Herzen (Alexander), russ. Schriftsteller von radikaler polit. Tendenz, geb. 25. März 1812 zu Moskau, machte seine Studien auf der Universität daselbst, wo ihn die Hegelsche Philosophie, besonders aber der franz. Sozialismus beschäftigten. Er machte sich jedoch dadurch der Regierung verdächtig, sodaß er 1834 mit mehrern seiner Studiengenossen gefänglich eingezogen und nach einer fast einjährigen Haft nach Wjätka, später nach Wladimir ins Exil geschickt wurde. Nachdem er 1839 vollständig amnestiert worden, erhielt —* zu Petersburg eine Stellung im Bureau des Ministers des Innern, Grafen Stroganow. Zufolge einer gegen ihn gerichteten Denunziation wurde er als Regierungsrat nach Nowgorod versetzt. Auf sein Ansuchen erhielt er 1842 seinen Abschied aus dem Staatsdienste und ging 1847 ins Ausland. Er lebte seitdem in Italien, während der Bewegungen von 1848 und 1849 in Frankreich, dann einige Zeit in Genf und Nizza, bis er sich endlich nach England wandte. In London begründete er die Freie russ. Presseo, eine Buchdruckerei für Schriften, deren Veröffentlichung in Rußland nicht möglich war. Seine eigene schriftstellerische Laufbahn hatte H. schon in Rußland unter dem Pseudonym „Iskander mit den Briefen «Üüber den Dilettantismus in der Wissenschafto (1842) und den „Briefen über das Studium der Natur » (2 Bde., 1845— 46) begonnen, in denen er sich zur Junghegelschen Schule bekannte. Die zwei Romane: „Wer ist schuld 2» (3 Tle., Lpz. 1848 - 51) und „Doktor Krupow » (1847), gelungene Skizzen aus der russ. Gesellschaft, machten seinen Namen populär. Im Auslande veröffentlichte er außer den «Souvenirs de voyage (1848) von Genf aus in deutscher Sprache „Vom andern Ufero», eine Kritik der Revolution des J. 1848 vom rein sozialistischen 9½„ (Hamb. 1850), und 4«Briefe aus Italien und Frankreich » (Hamb. 1850). Zu London verfaßte er unter andern in franz. Sprache die Schrift Über die Entwickelung der revolutionären Ideen in Rußland» (1851) und in russischer das Pamphlet „Das getaufte Eigentum (1853), sowie Erinnerungen aus meinem Lebeno (3 Bde., Hamb. 1854), die dann zum Teil auch englisch unter dem Titel My exile to Siberias (2 Bde., Lond. 1855) erschienen. Großen Einfluß übte die von ihm 1856 zu London begründete russ. Zeitung Kolokols (d. i. die Glocke), in welcher er die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der körperlichen Züchtigung, die Einführung der öffentlichen und mündlichen Rechtspflege befürwortete und zugleich schonungslos die Gebrechen des russ. Regierungssystems, sowie die Handlungsweise einzelner hochgestellter Persönlichkeiten denunzierte. Von H.s spätern Schriften sind besonders hervorzuheben: 4Rußlands soziale Zuständen (Hamb. 1854), Der Polarsterno (russisch, Bd. 1—7, Lond. 1857— 62; Bd. 8, Genf 1868), Memoiren der Fürstin Daschkow. Nebst Einleitunge (2 Tle., Hamb. 1857), Mémoires de l'impératrice Catherine, écrits par elle-memen (Lond. 1859; deutsch, Hamb. 1859, mit Einleitung), &La France ou P'Angleterre. Variations russes sur le theème de l'attentat du 14 janviero (Lond. 1858); ferner „Die russ. Verschwörung und der Aufstand vom 14. Dez. 1825. Eine Entgegnung auf die Schrift des Baron Korff: „Die Thronbesteigung Kaiser Nikolaus' I. von Rußland im J. 1825 5 (Hamb. 1858), KLa conspiration russe de 1825, suivie d'une lettre sur Témancipation des paysans en Russie (Lond. 1858), Für fünf Jahre. 1855—605 (russisch, Lond. 1860), Le monde russe et la révolution. Mémoires de Alexandre H. 1822-355 (3 Bde., Par. 1860—62), Memoiren der Verbannten des 14. Dez. 18257 (russisch, Lond. 1862), Biloe i Dumi (I. bis 3. Bd., Lond. 1861; 4. Bd., Genf 1867), Le vieux monde et la Russie (1864), 4 La nouvelle phase de la littérature russe (Par. 1864), dann (Camicia Rossa. La chemise rouge. Garibaldi à Londreso (Brüss. 1865). Seit dem poln. Aufstande von 1863 und dem Emporkommen der von Katkow geleiteten nationalcentralistischen Partei nahm sein Einfluß indessen rasch wieder ab; er siedelte 1865 wieder nach Genf über, wo er den Kolokolv fortsetzte; doch verlor seine Zeitschrift ihre Popularität in Rußland und er sah sich genötigt, sie aufzugeben. Er zog sich nach Paris zurück, woselbst er 21. Jan. 1870 plötzlich starb. Seine Machgelassenen Werkes, russisch, erschienen in Genf 1870. Eine ausführliche Biographie und Charakteristik H.s, der zu den einflußreichsten und formgewandtesten russ. Schriftstellern des 19. Jahrh. zählt, veröffentlichte Eckardt in seiner Schrift «Jungrussisch und Altlivländisch⸗ (2. Aufl., Lpz. 1871).