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ReligionBrockhaus 1882

Heilig (von Heil, s. d.) ist in der biblischen und kirchlichen Sprache übersetzung des Wortes kadosch, welches das vom gemeinen Gebrauch des Lebens Ausgesonderte und dem Dienste Gottes Geweihte bezeichnet und ebensowohl von Dingen als von Personen gebraucht wird. Das spätere Judentum bezeichnete mit dem Ausdruck Heilige hagioi) die Propheien und Gerechten des Alten estaments; dagegen hießen nach neutestamentlichem Sprachgebrauch so die an Jesum Gläubigen, weil sie durch Christus dem Reiche der Welt entnommen und in das Reich Gottes versetzt, Gott zugeeignet und infolge dessen auch vom Heiligen Geiste (s. d.), als dem Prinzip des neuen religiössittlichen Lebens, ergriffen worden sind. Die Heiligung nach ihrer subjektiven Seite ist im Neuen Testament zunächst Sündenvergebung (Reinigung von der Schuld) und erst abgeleiteter Weise wirklich sittliche Erneuerung. Allmählich fing man dann auch in der christl. Kirche an, das Prädikat aheiligo, welches ursprünglich allen Christen ohne Unterschied zukam, vorzugsweise solchen Männern beizulegen, welche durch besondere Geistesausrüstung und Glaubenskraft vor andern sich auszeichneten. „So begann man von heil. Aposteln und Evangelisten, aber seit Ende des 2. Jahrh. auch schon von heil. Bischöfen zu sprechen, sofern man annahm, daß dieselben den Heiligen Geist in besonders hohem Maße besessen Ren Besonders aber hießen die Märtyrer, diese Heroen der Christenheit, heilig, und schon um die Mitte des 3. Jahrh. galt der Märtyrertod als das sicherste Mittel, sich von allen Sünden zu reinigen, die Märtyrer selbst aber als mit besondern Vorrechten im Gottesreich ausgerüstet. Zu der alten Idee von der Kraft der Rei bitte der Märtyrer brachte schon Origines die Meinung, daß man ihnen auch seine Wünsche kundgeben könne, daß die Fürbitte der verklärten Heiligen eine große Kraft besitze, andern die Vergebung der Sünden zu verschaffen. So entwickelte sich jetzt schon ein umfassender Heiligendienst oder Kultus der Heiligen (Hagiolatrie), der in der Ansicht wurzelte, daß der Mensch himmlischer Fürsprecher bedürfe. Noch Augustinus hatte darauf %½½%˙ daß die sittliche Nacheiferung der Heiigen als die Hauptsache des Heiligendienstes zu betrachten sei. Aber schon waren die Vorstellungen von der Wirksamkeit der Heiligen und deren Fürsprache dahin gediehen, daß man ihre Verehrung, ja selbst die ihrer Reliquien als ein Mittel zur Sündenvergebung und Tugend betrachtete. Redner und Dichter schilderten die Macht und Herrlichkeit der Heiligen in den stärksten Farben, bezeichneten sie als Diener, Freunde und Vertraute Gottes, als Beschützer des menschlichen Geschlechts, als unsichtbare, überall gegenwärtige Helfer aller geistigen und leiblichen Not. Die Kirchen, unter deren Altären die Leiber oder Reliquien der Heiligen sich befanden, wurden denselben geweiht, und wie man früher Götter und Heroen zu Heilige a erwählte, so suchte man jetzt als solche Heilige aus. Bald hatte jedes Land, jede Stadt, jede Gemeinde, ja jeder Stand und Beruf ihren eigenen Schutzheiligen. Die Franzosen riefen den heil. Dionysius von Paris, die Spanier den heil. Jakobus von Compostella, die Ungarn den heil. Stephan, die Engländer den heil. Georg, die Esterreicher den heil. Leopold als Schutzheiligen an. Den Juristen galt der heil. Jvo, den —W die heil. Cäcilie, den Schuhmachern der heil. Krispin als Schutzpatron. Auch gegen besondere Krankheiten wurden besondere Schutzheilige angerufen, so die Heiligen Rochus und Sebastian gegen die Pest, die heil. Apollonia gegen Zahnschmerzen u. s. w. Als die Königin