FeedAnatolien oder Natolien
ErdkundeBrockhaus 1882

Anatolien oder Natolien, türk. Anadoli, das griech. Anatole, d. h. das Morgenland, wird Kleinasien (s. d.) oder die westlichste Halbinsel Asiens enannt, die im N. vom Schwarzen Meere, von der eerenge von Konstantinopel, dem Meere von Marmara und der Straße der Dardanellen, im W. von dem Agäischen Meere, im S. vom Mittelländischen Meere und im O. von Armenien und den nordwestl. Teilen von Mesopotamien und Syrien begrenzt ist. Das Land, einen Flächenraum von etwa 517600 akm einnehmend, —* seine Gestaltung durch die westl. Fortsetzung der Hochflächen und Randgebirge Armeniens. Das Innere bildet ein großes Plateau oder vielmehr eine Reihe von 450-1650 m hohen Plateaustufen mit kahlen Steppen, Salz⸗ und Sumpfflächen, verschiedenen Seen, mit vulkanischen Unterlagen und vereinzelten Kegelbergen, unter denen der Ardschisch (s. d.) mit zwei Kratern die durchschnittlich 1230 m hohe Ebene von Kaisarijeh (Caesarea) noch um 2765 m überragt. Der nordl. Rand oder das pontischvon parallelen, aber durch viele Querthäler zerstückten, 1300—1950 m hohen Waldgebirgsketten, fällt steil zu einem schmalen Küstensaume mit sanften und waldlosen Gehängen nach innen hinab; ebenso der Südrand, der Taurus, oder das cilicisch-pamphylis ch lycische Gebirge, nur daß er zusammenhängender und 6öher ist, im Norden des Meerbusens von Skanderun oder Issus bis 3570 m, weiter westwärts 2600 —2900 mehoch. Der Westrand ist vielfach durchbrochen, seine Thäler sind dem Agäischen Meere geöffnet in den karisch-lydisch-mysischen Berglandschaften, an deren Fuße die gesegneten Küstenlandschaften der Levante liegen, und zu deren nördlichsten die Berge Ida und Olymp gehören. Auf dem Plateau des innern A. entspringen die Flüsse Jeschil-Irmak (Iris), Kisil-Irmak (Halys) und Sakkariah (Sangarius), welche ins Schwarze Meer, sowie der Sarabat Aachie und Minder (Mäander), welche ins Agäische Meer strömen. Das Klima trägt im allgemeinen den südeurop. Charakter; auf den höher gelegenen Ld t en tritt der Winter vergleichsweise rauh und oft mit Eis und Schnee auf. Die ganze Halbinsel wird ziemlich häufig von Erdbeben heimgesucht. ie Einwohner A.s bestehen aus den verschiedensten Völkerschaften. Das herrschende Volk sind die osman. Türken, die etwa 1200000 Köpfe stark und über das ganze Land verbreitet sind. Nach diesen kommen, demselben Stamme gehörend und einen Dialekt ihrer Sprache sprechend, die Turkmanen, auf dem Plateau im Innern als Nomaden hausend. Daselbst findet man auch Horden nomadisierender Kurden und in den Gebirgen östlich von Seblented die räuberischen Lasen, welche die besten Seeleute der pontischen Küste sind. Die Städte sind neben den Türken im Westen hauptsächlich von Griechen und Juden und im Osten von Armeniern bevölkert, welche, nebst den Franken in den Seestapelplätzen, den ganzen Handel des Landes in ihrer Gewalt haben. Die gesamte Bevölkerung des Landes wird auf 6755000 E., mit Cypern und den westl. Die 5o zusammen auf 7320000 E. angegeben. Die polit. und soziale Verfassung wird infolge der für A. geplanten und zwischen der Pforte und den Großmächten negociierten Reformen, welche sich auf die Rechtspflege, die Besteuerung und die innere Verwaltung erstrecken, und durch die Errichtung einer unter die Leitung europ. Offiziere zu stellenden Gendarmerie eine bessere Gewähr des Eigentums und der öffentlichen Sicherheit im allgemeinen anstreben, eine wesentliche Umgestaltung erfahren. Eine Eigentümlichkeit waren vordem die alttürk. Vasallendynastien, die sog. Dere-Begs, die Thalfürsten, inn unter Oberhoheit des Sultans erbliche Verwalter und Kriegsanführer in ihren Gebieten waren. Ihre frühere Macht hat bereits der Sultan Mahmud gebrochen. Das ganze Land zerfällt gegenwärtig in acht Vilajets oder Generalstatthalterschaften und jede derselben in mehrere Sandschaks oder Provinzen, nämlich: 1) Khodawendkjar (s. d.), der r und Dellg: Teil, das alte Mysien, Westbithynien und Teile von Phrygien, mit den Kutahir 2 Brussa, Karassi, Karahissar Ssahib, Kiutahia; 2) Kastamuni, der mittlere Teil der Nordküste, das alte Paphlagonien, Aundt Kaner- und Teile von Pontus, mit der Hauptstadt Kastamuni und den Sandschaks Kastamuni, Boli, Kiängri und Sinob oder Sinope (s. d.); 3) Tirabson, der östl. Teil der Nordküste, das Küstenland des alten Sauprt und das Land der Lasen (s. d.), mit der Hauptstadt Tirabson oder Trapezunt (. d.) und den Sandschaks Tirabson, Dschanik oder Samsun, Gümüsch-hane und Lazistan; 4) Aidin (s. d.), der südwestl. Teil, das alte Lydien, Karien und Phrygien, mit den Sandschaks Izmir (Smyrna), Aidin, Ssaruchan und Mentesche; 5) Konia (s. — ostwärts von Aidin, das alte Lycien, Pamphylien, Pisidien, Lykaonien und West-Cilicien sowie Teile von Phrygien, Kappadocien und Kataonien, mit den Sandschaks Konia, Tekke, Hamid, Nigde und Burdur; 6) Angora, der mittelste Teil der Halbinsel, das alte West-Kappadocien und Galatien, mit der Hauptstadt Angora 0 d.) und den Sandschaks Angora, Jözgad, Kaisarijeh (s. Cä sarea) und Kyrschehri; 7 Siwas, östlich von Angora, das Binnenland von Pontus, Teile von Kappadocien und Klein-Armenien, mit der Hauptstadt Siwas und den Sandschaks Siwas, Amasia und Karastehend aus dem der Dardanellenstraße angrenzenden asiat. und europ. Küstengebiet (Halbinsel Gallipoli) und den zunächst gelegenen uu Samothrake, Lemnos, Imbros, Tenedos und Mitylene.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 609Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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