet: Sind der Claviere nur zwey, so unterscheidet man sie durch die blosse Benennung des Manuals und Pedals. Sind der Claviere drey, so heissen die beyden Manuale das Werck und das Rück-Positiv, weil gemeiniglich bey dieser Einrichtung die Pfeiffen des letztgenannten so stehen, daß der Organist im Spielen ihnen den Rücken zuwendet; wiewol einige Orgeln, wegen der Lage, stat des Rück-Positives, ein Seitenwerck haben. Sind der Claviere vier, so nennet man das dritte Manual die Brust, weil die dazu gehörige Pfeiffen gemeiniglich in der Höhe, als gleichsam an der Brust des Gebäudes, in kleiner Masse ihre Stelle finden. Sind aber der Caviere fünf, so trägt das vierte Manual den Nahmen eines Oberwerckes.

6) Die Register-Züge oder Orgel-Stimmen, welche und wie viele in einem Wercke seyn sollen, wird hier nicht bestimmet, obgleich die, so etliche 50 bis 70 Stimmen allerley Art aufweisen, unter die besten zu rechnen sind. Hier ist nur was weniges zu gedencken, wie die Register zusammen zu ziehen, und mit denselben allerhand Veränderungen klüglich zu machen. Man ziehet nemlich nicht gerne, wenn Solo gespielet wird, zwo gleiche Stimmen (welche beyde von 8 oder 4 Fuß Ton sind) deren Pfeiffen nicht einerley Gestalt haben, neben oder mit einander, weil die Ungleichheit des Tones niemals deutlicher und mit mehrerer Widerwärtigkeit vernommen werden mag, als eben bey der vermeinten Gleichheit. So ziehet man auch kein Flöt- und Rohrwerck auf einem und demselben Claviere an, ob es gleich auf 2 unterschiedenen Clavieren gar wohl geschehen kan. Bey groben und tief-klingenden Stimmen muß mehr Ernsthaftigkeit, als flüchtiges Wesen im Spielen gebraucht werden; bey vermischtem kleinen und jungen Stimmwerck aber kan man sich auf geschwinde und bunte Stücke gefast machen. Sonst theilen sich die Orgel-Züge in zwo Gattungen: zur ersten gehört das volle Werck; zur andern aber alle übrige vielfältige Veränderungen, die sich mit verschiedenen Clavieren besonders, und mit schwächern, iedoch ausgesuchten Stimmen machen lassen.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1661–1667Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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