Hereulessäulen nannte man im Altertum die beiden Vorgebirge an der Meerenge von Gibraltar, Calpe und Abila (jetzt Gibraltar und Ceuta), welche man als die Grenzen der Welt betrachtete. Der ursprüngliche Name war Säulen des Melkart (des phöniz. Sonnengottes, Beschützers der Schiffahrt und Kolonisation); die Griechen setzten dann an die Stelle des Melkart den mit diesen identifizierten Hercules (Herakles). Hercynischer Wald, lat. Hercynia silva, griech. Arkynia (keltisch, eder Höhenzugo) oder Orkynia, ist bei den Alten ursprünglich mit den Rhipäen die Nordgrenze des ihnen bekannten Europa; so zuerst bei Aristoteles, der dieses Gebirge mit den Alpen identifiziert und in ihm den Ister (Donau) entspringen läßt. Cäsar, der ihn auf 9 Tagereisen in der Breite und 60 Tagereisen in der Länge schätzt, begreift dagegen darunter sämtliche deutsche waldbedeckte Höhenzüge im Norden des Donau- und Maingebietes, die in Ostsüdost⸗ und Westnordwestrichtung verlaufen; vom obern Rhein bis zur Grenze Dakiens, beziehentlich bis zu den Karpaten. Strabo, der sich noch nicht ganz von Cäsars Vorstellung losmachte, setzte ihn gleichwohl an die Stelle des heutigen Böhmerwaldes, was auch Vellejus Paterculus in noch bestimmterer Weise that. Florus, Tacitus und Plinius dagegen begreifen darunter den Thüringerwald. Je mehr die alten Geographen bei näherer Bekanntschaft mit Deutschland von speziellen Gebirgsnamen Kenntnis erhielten, um so mehr mußte jene allgemeine Benennung zurücktreten, sodaß Ptolemäus damit nichts anderes mehr zu bezeichnen wußte als den Bergrücken, der die Sudeten mit den Karpaten verbindet, wofür er eben wohl keinen Spezialnamen kennen mochte. In der systematisierenden Geographie haben Neuere den antiken Namen wieder hervorgesucht und zum Teil sehr willkürlich angewandt. So verstehen franz. Geographen unter dem Herscen iden e Bergsystem sämtliche Gebirge zwischen den Alpen, dem Rhein, der norddeutschen Ebene, der Elbe in Böhmen und der Thaya in Mähren, während manche deutsche Geographen den Namen der langen Reihe von Bergketten, Berggruppen und Hochebenen geben, welche die äußere Umwallung des deutschen Hochlandes gegen die nordöstlich vorliegende Tiefebene bildet und die Wesergebirge, den Harz, das thüring., das sächs. und das lausitzische Bergland, das Riesengebirge und das glatzer Hochland umfaßt. Herd, der ursprünglichen Bedeutung nach der Feuerplatz im Hause, bezeichnet in der Technik Gegenstände verschiedener Art. Im Hüttenwesen nennt man H. den Raum, in welchem eine Feuerarbeit vor sich geht, ferner den Schmelzraum der Schachtöfen zur Gewinnung von Blei, Kupfer, Cisen u. s. w., auch die von Bleioxyd durchdrungene Der Tresperen welche zum Überkleiden der Sohle der Treiböfen gedient hat. In der Eisengießerei bezeichnet man mit H. den Boden der Gießhalle, in welchem eine als Form für den sog. Herdguß dienende Vertiefung hergestellt ist. Gei der Aufbereitung der Erze versteht man unter H. eine Anzahl die bei der Trennung sehr feinkörniger Erz⸗ und Gesteinsgemische benutzt werden. In der Schmiede (s. Schmieden) n H. die Feuerstelle, in oder auf welcher die Erhitzung des Eisens stattfindet. Herdbuch oder Zuchtstamm buch ist eine in ein Buch geordnete Zusammenstellung beglaubigter Abstammungsnachweise von Zuchttieren. Da das Vorhandensein der von den Zucht⸗ und Gebrauchstieren einer bestimmten Rasse, Schlags oder Zucht verlangten Eigenschaften um so wahrscheinlicher ist, je reiner die Eltern und Voreltern des Tieres in der bestimmten Rasse fortgezüchtet sind, und je vorzüglicher die Vorfahren desselben in der gewünschten Richtung beschaffen waren, so werden, um die verlangten Nachweise zur Verfügung