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AllerleiBrockhaus 1882

Albanesen (albanes. Schkjipetari, türk. Arnauten, serb. Arbanassen, grch. Arvaniten) ist der dem venet. Albanesi v nachgebildete deutsche Name der Bewohner von Albanien (s. d.). Die Zahl sämtlicher existierenden A. beträgt ungefähr 1750 000 Seelen, von denen 1400000 im Osmanischen Reiche, 250000 in Griechenland und 100000 in Süditalien wohnen. Von der erstgenannten Ziffer fallen 462 700 auf Rordalbanien, etwa 383000 auf Ostalbanien, 455000 auf Südalbanien, 100000 auf die übrigen Teile des türk. Reichs. Der Religion nach leben in der Türkei 1 Mill. mohammedanische, 280000 griechische, 120000 katholische A.; jene in Griechenland sind durchgehends griechisch, jene in Italien katholisch. Die A. sind eins der ältesten Völker, indem sie (wie dies jetzt fast unzweifelhaft sichergestellt) die direkten Nachkommen der alten Pelasger sind, deren Sprache sie sich, selbstverständlich mit den durch die Jahrtausende bedingten Veränderungen, bewahrt haben. Die albanes. Sprache, wenngleich sie viele türk., griech., serb. und ital. Ausdrücke in sich aufgenommen, ist eine Sprache für sich, welche mit keiner andern in der Welt gesprochenen die geringste Ahnlichkeit aufweist. Nach dem Dialekte zerfallen die A. in die nördlicher wohnenden Gegen und die südlichern Tosken, deren Sprache so voneinander verschieden ist wie etwa nord⸗ und süddeutsch. Die Gegen sind störrischer als die Tosken und haben sich von jeher nur unvollkommen in das türk. Joch gefügt. Einzelne Stämme sind sogar faktisch unabhängig. In Oberalbanien Miredüt die A. in vier Bevölkerungsklassen: die irediten, die Maljsoren, die kath. und die moammed. Bewohner der Ebenen und Städte. Die ergbewohner zerfallen wieder in kleine Stämme (Fis), welche voneinander unabhängig sind und aristokratisch-republikanische Verfassung haben. An der Spitze jedes Stammes steht ein Barjaktar oder Vojvoda sowie mehrere Dschobars und Dovrans, welche den Rat der Alten bilden, dem die Verwaltung obliegt. Wichtige Fragen werden jedoch von der Volksversammlung entschieden. Die türk. Ren. begnügt sich mit der nominellen Unterwerfung und zieht bloß durch Freiwillige Nutzen aus jener Provinz, da die Bergbewohner gutwillig weder hender Betabe noch Konskribierte stellen. Die Gesetze der Bergbewohner stammen aus dem Beginne des 15. Jahrh. und sind nach dem Gründer Lek Dukadschin benannt. Die an Privaten begangenen schweren Unbilden werden jedoch nicht von Staats wegen bestraft, sondern von dem Beleidigten, daher noch die Blutrache in vollster Blüte steht. Auf dem Flachlande gilt das türk. Gesetz, modifiziert durch spezielle Privilegien. Ostalbanien und Südalbanien stehen dagegen direkt unter türk. Botmäßigkeit. Die A. sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag, der im Norden etwas vom slawischen, im Süden vom hellenischen, im Osten vom osman. Typus angenommen hat. Im allgemeinen sind die A. von mittlerer Statur, schwarzen oder braunen Haaren und ebensolchen Augen. Sie sind kriegerisch und bildeten ehedem die Elite der türk. Heere, und zwar kämpften sie ebenso zu Pferde wie zu Fuße. Im Frieden geben sie sich der Viehzucht und, wo das Terrain dies zuläßt, dem Ackerbau hin. Die Industrie ist nur in den Städten einigermaßen entwickelt, doch sind es da nicht immer gerade A., welche Industrie und Handel betreiben. Von einem eigentlichen albanes. Nationalcharakter kann man nicht gut sprechen, da die verschiedenen Bevölkerungsgruppen voneinander im Charakter oft ganz verschieden sind. Die kath. Bergbewohner gleichen einigermaßen den Montenegrinern. Die kath. Städter dagegen sind ein verkommenes Volk, mit allen möglichen Lastern und Fehlern behaftet. Die Mohammedaner sind tapfer, unwissend, gastfrei, im Kriege grausam und nicht weniger faul als die andern A. So verschieden wie der Charakter ist auch die Nationaltracht der A. Im allgemeinen tragen die Tosken und Mohammedaner die Fustanella, die Bergbewohner unten enge, oben weite, graue Beinkleider, die kath. Städter ionische