FeedJura
ErdkundeBrockhaus 1882

Jura (Jura Mons oder Jurassus) heißt der etwa 730 km lange Zug von Mittelgebirgen, der, hauptsächlich aus Kalksteinen der Juraformation und der Kreide gebildet, sich vom Winkel zwischen Ain und Rhöne nordöstlich bis ic obern Main erstreckt. Von den Alpen, mit welchen das Gebirge südwestlich von Genf eng verwachsen ist, wird dasselbe durch einen Molassestreifen geschieden, der südlich vom Genfersee das Hügelland des Genevois bildet und sich nordöstlich mit allmählich zunehmender Breite als schweiz. Hügelland und schwäb.⸗bayr. Hochebene bis zur Donau fortsetzt. Der Durchbruch des Rheins zwischen Schaffhausen und Basel teilt den Gebirgszug in zwei Hauptabteilungen, den Schweizer und den Deutschen J. Der Schweizer Jura, auch Französischer Jura, in der deutschen Schweiz oft Leberberg genannt, etwa 320 kmelang, 30 -50 km breit, beginnt südwestlich von Genf bei dem Durchbruch des Rhöne, der den eigentlichen J. von der sowohl der Gesteinsart wie den Bergformen nach verwandten Kette des Mont-du-Chat in der Voralpengruppe der Grande Chartreuse (s. Alpen 7e) trennt, folgt dann der franz.⸗schweiz. Grenze und tritt endlich ganz auf Schweizergebiet über. Er besteht aus langgezogenen, nach NO. allmählich niedriger und breiter werdenden Parallelketten, an welche sich im W. und N. breite, durch tief eingeschnittene Flußthäler gegliederte Hochflächen anlegen. Der höchste Rücken ist der südöstliche, den Alpen zugekehrte, der mit steilen, mauerartigen Felswänden schroff aus dem schweiz. Hügellande aufsteigt; denne die Thäler der Saöne, des Doubs und des Rheins senkt sich das Gebirge stufenweise. In den Hochflächen des J. sind die Schichten des Gesteins horizontal gelagert; im Kettenjura bilden sie Gewölbe, bald geschlossene, bald geöffnete oder gesprengte, zwischen deren Schenkeln sich in der Längsrichtung Spaltenthäler (Comben und Gewölbthäler) hinziehen. Zwischen den Hauptketten“ dehnen sich einförmige Langenthäler aus, Mulden, von synklinalen Schichten gebildet; seltener sind die Querthäler oder Klusen, welche, die wildesten und malerisch schönsten Partien des J. bildend, schluchtartig mit schroffen Thalwänden die Ketten durchbrechen; wenn dieselben eine Kette nicht der gangen Breite nach durchsetzen, so heißen sie Halbklusen oder Gräben (frz. ruz). Der Bergcharakter des J. ist einförmig; die Ketten sind lange mauerartige Rucken, deren Gipfel sich nur wenig ber die durchschnittliche Kammhöhe erheben; scharf ausgeprägte Gipfelformen, Nadeln, Hörner, Stöcke, Spitzen sind selten. Im Innern ist das Gebirge vielfach zerkluftet, von Höhlen und Trichterlöchern durchsetzt, in denen sich hier und da die Flüsse verlieren, um nach kürzerm oder längerm unterirdischen Laufe an einer andern Stelle wieder zu Tage zu treten; so z. B. die Orbe, die aus dem kleinen Brenetsee im Jouxthale unterirdisch abfließt und erst 2,5 km nördlicher und 226 m tiefer wieder aus dem Fels hervortritt. Wie die Alpen, bildet auch der J. eine Wafferscheide zwischen dem Mittelmeer und der Nordfee; dem erstern werden die Gewässer durch den Rhöne zugeführt, welchem die Venoge, die Valserine und der Ain direkt zufließen, während der Doubs sich in die Saöne ergießt; zum Gebiet der Nordsee gehören die Birs, welche dem Rhein direkt zufließt, ferner die Zihl oder Thièle, als Quellfluß Orbe genannt, mit der Areuse aus dem Traversthal, die Dünnern u. s. w., welche in die Aare münden. Mit Ausnahme des Neuenburger- und Bielersees am südöstl. Rande des Gebirges sind die Juraseen klein, meist Muldenseen mit einförmigen Ufern, wie der See von St.