FeedAngouleême
GeschichteBrockhaus 1882

Angouleême (Louis Antoine de Bourbon, Herzog von), ältester Sohn des Grafen Artois, spätern Königs Karl X., und der Marie Therese von Savoyen, geb. zu Versailles 6. Aug. 1775, wanderte 1789 mit seinem Vater aus und beschäftigte sich in Turin vorzüglich mit artilleristischen Studien. Nachdem er im Aug. 1792 in Deutschland an die Spitze eines Emigrantenkorps getreten war, veranlaßten ihn bald die ungünstigen Erfolge, sich mit seinem Vater zu Edinburgh niederzulassen. Darauf ging er nach Blankenburg im Braunschweigischen, dann nach Mitau, wo er sich 10. Juni 1799 mit der Tochter Ludwigs XVI. vermählte, später nach Warschau, 1805 nach Rußland, endlich nach England. Als 1814 die Verbündeten Frankreich betraten, erschien A. 2. Febr. im brit.⸗span. Hauptquartier zu St.⸗Jean de Luz und erließ von hier eine Proklamation an die franz. Armee. Unter dem Schutze der Engländer hielt er 12. März seinen +1. in Bordeaux, wo er im Namen des Königs Abschaffung der Konskription und aller drückenden Abgaben und völlige Religionsfreiheit versprach. Nach dem Einzuge in Paris ward er General der Kürassiere und Dragoner und Admiral von Frankreich. Im März 1815 von Ludwig XVIII. zum Generallieutenant des Königreichs ernannt, errichtete er in Toulon ein eigenes Gouvernement und zog dann gegen den rückkehrenden Kaiser. Zwar erkämpfte er einige geringe Vorteile bei Montelimart und Loriol, ward aber 6. April bei St.⸗Jacques zurückgedrängt, bei Pont St.⸗Esprit 9. April gefangen genommen und nach Barcelona gebracht, von wo es ihm aber gelang, nach Frankreich zu entkommen. Später ward A. von Ludwig XVIII. in die südl. Provinzen gesandt, um dort die Ein phie und polit. Bewegungen zu bewältigen. Ein phlegmatischer und wenig begabter, übrigens harmloser Charakter, nahm A. an der Politik wenig teil, und soweit er es that, war er ein Werkzeug der Ultraroyalisten und Ultramontanen. An die Spitze der franz. Armee 1823 gestellt, leitete er den —7 in Spanien, um dort die konstitutionelle Partei niederzuwerfen, und erntete nach der siegreichen Rückkehr den Titel eines Fürsten von Trocadero. Infolge der Julirevolution Houlileture n er zugleich mit seinem Vater zu Rambouillet die Abdankungsakte vom 2. Aug. 1830 zu Relchrz seines Neffen, des Herzogs von Bordeaux (Grafen von Chambord). Nachdem die Kammern Karl X. und seine Familie des Throns für verlustig erklärt, folgte A. seinem Vater nach Holyrood, 1832 nach Prag und 1836 nach Görz. GHier starb A. 3. Juni 1844. Seine Gemahlin, Marie Therese Charlotte, Herzogin von A., die Tochter Ludwigs XVI., geb. 19. Dez. 1778 zu Versailles, zeigte schon früh einen scharfen Verstund und kräftigen illen. Nachdem die Revolution ihr lange Gefangenschaft gebracht, wurde sie 25. Dez. 1795 ge-Lan die Deputierten Camus, Quinette, Bancal, amarque, den Kriegsminister Beurnonville, welche Dumouriez den Ssterreichern überliefert hatte, und gegen Sémonville und Maret zu Aim ausgewechselt, worauf sie bis zu ihrer Vermählung (1799) in Wien lebte. Sodann folgte sie ihrem Gemahl zuerst nach Rußland und, nachdem Kaiser Paul den Bourbonen den Aufenthalt in seinem Lande untersagt hatte, nach England und hielt dann 4. Mai 1814 mit Ludwig XVIII. den Einzug in Paris. Bei der Rückkehr Napoleons befand sie sich mit ihrem Gemahl in Bordeaux, schiffte sich dann nach England ein und ging hierauf nach Gent. Bei Ausbruch der Julirevolution war sie in den südöstl. Departements. Verkleidet 1 sie über Dijon nach St.⸗Cloud zurück, folgte Karl X. nach England und ging später nach Wien, 1832 nach Prag und 1836 nach Görz. Die letzten Lebensjahre brachte sie mit ihrem Neffen, dem Grafen von Chambord, auf ihrer Herrschaft Frohsdorf bei Wiener-Neustadt zu, wo sie 19. Okt. 1851 starb.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 654Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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