FeedAlbi (das alte Albiga)
ErdkundeBrockhaus 1882

Albi (das alte Albiga), Hauptstadt des franz. Depart. Tarn in Languedoc, auf einer Höhe am Tarn, Knotenpunkt der Südbahn und der Orléansbahn, Sitz der verschiedenen Departementalbehörden, eines Civil⸗ und Handelstribunals, eines Erzbischofs und eines Lyceums, hat eine Bibliothek von 14000 Bänden, ein Museum und eine 1843 aufgestellte Bronzestatue des zu Guo bei A. geborenen berühmten Seefahrers Lapérouse und zählt 15874 (Gemeinde 19169) E. Zu den vorzüglichsten Gebäuden gehört die der heil. Cäcilie gewidmete got. Kathedrale, 1282 — 1512 erbaut, mit alten Freskogemälden und einem schönen Orelchor, die St.⸗Salvykirche, das festungsähnliche Präfekturgebäude, d. i. der alte Palast der Grafen von Albigedis, den lange Zeit der Erzbischof bewohnte, das Hasne und das Schauspielhaus. Über den Tarn führen eine alte Brücke von 6 Bo-Der B eine neue von 5 Bogen und 160 m Länge. Der Produktenhandel ist beträchtlich. Die Lane en liefern Woll⸗ und Baumwollzeuge, Leder, Liqueur, Pastellfarben u. s. w. Unweit nordöstlich liegt der berühmte Saut-du-Sabot oder Saut-du-Tarn, eine Reihe von Katarakten des Tarn, der sich in den Kallfelsen eingewühlt hat. —Albigeois hieß ehemals die Landschaft, in welcher die Stadt A. liegt. Sie gehörte zu Oberlanguedoc und ward geschichtlich merkwürdig durch die Religionsverfolgungen, welche ihre Bewohner, die Albigenser, erlitten. Albigenser, der von der Stadt Albi im Depart. Tarn abgeleitete Name einer im südl. Frankreich verbreiteten kirchlichen Sekte, die den religiösen Grundsätzen der Katharer (s. d.) und der spätern Waldenser huldigte. Anhänger dieser Richtung traten bereits im Anfange des 11. Jahrh. auf und galten allgemein für Nachfolger der Manichäer. Sie drangen auf ein apostolisches Christentum und führten ein einfaches, sittenreines und zurückgezogenes Leben. Man nannte sie daher auch anfangs die «guten Leute v (les bons hommes) oder Dunkelmännero (hommes obscurs), während sie nach ihrer ersten Verdammung auf dem zu Toulouse von Papst Calixt II. abgehaltenen Konzil (1119) als Toulousische Ketzero bezeichnet wurden. Dieses Verdammungsurteil ward 1139 von Innocenz II. bestätigt. Auf einem vom Bischof von Lodeve zu Lombes unweit Albi 1176 abgehaltenen Konzil sprachen sie sich über ihre Lehren offen aus. Dennoch wurden sie später arg verdächtigt und namentlich des Dualismus, der Verwerfung der Trinitätslehre, des Abendmahls und der Ehe, der Leugnung des Todes und der Auferstehung Christi u. dgl. beschuldigt. Papst Innocenz III. rief endlich 1209 einen Kreuzzug gegen sie auf, dessen nächste Veranlassung die Ermordung des mit Ausrottung der Ketzer beauftragten päpstl. Legaten und Inquisitors, Peters von Castelnau, im Gebiete des Grafen Raimund VI. von Toulouse war. In Wahrheit wollte man den wegen seiner Duldung gegen die Ketzer gehaßten Grafen von Toulouse um seine Länder bringen. Vergebens hatte dieser von dem Legaten Milo die schimpflichste Buße und Geißelung erduldet und mit großen Opfern die päpstl. Absolution erlangt. Die Legaten Arnold, Abt von Citeaux, und Milo nahmen Beziers, die Hauptstadt seines Neffen Roger, mit Sturm und ließen gegen 20000 E. ohne Unterschied des Glaubens niedermachen. «Tötet sie alley, rief Arnold; der Herr wird die Seinen schon herausfinden und schützen!„ Nicht glimpflicher verfuhr Simon von Montfort, Graf von Leicester, der das Kreuzheer unter den Legaten befehligte, mit andern Orten im Gebiete Raimunds und seiner Bundesgenossen, von denen Roger von Beziers im Gefängnis und König Peter von Aragonien 1213 in einem Gefecht vor Muret umkam. Die eroberten Lande schenkte die Kirche, zur Belohnung seiner Dienste, dem Grafen von Montfort, welcher jedoch bei dem wechselnden Kriegsglück nie in den ruhigen Besitz dieser Schenkung kam. Bei der Belagerung von Toulouse (1218) ward er durch einen Steinwurf getötet, und seinen Sohn zwang Raimund VI. und, als dieser 1222 starb, dessen Sohn Raimund VII. zur Herausgabe des eroberten Landes. Allein der päpstl. Ablaß lockte aus allen Provinzen Frankreichs neues Gesindel herbei, das den Krieg fortsetzte. Mit vielem Mute verteidigte Raimund VII. das väterliche Erbe gegen die Legaten und Ludwig VIII. von Frankreich, der auf dem Zuge gegen die Ketzer 1226 nach der Eroberung Avignons starh. Nachdem Hunderttausende von beiden Seiten gefallen und die schönsten Gegenden in der Provence und in Oberlanguedoc verwüstet waren, kam es 1229 zum Frieden in dem Raimund die Lossprechung vom Kirchenbanne mit ungeheuern Geldsummen erkaufen, Narbonne mit mehrern Herrschaften an Ludwig IX. überlassen und seinen Eidam, einen Bruder Ludwigs, zum Erben seiner übrigen Lande einsetzen mußte. Der Papst ließ diese Provinzen dem Könige von Frankreich zufallen, um ihn desto fester an seinen Stuhl zu ketten und desto geneigter zur Aufnahme seiner Inquisitoren zu machen, welche, meist Dominikaner, entweder die bei ihren Ansichten beharrenden A. auf den Scheiterhaufen brachten oder den bekehrten schwere Bußen auflegten. Andere A. suchten den Osten und ließen sich namentlich in Bosnien nieder. Doch hatte noch am Anfange des 14. Jahrh. die Inquisition in diesen Gegenden vollauf zu thun, wie das von dem 1 uisitor Bernardus Guidonis 1321 verfaßte Handuch Practica contra infectos labe heretice pravitatiso zeigt. Vgl. Fauriel, «Croisade contre les Albigeoiso (Par. 1838); Faber, «Inquiry into the history and theology of the ancient Vallenses and Albigenseso (Lond. 1838); Hahn, «Geschichte der Ketzer im Mittelaltero (Stuttg. 1845); Peyrat, (Iistoire des Albigeoiso (3 Bde., Par. 1870—72). Dichterisch ist der Verzweiflungskampf der A. von Nikolaus Lenau behandelt worden in dem Epos: „Die A.v (Stuttg. 1842).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 340Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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