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Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Indien nannten die Griechen und Römer das am meisten gegen Osten gelegene Land der Erde, soweit dieselbe bekannt war. Sie verbanden mit diesem Namen keinen begrenzten geogr. Begriff, sondern umfaßten mit ihm die ganze jenseit des Indus gelegene Ländermasse, beide ind. Halbin— seln und sogar China, ohne von diesen Ländern etwas Näheres zu wissen. Die Agypter dagegen und Phönizier standen schon in sehr alter Zeit mit der Westküste von Vorderindien in Schiffahrts- und Handelsverbindungen, und es ist in hohem Grade wahrscheinlich, daß die Ophirfahrten von Salomo und Hiram sich auf J. und nicht auf die Ostküste Afrikas beziehen. Das Wenige, was die Griechen in älterer Zeit von J. wußten, erfuhren sie entstellt und übertrieben auf Umwegen über Persien, wie z. B. durch Ktesias (s. d.). Herodot nennt die dunkelgefärbten ind. Hilfstruppen im Heere des Xerres Athiopier von dem Sonnenaufganger, unterscheidet sie aber ganz richtig von den afrik. Negern. Zu einer ersten wesentlichen Erweiterung ihres Wissens [ von J. gelangten die Griechen und durch sie die Römer erst durch den Zug Alexanders d. Gr. bis in das ind. Fünfstromland (Pantschanada). Unter r den Dynastien der Ptolemäer in Agypten und den Seleuciden in Syrien, namentlich durch den Zug von Seleucus Nicator bis an den Ganges, sowie i durch die Berichte seines Gesandten Megasthenes an den Hof des Königs Sandrokottos (Chandragupta) zu Pataliputra, wurde nicht nur dieses Wissen im-t mer größer, sondern es gelangten auch ind. Naturer-4 zeugnisse und Kunstprodukte in zunehmender Menge, namentlich über Agypten, nach Europa. Eratosthenes (276—193 v. Chr.) kannte schon die südl. Zuspitzung von Vorderindien sowie Ceylon (Taprobana), verlegte aber den Ganges als östl. Grenzfluß von J. weit nach Nordosten in nur geringe Entfernung südlich von den Bewohnern von Thina (China). Unter dem Kaiser Claudius kamen Gesandte des Königs Rochias von Ceylon nach Rom und unter Marcus Aurelius Antoninus römische über Hinterindien nach China. Claudius Ptolemäus (s. d.) erwähnt bereits Vorder⸗ und Hinterindiens, Ceylons, der Malaiischen Halbinsel (Chersonesus aureéa), Javas und anderer ind. Inseln. Im Mittelalter gelangten Erzeugnisse I.s teils auf dem Karawanenwege durch Innerasien nach den Küstenländern des Kaspischen und Schwarzen Meers, teils durch die Araber, welche schon in den ersten Jahrhunderten nach Mohammed alle ind. Seen befuhren und selbstUchines. Häfen besuchten, nach Agypten, und von dort hauptsächlich durch die ital. Republiken Genua, Pisa, Florenz und Venedig weiter nach dem europ. Westen. Durch die Reiseberichte von Marco Polo (s. d.), der von Europäern zuerst 1290 Sumatra besuchte, von Oderich von Portenau, der 1330 dort war, und von Nicolo di Conti, einem Landsmanne von Polo, der 1449 von seiner ind. Reise nach Venedig zurückkehrte, lenkte sich die Aufmerksamkeit wieder mehr auf J. und Polos goldreiche Länder Kathay (China) und Zipangu (Japan) hin, welche für Teile von Hinterindien gehalten wurden. Der Gedanke, daß J. durch eine Fahrt gegen Westen erreicht werden könne, gewann um so mehr Raum, als die Ostküste des Landes der Thinae oder Serer (Chinesen) von Ptolemäus um 51, von Marinus Tyrius gar um 96 volle Grade zu weit gegen Osten versetzt wurde, und Toscanelli, Zeitgenosse von Columbus, die Entfernung zwischen Portugal und China nur auf 52 Grade schätzte. Als Columbus 12. Okt. 1492 zuerst die Insel Guanahani betrat, glaubte er sich auf einer ind. Insel unweit der Gangesmündung zu befinden. Erst als 1498 Vasco da Gama (s. d.) den Seeweg nach dem J. des Altertums gefunden und Balboa (s. d.) 1515 zuerst den Großen Ocean erblickt hatte, wurde das Getrenntsein der neuentdeckten Länder des Westens von den Ländern der Inder und Serer im äußersten Osten zur Gewißheit. Der Name J. ist den von Columbus entdeckten Inseln Centralamerikas verblieben, man unterschied dieselben aber als Westindien (s. d.) von dem asiat. Ostindien (s. d.). Der Name «„Indianero wurde später auf alle Urbewohner des neuen Kontinents, ja selbst auf die Bewohner der Inseln der Südsee und Australiens ausgedehnt. Erst in neuerer Zeit hat sich in zweckmäßiger Weise der Unterschied zwischen den Wörtern „Indianero und «Indiero oder Inders als Völkernamen herausgebildet und werden die letztern beiden jetzt nur ausschließlich zur Bezeichnung der Bewohner von Ostindien gebraucht. Der Name J. ist wahrscheinlich von dem des westl. Grenzflusses, des Indus (s. d.), abgeleitet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 564Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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