zu haben, Zuchtstammbücher ausschließlich bei Kultur-Rassen, ⸗Schlägen und Zuchten geführt, welche durch zweckmäßige Auswahl der Zuchttiere entstanden und bei denen infolge dessen die Eigenschaften und die Rassereinheit dieser Individuen von hervorragender Bedeutung sind. Das älteste, bis zur Gegenwar fortgesetzte H. ist das 1808 zuerst erschienene engl. General stud book, das die Abstammungsnachweise der engl. Vollblutpferde enthält. Nach dem Vorbilde Englands wurden in neuerer Zeit in den meisten Viehzucht treibenden Ländern Europas, Amerikas und Australiens ebenfalls H. angelegt. Weiteres s. unter Viehzucht. Vgl. «Stammzuchtbuch deutscher Zuchtherdeno (herausg. von W. Janke, Bresl. 1864); „Deutsches H.v (herausg. von Settegast und Krecker, Berl. 1868); Martinez, «Die Zuchtstammbücher aller Länder» (Brem. 1883); Martinez und Biernatzky, „Die Zuchtbuchführung für Rindvieh an einem Beispiele für die Praxis erläuterto (Brem. 1883). Herdecke, Stadt in der preuß. Provinz Westfalen, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Hagen, Ikm von Hagen, an der Ruhr, Station der Linien Düsseldorf-Dortmund, Steele-H. und H.⸗Dortmund der Preußischen Staatsbahnen, zählt (1880) 3791 meist evang. E., welche Fabriken für Eisenwaren und Sicherheitslampen, ferner Blaufärbereien und Gerbereien unterhalten. In der Nähe sind bedeutende Steinbrüche, besonders von guten Pflastersteinen. Auf dem Kaisberg steht ein 28 m hoher Turm zur Erinnerung an den Freiherrn von Stein. Herder (Joh. Gottfr. von), einer der eigentümlichsten, umfassendsten und geistvollsten Schriftsteller Deutschlands, wurde 25. Aug. 1744 zu Mohrungen in Ostpreußen geboren, wo sein Vater Mädchenschullehrer und Kantor war. Er besuchte die Lateinschule seines Geburtsortes, deren Rektor ihn auch im Griechischen und Hebräischen unterrichtete. Im J. 1760 nahm ihn der Diakonus Trescho als Famulus und Abschreiber in sein Haus, wo er die Bibliothek Treschos benutzen konnte. Im J. 1762 erbot sich ein russ. Regimentschirurg, der gerade in Mohrungen in Quartier gelegen hatte, den jungen H. mit nach Petersburg zu nehmen, ihm die Chirurgie zu lehren und ihm auch Hilfe für eine Thränenfistel, woran er litt, zu verschaffen, wofür ihm H. eine mediz. Abhandlung ins Lateinische übersetzen sollte. H. nahm das Anerbieten mit Freuden an und folgte dem neuen Freunde bis Königsberg. Dort aber fiel er bei der ersten Sektion in Ohnmacht, sodaß er von dem Studium der Chirurgie absehen mußte. Entschlossen, sich nunmehr der Theologie zuzuwenden, fand er Freunde, die ihm eine Stelle als Lehrer am Friedrichskollegium verschafften, bei der es ihm an Zeit zu eigenem Studieren nicht mangelte. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft Kants, der ihn alle seine Kollegien unentgeltlich hören ließ. Mit der strengen philos. Schule konnte er sich jedoch nie befreunden; inniger schloß er sich an Hamann an. Von dem edelsten Eifer beseelt, suchte er seine Kenntnisse fortwährend möglichst zu erweitern und ermüdete nicht, die Gebiete der Kunst und Poesie, der Naturwissenschaft, der Litteratur und der Geschichte zu durchforschen. Im Herbst 1764 ging er als Kollaborator an die Domschule nach Riga, mit welcher Stelle später für ihn ein Predigtamt verbunden wurde. Als geistlicher Redner hatte er so großen Beifall, daß man beschloß, eine geräumige Kirche zu bauen. Im J. 1767 wurde ihm von Petersburg aus das Inspektorat der dortigen St. Petrischule angetragen; allein er lehnte nicht nur diesen Ruf ab, sondern legte selbst 1769 seine Stelle in Riga nieder, um eine größere Reise zu unternehmen. H. war bereits in Paris angekommen, als er zum Erzieher und Reiseprediger des