FeedAlençgon
ErdkundeBrockhaus 1882

Alençgon, Hauptstadt des franz. Depart. Orne in der Normandie, ein Knotenpunkt der Westbahn, am Zusammenfluß der Sarthe und Briante, in fruchtbarer, von Waldungen umgrenzter Ebene gelegen. Die aus Granit errichteten Häuser verleihen der gut gebauten Stadt einen düstern Anblick. Die Late Notre-Dame ist 1553—1617 in got. Stil erbaut, hat ein schönes Portal und vorzügliche Glasmalereien. Das Rathaus ist 1783 an der Stelle des alten Schlosses der Herzöge von A. erbaut, von welchem noch zwei, jetzt zu Gefängnissen dienende Türme wohl erhalten sind, und steht nebst dem modernen Justizpalast an dem schönen Hauptplatze, von welchem eine herrliche Promenade ausläuft. Andere bemerkenswerte Gebäude sind die Präfektur, die Getreidehalle, das Theater u. s. w. A. besitzt ein Lyceum, mehrere andere wissenschaftliche Institute, ein Museum und eine Bibliothek von circa 15000 Bänden und zählt (1876) 15 433 (Gemeinde 16 615) E. Die lebhafte Industrie produziert vorzüglich Leinwand, feine Wollzeuge, Stickereiwaren, feine Handschu Posamentierwaren, künstliche Blumen, Hand chuhe, chem. Produkte. Die sonst so bedeutende, von Colbert eingeführte AIcen der Alengoner Spitzen (points Alengon) wird nicht mehr im frühern Umfange betrieben, beschäftigt jedoch nebst der Musselinstickerei noch immer an 2000 Personen. Sehr gesunken ist auch die Schleiferei der sog. Alengoner Diamanten (diamants d'Alengon), Quarzkrystalle, die man in dem etwas westlicher gelegenen Hartja findet. Der Handel ist bedeutend. Die alten Herzöge von A. waren ein Zweig der königl. Valois und stammten von Karl II. von Valois, der 1322 von seinem Vater mit der Grafschaft A. belehnt wurde und 1346 in der Schlacht bei Crécy fiel. Zu seinen Gunsten war 1328 die Grafschaft A. zur Pairie erhoben worden; doch erst 1414 wurde das Pairieherzogtum für des Stammvaters Enkel Johann III. (geb. 1385) errichtet, der 1415 in der Schlacht bei Azincourt seinen Tod fand. Sein Sohn und Nachfolger Johann IV., geb. 1409, verlor 1417 das Herzogtum an den König von England. Er zeichnete sich in den Kriegen gegen die Engländer aus und erhielt nach — Vertreibung sein Herzogtum zurück. Zweimal wegen Verschwörungen zu Gunsten Englands gegen Karl VII. und Ludwig XI. zum Tode verurteilt, aber begnadigt, starb er 1476. Auch René, Johanns VI. Sohn, erregte den Argwohn Ludwigs XI., der ihn 1481 drei Monate lang zu Chinon in einen eisernen Käfig einsperren ließ. Erst nach Ludwigs XI. Tode erhielt er durch Karl VIII. Freiheit, Titel und Güter zurück und starb 1. Nov. 1492. Renés Sohn, Herzog Karl IV., geb. 1489 zu A., war mit Margarete von Valois, der Schwester des Königs Franz J., vermählt. In der Schlacht bei Pavia führte er den linken Flügel. Statt den König im entscheidenden Augenblicke zu unterstützen, floh er mit seinen Truppen, sodaß man ihm das Unglück des Tages und die Gefangennahme Königs Franz I. zur Last legte. Er starb 11. April 1525 zu Lyon, und mit ihm erlosch das alte Haus A. Seine Gemahlin Margarete blieb indes im Besitze des Herzogtums, das erst nach ihrem Tode 1549 mit der Krone vereinigt ward. Von 1559—66 war Katharina von Medici Herzogin von A. Dann gab Karl IX. dasselbe 1570 seinem jüngern Bruder, dem Herzog Franz von Anjou, nach dessen Tode 1584 es wiederum mit der Krone vereinigt wurde. Heinrich IV. überließ das Herzogtum 1605 als Pfand an den Herzog von Württemberg, der es 1608 seinem . vererbte, von welchem es 1612 Maria von Medici für die Krone wieder zurückkaufte. Seitdem wurde der Titel mehrfach an Prinzen des königl. Hauses verliehen. Jetzt führt der zweite Sohn des Herzogs von Nemours, Ferdinand Philipp (geb. 12. Juli 1844), den Titel Herzog von A.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 371Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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