FeedBöckh (Aug.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Böckh (Aug.), einer der ausgezeichnetsten und einflußreichsten Altertumsforscher der neuern Zeit, geb. 24. Nov. 1785 zu Karlsruhe, wo sein Vater Kanzleibeamter und kaiserl. Notar war, besuchte das dortige Gymnasium und (00 1803 die Universität Halle, wo ih 0 A. Wolfs Einfluß von dem Studium der Theologie abwendete und der Philologie zuführte. Ostern 1806 ging er nach Berlin, wo er als Mitglied des Seminars für ge-Eme Schulen eintrat. Infolge der Kriegsunruhen kehrte er in die Heimat zurück und privatisierte im Sommer 1807 zu Heidelberg, wo er dann im Herbst eine außerord. und 1809 eine ord. Professur erhielt. Seine Schriften über Plato (ECommentatio in Platonis qui vulgo fertur Minoemo, Halle 1806; „Simonis Socratiei dialogi quatuoro, Heidelb. 1810), die kritische Untersuchung über die drei großen griech. Tragödiendichter (Heidelb. 1808) und eine Abhandlung «Uber die Versmaße des Pindaros „ (Berl. 1809) hatten ihm bereits einen so bedeutenden litterarischen Ruf verschafft, daß er als Professor der Beredsamkeit und der alten Litteratur an die Universität Berlin berufen wurde. Hier wirkte B. seit Ostern 1811 mit großem Erfolge sowohl durch seine Vorlesungen wie durch die Leitung des philologischen Seminars und seit 1820 des Seminars für + Schulen. Durch seine Auffassung der Philologie als eines organisch gegliederten kenAlite als einer geistigen Reproduktion des gesamten Altertums hat B. 6.5 unter seinen Fachgenossen eine Zeit lang an G. Hermann und der leipziger Philologenschule Gegner gefunden, aber do un einer tiefern zn fement des Altertums den Anstoß gegeben. In seinen Vorlesungen, die sich nicht bloß auf die gründliche grammatischhistor. Interpretation fast aller bedeutendern Denkmäler, namentlich der griech. Litteratur, sondern auch auf Altertümer, Geschichte der alten Philosophie, Litteraturgeschichte, Metrik und Encyklopädie der Altertumswissenschaft erstreckten, hat er eine große Anzahl von Schülern gebildet, die als Lehrer an Universitäten und Gymnasien seiner Vbllo sungs⸗ und Behandlungsweise der klassischen Philologie Eingang verschafften. Seine Vorträge über »Encyklopädie und Methodologie der philolog. Wissenschafteny Hi Bratuscheck heraus (Lpz. 1877). Unter seinen Schriften ragen namentlich fünf hervor. Seine Ausgabe des Pindar (2Bde. in 4 Thln., 12— 1811—21) ist ausgezeichnet sowohl durch die tiefe Begründung seiner Ansichten über Metrik und Rhythmik als durch die Entwickelung der Kunst und der Kompositionsweise des Dichters. Vgl. B.s Abhandlung De metris Pindari libri III guibus Praecepta artis metricae et musices Graecorum docenturo, Lpz. 1811.) Schon vor Vollendung dieses Werks erschien Die Staatshaushaltung der Athener (2 Bde., Berl. 1817), ein Buch, das für die Betrachtung der nationalökonomischen und polit. Verhältnisse des Altertums bahnbrechend wurde. V die zweite, lange vorbereitete Ausgabe (2 Bde., Berl. 1851) sind teilweise die 8 Ochime der weitern Forschungen B.s auf diesem Gebiete hineingearbeitet, die er namentlich in zwei andern seiner Hauptwerke, «Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfuße und Maße des Altertumso (Berl. 1838) und „Urkunden über das Seewesen des attischen Staatss (Berl. 1840) dargelegt hatte. Neben diesen Arbeiten beschäftigte 110 seit 1815 ununterbrochen die Sammlung und Erk ärung der griech. Inschriften, deren Ergebnisse in dem „Corpus inscriptionum graecarumv (Bd. 1—4, Berl. 1824—62) niedergelegt sind, das er im Auftrage der Akademie der Wissenschaften herausgab, und das nach seinem Rücktritt von diesem Unternehmen erst von Franz, dann von Kirchhoff fort-Herrte wurde. Höchst beachtenswert sind auch B.s leinere Schriften. So die „Entwickelung der Lehren des Pythagoräers Philolaos » (Berl. 1819); die Forschungen, welche die griech. ragödie betreffen (wie z. B. die Ausgabe und 1 bersetzung der Antigones des Sophokles, Berl. 1843), die Untersuchungen über »Manetho und die Hundssterneriodes (Berl. 1845), „Untersuchungen über das osmische System des Platono (Berl. 1852), —— Geschichte der Mondcyklen der Hellenen“ 1855), „Epigraphisch⸗ chronol. Studien» (Opz. 1856), aliber die vierjährigen Sonnenkreise der Alten » (Berl. 1863). Viele Abhandlungen von ihm enthalten die »Denkschriften » der A ademie, der er seit 1824 als Mitglied Alenern sie bilden den 5. und 6. Band seiner «Kleinern Schriften o (herausg. von Ascherson, Bratuscheck und Eichholtz, Bde., Lpz. 1858—72, der letzte Band enthält B.s gesammelte Kritiken). Auch an der neuen Ausgabe der Werke Friedrichs d. Gr. hat B. als Direktor des dafür ernannten akademischen Auschusses Anteil gehabt. Seiner Obliegenheit als rofessor der Beredsamkeit, zweimal jahrlich eine Vorrede zum Lektionskatalog zu schreiben, verdankt man eine Reihe interessanter kleiner Aufsätze philol. nhalts (Bd. 4 der „Kleinern Schriften o), und einer Verpflichtung, die öffentlichen Reden im amen der Universität zu halten, viele durch Form und Inhalt gleich ausgezeichnete lat. und deutsche Reden (Bd. 1—3 der «Kleinern S riften o). B., welcher fünfmal das Rektorat der niversität bekleidet hatte, starb 3. Aug. 1867 zu Berlin.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 224Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6