Prinzen von Holstein-Eutin auserwählt wurde. Er reiste deshalb von Paris nach Eutin und von da nach einigen Monaten mit dem Prinzen nach Straßburg, wo er jedoch bald seine Stellung aufgab, aber wegen seines alten Augenübels noch ein halbes Jahr verweilte. Hier befreundete er sich mit Goethe, auf den er einen bedeutenden Einfluß gewann. H. hatte schon damals durch mehrere Schriften, meist kritisch-polemischen Inhalts, in denen er mit jugendlicher Kühnheit und nicht ohne Heftigkeit für Lessingsche und Winckelmannsche Kunstansichten — die Flachheiten und Irrtümer der Zeit anämpfte, vorzüglich durch seine Fragmente über die neuere deutsche Litterature (1767) und seine Kritischen Wälder» (1769) einen bedeutenden Ruf sich erworben, für die Theologie En noch nichts von Bedeutung geliefert. Dennoch erhielt er in Straßburg den Ruf als u Buehn Superintendent und Konsistorialrat nach Bückeburg, wohin er 1771 abging. Hier erwarb er sich bald auch einen ausge-Uu als Namen als Theolog, sodaß er 1775 einen uf als Professor der Theologie nach Göttingen erhielt. Aber er zögerte mit der Annahme, weil der König seine Berufung nicht unbedingt bestätigt und man verlangt hatte, daß er sich zu einem Kolloquium stellen solle. Als er im Begriff war, sich Göttingen zu entscheiden, erhielt er den durch Goethe ausgewirkten Ruf als Hofprediger, Generalsuperintendent und Oberkonsistorialrat nach Weimar. Hier, wo H. im Okt. 1776 ankam, reiften die — Früchte seines reichen Geistes. Geliebt und geehrt von seinem Fürstenhause, erhielt er manchen öffentlichen Beweis der Anerkennung seiner Verdienste. Er wurde 1789 Vizepräsident, 1801 Präsident des Oberkonsistoriums, was bis dahin kein Bürgerlicher gewesen war, und hierauf von dem Kurfürsten von Bayern in den Adelstand erhoben. So wirkte er, bis 18. Dez. 1803 der Tod seine nur in den letzten Jahren oft durch eine trübe und gereizte Stimmung gelähmte Wirksamkeit unterbrach. In seinen «Schriften » (45 Bde., Stuttg. 1805 — 20; Taschenausgabe, 60 Bde., Stuttg. 1827—30; 40 Bde., Stuttg. 1852—54; ferner eine kritisch genaue Ausgabe, meist von Düntzer besorgt, in Hempels Nationalbibliothek deutscher Klassikers, 24 Tle., Berl. w1869—79; endlich eine neue, noch umfangreicher angelegte kritische Ausgabe von Suphan, in 32 Bdn., Berl. 1877 fg.; ausgewählte Werke in 4 Bdn., herausg. von Kurz in der Bibliothek der deutschen Nationallitteraturo, Hildburgh. 1871 — 72) hat er sich selbst ein unvergängliches Denkmal gestiftet. Dieselben zerfallen in drei Klassen: Schriften zur Religion und Theologie, zur Litteratur und Kunst, zur Philosophie und Geschichte. H.s Originaldichtungen sind mit einzelnen Ausnahmen (wozu die meisten seiner Legendeno gehören) von keiner großen Bedeutung. Glänzend aber zeigt sich seine dichterische Begabung in den Nach— und Umdichtungen fremdländischer Poesie, so vor allem in seinen Volksliederno (èStimmen der Völkerd» 1778) und in dem nach seinem Tode erschiene— nen Cido (1805; neu herausg. von Julian Schmidt, Lpz. 1868, mit Randzeichnungen von Neureuther, 4. Aufl., Stuttg. 1877; mit Zeichnungen von A. von Werner, Berl. 1875; vgl. R. Köhler, «H.s Cid und seine franz. Quelley, Lpz. 1867; Vögelin, „H.s Cid, die franz. und die span. Quelle zusam⸗— mengestellto, Heilbr. 