FeedHolle (Frau)
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Holle (Frau), s. unter Hulda. 4 Hölle, abzuleiten von Hel (s. d.), der Herrscherin des Schattenreichs, bezeichnet diejenige Abteilung der Unterwelt, in welche nach der Meinung des Altertums die Seelen der bösen Menschen zur Bestrafung kommen sollten, und deren Beschaffenheit daher die Phantasie bei verschiedenen Völkern verschieden ausmalte. Bei den Griechen und Römern 0 diese Abteilung der Unterwelt der Tartarus s. d.). Die Juden nahmen ebenso wie die Griechen und Römer an, daß die Seelen aller Menschen nach dem Tode des Körpers in einen finstern Ort der Unterwelt, bei den Juden Scheol, bei den Griechen Hades genannt, herabsteigen und dort ein unthätiges, freudenloses, empfindungsloses Leben führen müßten. Seit dem Babylonischen Exil erweiterte man diese Vorstellung von dem Scheol jedoch dahin, daß man diesen in das Paradies (s. d.), den Aufenthaltsort für die Seelen der guten Menschen, und in die H. (Gehenna, eigentlich Ge-Hinnom, nach dem Thale Hinnom bei Jerusalem genannt, wo die unreinen Tiere und die Gebeine der Missethäter ingeworfen und verbrannt wurden), den Strafort r die Bösen, teilte. Als Strafe der Bösen galt besonders das Feuer, daher hielt man die H. für einen feurigen Pfuhl, für einen See voll Schwefel und Feuer, und betrachtete die Vulkane als die Eingänge zu ihr. Das Christentum fand diese Vortellungen vor, gestaltete sie jedoch infolge seiner uferstehungslehre um. Während noch Paulus nur die Auferstehung der Gläubigen zu messianischer Herrlichkeit erwartet, die Ungläubigen aber im Scheol dem ewigen Tode anheimgefallen denkt, lehrte man bald eine Auferstehung der Guten und Bösen zum Weltgerichte, worauf die Frommen in das vom Himmel auf die Erde herabgekommene Messiasreich eingehen würden, die Gottlosen aber in den Feuerpfuhl ½ werden sollten. Später wurde dann als Aufenthaltsort der Gläubigen der Himmel betrachtet, mit dem man nunmehr das Paradies identifizierte, während die H. als Strafort für die Ungläubigen und Gottlosen in der Unterwelt blieb. Die Beschaffenheit der H. selbst und die in der H. zu erduldenden Strafen wurden nach den im Neuen Testament gegebenen Bildern ausgemalt, von der äußersten Finsternis, wo Heulen und Zähneklappern sein wird, von dem Feuer, das nicht erlischt, von dem Wurme, der nicht firbt Die härteste Strafe sollte die Nichtchristen, eine gelindere die gottlosen Christen, die gelindeste die vor der Taufe verstorbenen Christenkinder treffen. Auch über die Dauer der Höllenstrafe war man nicht einerlei Meinung. Indes behielt seit dem 5. Jahrh. die Meinung von der Ewigkeit der Höllenstrafen die Oberhand in der Kirche. Daneben bildete sich aber noch weiter die Lehre vom Fegfeuer (s. d.). So kennt auch Dantes «Göttliche Komödie drei verschiedene Aufenthaltsorte der Verstorbenen: das zaradies, das Fegfeuer und die H. Die griech. irche verwarf die Meinung vom Fegfeuer, doch reden einige ihrer Bekenntnisschriften auch von einem Orte der Züchtigung für manche Seelen, bis diese einst zur Seligkeit gelangen könnten. Die Ewigkeit der Höllenstrafen wurde auch von dem ältern Protestantismus als Kirchenlehre festgehalten. Erst im 18. Jahrh. begann man dieselbe zu bezweifeln, als im Widerspruche mit dem Besserungszwecke der Strafen und unvereinbar mit Gottes Weisheit, Güte und Gerechtigkeit. Die sinnlichäußerliche Form der Vorstellung wurde allmählich auch von Supernaturalisten sehr gemildert und an die Stelle eines materiellen Höllenfeuers eine innere Unseligkeit von unendlicher Dauer gesetzt. Lessing gab als gesunden Kern der Lehre den Gedanken zu erwägen, daß der Unterschied des Guten und Bösen auf Erden auch im Jenseits einen Unterschied von höhern und niedern Graden der Vollkommenheit und Seligkeit begründen müsse, welche auch in einer endlosen Entwickelung niemals völlig ausgeglichen werden könnten. Dagegen verschaffte sich in den durch Schleiermacher beeinflußten Kreisen die Ansicht Geltung, daß die Universalität des Erlösungswerkes Christi das Erlöstwerden aller fordere, daher solange auch nur ein Teil der Menschheit noch unerlöst sei, das Erlösungswerk noch nicht völlig erreicht sei. Bei der Voraussetzung unwiderstehlicher Wirksamkeit der göttlichen Gnade erschien diese Annahme als die einzig konsequente, wogegen im Interesse der menschlichen rreiheit vielfach wenigstens die hypothetische Möglichkeit festgehalten ward, daß manche sich beharrlich gegen die Gnade verstocken könnten. Andere, wie Weiße, versuchten die ewige Verdammnis durch die Theorie definitiver Vernichtung der beharrlich Gottlosen zu ersetzen. Bedeutung hat die ganze Frage natürlich nur unter Voraussetzung des Glaubens an persönliche Fortdauer; doch muß jeder Versuch, die philos. Annahme, daß alles Böse fortschreitend ausgeschieden und geschichtlich verurteilt oder verdammt wird, in sinnlich-zeitlicher Fassung vorzustellen, zu Widersprüchen führen, sobald man die Verwirklichung dieser Idee an allen einzelnen Personen ins Jenseits verlegt. Die grobsinnliche Vorstellung eines materiellen Ortes der Qual und physischer Strafen war von der neuern Theologie ziemlich allgemein aufgegeben, ist aber von der modernen Orthodoxie, zugleich mit der altkirchlichen Lehre von der absoluten Ewigkeit der Höllenstrafen, wiederhergestellt worden. ö

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 335Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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