⸗Point im Gebiet des Doubs und der Joursee im Gebiet der Orbe; dagegen ist der malerische See, den der Doubs au der Grenze zwischen Frankreich und Neuenburg bei Les Brenets bildet, ein Klusensee. Das Klima des J. ist verhältnismäßig rauher als das der Alpen; die Winter sind lang und streng, reich an Schnee, aber fast frei von Nebeln. Torfmoore, Weiden und dichter Wald (Rottannen, Weißtannen, Kiefern, Buchen) nehmen den größten Teil des Bodens in Anspruch; der Ackerbau ist meist auf die Thalsohlen und die Vorstufen des Gebirges beschränkt, auf denen, wie im Solothurner, Baseler und Aargauer I., auch die Rebe und der Nußbaum gedeihen. Im ganzen ist das Gebiet schwach bevölkert, und nur die industriellen Hochthäler von Waadt, Neuenburg und Bern und die fruchtbaren Hochflächen östlich der Birs sind dichter bewohnt. Außer Ackerbau, Viehzucht und Bergbau sind im J. die wichtigsten Erwerbsquellen die Fabrikation von Eisen⸗ und Stahlwaren in den franz. Departements J. und Doubs und im Waadtländer, Berner und Solothurner J., die Uhrenindustrie im Waadtländer, Neuenburger und Berner J. und im franz. Depart. Doubs, die Fabrikation von Spielwerken zu Ste. Croix (Waadt), die Cementfabrikation im Val de Travers, die Glasfabrikation im Thal der Birs u. s. w. Von nutzbaren Mineralien liefert der J. vorzügliche Bausteine (solothurner Marmor), lithographische Schiefer, Gips, Steinsalz, Asphalt im Val de Travers, Bohnerz, Hupererde, Mergel und Thon. fast alle zur Hochebene abstürzenden Randkette; ast alle gewähren prachtvolle Aussicht auf die Seen am Rande des Gebirges, die schweiz. Hoch— ebene und die Alpen; von den nördl. Gipfeln schweift der Blick bis zum Schwarzwald und den Vogesen. Zu den wichtigsten Punkten gehören: der Grand Colombier (1534 m) bei Culoz, der Mont-Credoz (1624 m) bei dem Fort de l'Ecluse, der Mont-Reculet (1720 m), der Cret de la Neige (1723 m) und der Grand Colombier de Ger (1689 m), die höchsten Gipfel des ganzen Gebirges, alle westlich von Genf in der Kette zwischen der Valserine und der schweiz. Hochebene, die Döle (1678 m), der westlichste Schweizerberg; der Mont-Tendre (1680 m) und die Dent de Vaulion (1486 m) zwischen der Orbe und der Hochebene, der Mont-Suchet (1596 m) und die Aiguille de Beaulmes (1563 m), der Chasseron (1611 m) und der Creux du Vent (1465 m) mit gewaltigem Felseirkus zwischen dem Doubs, der Areuse, dem Neuenburgersee und der Orbe, der Chaumont (1175 m)/ oberhalb Neuchätel, der Chasseral oder Gestler (1610 m) zwischen dem St. Immerthal und dem Bielersee, die Hasenmatt (1449 m) mit dem Weißenstein bei Solothurn, die Bölchenfluh (1100 m) in der Hauensteinkette, die Gyslifluh (774 m) bei Aarau und die Lägern (862 m) im Kanton Zürich. Die westlicher und nördlicher gelegenen Ketten sind im allgemeinen niedriger, erheben sich aber immerhin noch hier und da bis ber 1400 m Höhe. Ihre wichtigsten Gipfel sind der dichtbewaldete Mont-Risoux (1423 m), westlich vom Jouxthale, der durch seine Käse berühmte Mont-d'Or (1463 m) bei Jougne, die Tete de Rang (1423 m) zwischen Chaur de Fonds und dem Val de Ruz; und im Bernischen F. der Moron (1340 m) links, der Mont-Graitery (1302 m) und der Raimeux (1309 m) rechts von der Birs, der Mont-Terrible (1000 m) zwischen Pruntrut und Delsberg, der Blauenberg (836 m) bei Basel. Der schroffe südöstl. Aaleichdes Gebirges, der Parallelismus und die g eichmäßige Höhe seiner Ketten, der Mangel an großen, das ganze System durchsetzenden Querthälern machen den J. ziemlich unzugänglich; nichtsdestoweniger wird er von einem ausgedehnten Netze von Kunststraßen und Eisenbahnen durchzogen, welche meist den Längenthälern folgen, bis eine Klus oder eine niedrige Wasserscheide einen Ausweg gestattet. Zu den wichtigsten Jurapässen gehören: der Col de la Faucille (1323 m) zwischen Ger und dem Thal der Valserine, der Paß von St.⸗Cergues (1263 m) am Fuß der Döle, der Col de Marcheiruz (1450 m), der über die Kette des Mont-Tendre führt, der Paß von Jougne zwischen Orbe und Pontarlier, der Paß von Verrieres (Val de Travers), der Paß von Ste.