aller Heiligen wurde die Jungfrau Maria angerufen. Als das Märtyrerzeitalter geschlossen war, wurden auch fromme Asceten, Mönche oder angesehene Kirchenlehrer unter die Zahl der Heiligen aufgenommen. Von der wunderthätigen Kraft der Gebeine und Reliquien kamen die seltsamsten Sagen in Umlauf. Durch Gregor d. Gr. wurde die Verehrung der Reliquien immer lliche der Hauptteil des Heiligendienstes; die sittliche Seite desselben trat ganz zurück. Die Wundersucht bildete die Heiligensage immer weiter aus, schmückte das Leben der alten Märtyrer, deren Namen man kaum kannte, und der neuen Heiligen reichlich mit Wundererzählungen der unglaublichsten Art. Seit dem 9. Jahrh. war der Gottesdienst in dem Eauodenu völlig N. 794 Obschon eine ynode zu Frankfurt a. M. (794) die Anrufung neuer Heiligen verboten und Karl d. Gr. dieses Verbot selbst verschärft hatte (805), wurden doch fortwährend alte Heilige entdeckt und neue ernannt. Die Bischöfe, denen noch das Recht zustand, in ihrem Sprengel heilig zu sprechen, machten namentlich Mönche zu Heiligen, he Aualt dadurch besonders den Klöstern eine reiche Quelle von Reichtümern, riefen aber auch 0 leich in jenen oft solche Unordnungen hervor, daß sich strenge Abte alle Wunder der Heiligen verbaten. Das erste Beispiel einer päpstl. Heiligsprechung gab Johann XV. (993). Erst Alexander III. erklärte sie für ein ausschließliches Recht des päpstl. Stuhls (1170) und nannte sie zuerst Kanonisation (s. d.), die aber gewöhnlich erst lange nach der Beatifikation oder Seligsprechung hellig erfolgte. Mancher blieb auch nur eig, ohne eilig gesprochen zu werden. Im 7. Jahrh. kam neben den besondern Heiligenfesten auch ein Fest Allerheiligen (s. d.) auf. Die Form der Heilienverehrung besteht, abgesehen von der kirchlichen Feier der Heiligentage, in Kniebeugung und Gebet vor den Bildern und Reliquien der Heiligen. Doch unterscheidet die katholische und übereinstimmend mit dieser auch die griech. Kirche zwischen Anbetung atria), die nur Gott und Christo zukomme, und der Verehrung (dulia), welche den Heiligen in der angegebenen Weise gebühre. Opposition gegen den Heiligendienst tritt zuerst vereinzelt seit dem 12. und 13. Jahrh. auf. Danach bekämpfte die humanistische Richtung des 14. und 15. Jahrh. die Heiligen und den Dienst derselben mit den Waffen der Wissenschaft und oft beißender Satire. Die Reformation des 16. duhahe aber verwarf ihre Anrufung und Verehrung als Schmälerung des Verdienstes Christi, des alleinigen Mittlers, und als pelagianischen, die Möglichkeit sündloser Vollkommenheit für die Menschen voraussetzenden Irrtum. Höchstens zur Stärkung des Glaubens sei es nützlich, das Andenken der Heiligen ù bewahren. Seitdem gerieten in der prot. Kirche ie Heiligentage in Vergessenheit, die Heiligenbilder und Reliquien verschwanden aus den Gotteshäusern, auch das Wort aheiligo, das im mittelalterlichen Sprachgebrauch längst die Ilewurbeleu vollkommener Tugend erhalten Protef wurde au Menschen von den strengern rotestanten nicht mehr angewendet. Während die Katholiken außer der Schar von Heiligen noch eine heil. Nulohaeinen heil. Vater, eine heil. Kirche, einen a erheiligsten Glauben u. s. w. haben, wußten die Protestanten nur von einer heiligen, d. h. vom Heiligen Geiste eingegebenen Schrift, und bezogen den Ausdruck «heilige allgemeine Kircher im apostolischen Glaubensbekenntnis auf die unsichtbare Kirche oder die Gemeinschaft der Gläubigen, die sich erst am Jüngsten Tage vollenden werde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 29Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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