Pluderhosen. Die A. haben in der Geschichte niemals eine große Rolle gespielt. Im Altertum wurden sie als Pelasgero von den Hellenen und später mit diesen von den Römern unterjocht. Bei Beginn des Mittelalters kamen sie unter byzant. Herrschaft und nahmen den kath. Glauben an. Später von den Serben unterjocht, nahmen sie mit diesen 1288 griech. Glauben an, doch sagten sich die Gegen 1320 davon wieder los. Nach dem Tode des serb. Kaisers Stefan Duschan Silni (1356) zerfiel dessen großes Reich, und die A. machten sich größtenteils unabhängig. Oberalbanien und die nördl. Hälfte von Unteralbanien gehorchten der montenegrin. Fürstenfamilie Balscha, der Rest stand unter kleinern Despoten. Die Türken eroberten jedoch bald den größten Teil Albaniens, und erst Georg Kastriota neeten. Nue )Y gelang es, 1443 Oberalba-t nien zu befreien. Nach seinem Tode 1467 wurde je-t doch das ganze Land eine leichte Beute der Türken. d In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. gelang es der Familie Buschatlija, sich zu erblichen Paschas von Oberalbanien aufzuschwingen und 4• unabhängig zu machen. Besonders Kara Ma mud Pascha gerierte sich als selbständiger Satrap, schlug wiederholt türk. Heere und fiel endlich 1796 im Kampfe mit den Montenegrinern. In Unteralbanien that Ali Pascha Tepeleni von Jdännina dasselbe; doch erlag auch er 1822 dem Seraskier Kurschid. Dies schreckte den letzten erblichen Pascha von Oberalbanien Mustapha Pascha nicht ab, 1831 offen zu rebellieren und mit sieben befreundeten 0 chas zur Entthronung des Sultans edoch gescht om Großvezier Mehemed Reschid jedoch geschlagen und in Skutari belagert, sah er sich zur Ergebung gezwungen. Seither wurde Albanien der Pforte direkt untergestellt, was zwar Empörungen der Paschas, nicht aber solche des Volks hinderte; 1833, 1836 und 1842 gab es Aufstände in Oberalbanien und 1843 und 1847 solche in Unteralbanien. Trotz der grausamen Unterdrückung des letzten durch Omer Pascha kam es 1854 und 1872 abermals zu Empörungen. Die Mirediten, welche 1876 mit Montenegro eine Allianz abgeschlossen hatten, aber zu früh losschlugen, wurden 1877 von Derwisch Pascha pacifiziert, dagegen kam es 1878 infolge Gründung der Liga durch Hussein Pascha zu neuen Gärungen. Die erste Liga von Prisren, an deren Spitze Ali Bei von Gusinje stand, widersetzte sich der Occupation dieses Distriktes durch Montenegro, und als statt dessen das Semgebiet an Montenegro fallen sollte, war es wieder die Liga von Skutari, welche, begünstigt durch die verräterische überlieferung von Tusi durch Hadschi Osman Pascha, energischen Widerstand leistete. Schließlich wurde als Kompensation das Bojanagebiet ausfindig gemacht und Dulcigno 27. Nov. 1880 von Montenegro besetzt, nachdem die A. angesichts der europ. Flottendemonstration keinen ernstlichen Widerstand gewagt hatten. Im J. 1881 versuchte Ali Bei von Gusinje, der sich schon vorher selbst den Paschatitel beigelegt, Skoplje zu nehmen, indem er sich gleichzeitig zum «König von Albanienv ausrufen ließ. Der Versuch mißlang, und Derwisch Pascha versuchte nun seinerseits die unruhigen Anhänger Ali Beis zu entwaffnen. Seine Truppen wurden jedoch zurückgeschlagen, und die drohende Stellung der Maljsoren sowie der Bewohner von Gusinje, Ipek und Dschakova bewog ihn, von seiner Absicht abzustehen. Litteratur: Paganel, «Geschichte Skanderbegsv (Tüb. 1856); Hecquard, „La Haute Albaniep (Par. 1858); Hahn, (Griech. und alban. Märcheno (Lpz. 1864), sowie die in dem Artikel „Albanien v erwähnten Werke. über die albanesische Sprache: Benloew, Analyse de la langue albanaise (Par. 1879); F. Bopp, «über das Albanesische» (Berl. 1855); Camarda, »Saggio di grammatologiao (Livorno 1864); Dorsa, «Studii etimologici sulla lingua albanese: (Cosenza 1862); Dozon, «Manuel de la langue tchipeo (Par. 1878); Rada, 4Grammatica de la lingua albanesev (Flor. 1871); derselbe, Poesie albanesi (Flor. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 326Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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