1879). Als Theolog erwarb er sich großes Verdienst um eine geistige, von dem Buchstaben des Dogmas freie Auffassung des Christentums, sowie um die Erklärung der Heiligen Schrift, und namentlich ist in dieser Beziehung sein „Geist der ebräischen Poesies (Dessau 1782 — 83; 3. Aufl. von Justi, 2 Bde., Lpz. 1825) hervorzuheben. Als Philosoph, wenn nicht der Schule, doch des Lebens, hinterließ er einen Schatz bewährter Natur⸗, Menschen- und Weltbeobachtungen; als Erklärer des klassischen Altertums bewirkte er harmonische Bildung des Menschen durch die Muster Griechenlands. Er läuterte allseitig den Geschmack und suchte durch Anschauung und Würdigung der schönen Kunst den Menschen zu reiner Menschheit zu erheben. Auch machte er aufmerksam auf manches Vergessene und Verkannte der vaterländischen Vorzeit und erweckte den Sinn für das echt Volks-— tümliche der Poesie; Volkslied, Legende, Ossian, Shakspeare, die Poesie des Südens, die griech. Anthologie und vieles andere wurde durch ihn uns näher gebracht. Er stimmte fast in allem, was er schrieb, zur Begeisterung, hauchte der Seele edle Gefühle ein und entflammte das Herz für das wahr— haft Schöne und Große. Sein Hauptwerk sind die unvollendeten «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheito (4 Bde., Riga 1784—91; 4. Aufl., mit Ludens Einleitung, 2 Bde., Lpz. 1841, neu herausg. von Julian Schmidt, Lpz. 1868), in welchem alle Strahlen seines Geistes sich vereinigen. Sein Ziel dabei war, die ganze Geschichte der Menschheit als eine große, zusammenhängende, einem höhern Ziele zustrebende Reihe des Geschehens darzustellen. Das Ziel und den Endpunkt der Menschennatur und alles ihres Strebens bezeichnete er am liebsten durch das Wort Humanität. H. gehört zu den 134 Herder (Sigm. Aug. Wolfgar Geistern, die nach den verschiedensten Richtungen hin anregend, weckend und befruchtend wirken, und die eben deshalb leichter als minder reiche in den Hintergrund gedrängt werden, weil sie versäumten, ihren eigenen Werken den Stempel der absoluten Vollendung zu geben. H.s Leistungen im Gebiete der Theologie, der Litteratur, der Kritik und der Philosophie sind vielfach berichtigt und selbst übertroffen worden; manches einzelne, z. B. seine Polemik gegen Kant, war sogar verfehlt; aber sein Verdienst ist darum nicht geringer. Der ganze Kulturzustand Deutschlands hat von ihm einen mächtigen, weithin sich verbreitenden Impuls erhalten, und an warmer, tiefer Begeisterung für alles echt Menschliche hat ihn keiner überragt. Der Großherzog von Sachsen-Weimar, Karl August, ließ 1819 eine Gedächtnistafel mit der Inschrift Licht, Liebe, Lebeno auf sein Grab legen und 25. Aug. 1850 wurde in Weimar sein ehernes Standbild errichtet. Ein schönes Denkmal setzte ihm seine würdige Witwe, Maria Kornelia, geborene Flachsland, geb. 1750, gest. 1809, in ihren Erinnerungen an H.s Lebeno, die J. G. Müller (2 Bde., Stuttg. 1820) herausgab. Hes inhaltreicher brieflicher Nachlaß ist enthalten in „H.s Lebensbild. Sein seinem Sohne Emil Gottfr. von Herder, 3 Bde., Erlangen 1846 — 48), «Aus H.s Nachlaß. Ungedruckte Briefe von H. und dessen Gattino (herausg. von Düntzer und F. G. von Herder, 3 Bde., Frankf. a. M. 1856—57), (H.s Reise nach Italien. H.s Briefwechsel mit seiner Gattin von Aug. 1788 bis Juli 17895 (herausg. von Düntzer und F. G. von Herder, Gieß. 1859), Von und an H. Ungedruckte Briefe aus H.s Nachlaßo (herausg. von Düntzer und F. G. von Herder, 3 Bde., Lpz. 1861 —62), (Briefe H.s an K. A. Böttiger (herausg. von Boxberger, Erfurt 1882) und die Ergänzung dazu: Lindemann, «Beiträge zur Charakteristik K. A. Böttigers und seiner Stellung zu Joh. Gottfr. H.»(Görlitz 1883), Düntzer, „Briefe des Herzogs Karl August an Knebel und H.» (Lpz. 1883). Eine ausführliche Biographie gibt Haym (&H. nach seinem Leben und seinen Werken dargestellto, Berl. 1877 fg.). Vgl. noch Werner, «H. als Theolog (Berl. 1871); Joret, H. et la renaissancer (Par. 1875); Lehmann, «H. in seiner Bedeutung für die Geographier (Berl. 1883); Baerenbach, Joh. Gottfr. von H. (im «Neuen Plutarcho, Bd. 6, Lpz. 1879).