⸗Croix zwischen dem Neuenburgersee und dem Val de Travers, die Straße über die Téte de Rang von Neuchätel nach Chaux de Fonds, die Pierre-Pertuis zwischen dem St. Terrible (les Rangiers), der Paßwang, der Obere und der Untere Hauenstein im Solothurner J., die Staffelegg und der Bötzberg im Aargauer J. Manche dieser Pässe sind jetzt überschient, so der Col de Jougne, der Paß von Verrières, die Téte de Rang, die Pierre-Pertuis, der Mont-Terrible, der Untere Hauenstein und der Bötzberg. Die Schwierigkeit des Terrains machte viele Tunnel notwendig; die längsten derselben sind der Tunnel von Les Loges auf der Linie Neuchätel— éChaux de Fonds, 3259 mlang, der Tunnel de la Croix, 2919 m auf der Linie Delémont-Pruntrut, der Bötzbergtunnel auf der Linie Basel-Brugg (2517 'm) und der Hauensteintunnel (2495 m) auf der Linie Basel-Olten. ö Der Deutsche Jura, der sich mit dem Randen im Kanton Schaffhausen an den Schweizerischen J. anschließt, ist vom Rhein bis zum Main etwa 410 km lang, plateauartig, ohne Kettenbildung und Längenthäler, zeigt dagegen viele, zum Teil ihn ganz durchschneidende Querthäler, nimmt ebenfalls gegen N. an Höhe ab, hat aber seinen Steilabfall gegen NW., seine sanftere, oft terrassenartige Böschung gegen SO. Durch den Durchbruch der Altmühl wird er in zwei Abschnitte geteilt, den Schwäbischen J., zwischen dem Rhein und der Altmühl (s. Al p) und den Fränkischen J., zwischen der Altmühl und dem Main (s. Frankenjura). ů Das franz. Departement Jura, ein Teil der alten Freigrafschaft Burgund (Franche-Comte), zählt (1881) auf 4994 akm 285 263 E. und liegt zwischen dem schweiz. Kanton Waadt und den französischen Dep. Doubs, Haute-Saöne, Cöted'Or, Saöne-et-Loire und Ain am Westabfall des Juragebirges, dessen von wellenartigen Parallelketten durchzogene Hochflächen sich von den Kämmen der Döle (1678 m) und des Noirmont (1560 m) an der Schweizergrenze westlich bis zu der kaum 200 meüber dem Meere gelegenen Ebene der Saöne abstufen. Mit Ausnahme des Val des Rousses, dessen kleiner See durch die Orbe zur Aare (Rheingebiet) abfließt, gehört das ganze Departement dem Gebiet des Rhöne an, dem der Ain mit der Bienne direkt, der Ognon, der Doubs mit der Loue und die Seille durch die Säne zufließen. Über zwei Drittel der Bodenfläche sind wenig ergiebiges Bergland mit ausgedehnten Weiden und Nadelwäldern; die Ebene dagegen und die Thäler am Rande der Hochfläche sind Fruchibar und liefern Getreide und Wein, der nebst Walnüssen einen Ausfuhrartikel bildet. Die besten Sorten sind die von Arbois, Salins, Chäteau-Chalon und Lons-le⸗-Saunier. Der Boden ist reich an nutzbaren Mineralien: Marmor, Kalkstein, Bohnerz und Steinsalz. Die Haupterwerbsquellen der sehr thätigen und gewerbfleißigen Einwohner sind Acker⸗, Obst⸗ und Weinbau, Viehzucht, die in den höhern Teilen als Alpenwirtschaft betrieben wird und vorzüglichen Käse liefert, die Ausbeutung der Waldungen und der Mineralschätze, ferner die Eisen⸗ und Stahlindustrie, die Uhrenfabrikation, die Baumwoll⸗, Woll⸗ und Seidenweberei, die Papierfabrikation, die Töpferei und die Gerberei. Alljährlich wandern ziemlich viele Gebirgsbewohner teils als Kleinhändler, teils als Arbeiter in das Innere Frankreichs aus und kehren zur Erntezeit mit ihrem Verdienst wieder zurück. Neben dieser periodischen Auswanderung sindet aber auch eine ständige nach den großen Verkehrsmittelpunkten statt, sodaß sich die Zahl der Einwohner seit 1866 um 5 Proz. verringert hat. Das Departement zerfällt in die vier Arrondissements Lons-le-Saunier, Ste.⸗Claude, Döle und Poligny, zusammen mit 32 Kantonen und 584 Gemeinden. Die wichtigsten Wohnplätze sind, außer der Hauptstadt Lons-le-Saunier (s. d.), der Eisenbahnknoten Doöle (s. d.) am Doubs, Arbois, der Mittelpunkt des Weinhandels, an der Cuisance, Salins mit wichtigen Salzwerken, Ste.⸗Claude an der Bienne und der industrielle Flecken Morez an demselben Flusse, unweit der franz. Grenzfestung Les Rousses, welche die Jurastraßen des Col de la Faucille, des Paß von St.⸗Cergues und des Val de Joux beherrscht. Von W. nach O. wird das Departement von der Bahnlinie Paris-Dijon-Neuchätel, von N. nach S. von der Linie Besangon-Lons-le-Saunier-Lyon durchzogen. Eine wichtige Wasserstraße bietet der Rhöne-Rhein-Kanal, der unweit Döle den Doubs mit der Saöne verbindet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 932Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6