Bodensee, von den Römern Lacus Brigantinus (Bregenzersee) oder Lacus Venetus et Acronius, seit dem 9. Jahrh. Lacus Podamicus und Mare Podamum, im spätern Mittelalter Bodam⸗ oder Bodmensee, später auch wohl Schwäbisches Meer oder Konstanzersee Lac de Constance) genannt, einer der für den Nordfuß der Alpen charakteristischen Eagehn vom Rhein und mehrern Zuflüssen desselben gebildet, liegt zwischen der schweiz. und der schwäb.⸗bayr. Hochebene auf der Grenze von Deutschland (Baden, Württemberg und Bayern), Osterreich Vorarlberg) und der Schweiz (Kantone St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen) und wird von 27 5“ östl. L. (von Ferro) und 47 35 nördl. Br. angen Nas Der B. hat die Gestalt eines von SHO. en NW. hakenförmig zugespitzten Keils und ist er größte deutsche, nächst dem Genfersee auch der größte schweiz. See. Der nordwestl. verengte Teil wird nach der bad. Stadt ++— auch der üÜberlingersee genannt. Gewöhnlich wird auch die kleinere, westlich von Konstanz gelegene Seebildung, der nach der bad. Stadt Radolfszell benannte Zellersee, unter dem Namen Untersee seel B. gerechnet, während letzterer selbst als Oberee bezeichnet wird. Beide Seebecken werden durch den 4 km langen, 2—500 m breiten Rheinlauf .½ Konstanz und Gottlieben verbunden. Der ist von Bregenz bis überlingen 64 Km, bis zum dus des Nhel des Zellersees 68 kKm, bis zum Ausuß des Rheins bei dem schaffhausischen Städtchen Stein 72 km lang; die größte Breite beträgt 14 kKm, der Umfang mit Einschluß des Zellersees 220 km, der Flächenraum 539 qkm, die Höhe über dem Meere 398 m. Der Zellersee liegt um 1 m niedriger als der B. und auch bei weitem nicht so tief wie dieser, dessen größte Tiefe in der Mitte zwischen Rorschach und —1½½9 276 mbeträgt. Das Wasser des Sees ist licht blaugrün und klar; zur Zeit der Schneeschmelze schwillt es oft plötlich um 12, selten um 3—4 m an; durch den Föhn (Südwind), aber auch durch den Nordwest⸗ und Ostwind wird es oft zu hohen Wellen aufgewühlt. Der Ebbe und Flut des Meeres und den Seycheso des Genfersees entspricht das unter dem Namen Ruhß bekannte plötzliche Steigen und Fallen des Wasserspiegels ohne sichtliche äußere Ursache. Eine eigentümliche Erscheinung ist auch das sog. 4Blühen» des Sees im Mai, wobei die Oberfläche namentlich des Untersees oft weithin von gelbem Blütenstaube aus den umliegenden Waldungen bedeckt ist. Das Klima der Seegegend ist im allgemeinen mild, im Spätherbst und Winter sehr nebelig. Der Untersee friert fast jeden Winter zu, der Obersee selten, in den letzten fünf Jahrhunderten neunmal: 1407, 1435, 1477, 1572, 1596, 1608, 1695 1830 und 1880. Der Fischreichtum nimmt allmählich ab; von den 26 Fischarten sind die wichtigsten die Lachsforellen, die Grundforellen oder Rheinlanken, Welse, Hechte, Barsche und (namentlich im Untersee) Blaufelchen, welche, wie Heringe gesalzen und geräuchert, unter dem Namen Gangfische in den Handel kommen. Von Conchylien sind 22 Arten, von Vögeln 66 Arten, worunter viele nordische Wasser⸗ und Sumpfvögel, beobachtet worden. Dem Botaniker bieten die Ufer eine größtenteils alpine und subalpine Flora. Geologisch gehört das Gebiet des B.s hauptsächlich dem Alluvium, Diluvium und der obern Süßwassermolasse an; nur bei Rorschach und Bregenz treten die marine Molasse und die Nagelfluh bis an den See heran. Unstreitig hatte der B. früher eine weit größere Ausdehnung nach Süden. Noch im 4. Jahrh. reichte er bis Rheineck; jetzt liegt zwischen den beiden, durch die Ablagerungen des Rheins und der Bregenzerach gebildet, ein 3—4 km breiter Streifen ½ zum Teil sumpfigen, am Ufersaume mit Röhricht bestandenen Aulenr Backen n das von zahlreichen Gräben, Kanälen, Bächen und alten Rheinläufen durchschnitten wird, und der Rhein mündet zwischen zwei lan-Eit schmalen Landzungen 4½ km unterhalb des tädtchens. Von den zahlreichen andern Flüssen, die dem See zufließen, münden die Argen, die Schussen, die Aach von Friedrichshafen und die Steinach in den Obersee, die Aach von Uhldingen und die Stockach in den Überlingersee und eine dritte Aach in den Zellersee. Schon außerhalb der eigentlichen Alpen gelegen, von Niederungen (an den Flußmündungen) und zahmem Hügel⸗ und Bergland umgeben, o0ne Steil- und Felsufer, hat der See weder die Großartigkeit des Königs⸗ oder des Walensees noch die Mannigfaltigkeit des Vierwaldstättersees oder die an keit der ital. Seen aufzuweisen. Wohl aber macht die gewaltige Waserssäche, namentlich vom östl. Ufer aus bei Abendbeleuchtung gesehen, mit ihrem verschwimmenden Horizont und ihren wechselnden, wundervollen Licht⸗ und Farbeneffekten einen überwältigenden Eindruck, der kaum hinter dem des Meeres zurücksteht und dem, mit Ausnahme des Genfersees, kaum ein DieU See etwas Ahnliches ur Seite stellen kann. Die Ufer sind anmutig, von bst⸗ und Weingärten, reichen Getreidefeldern, üppigen Wiesen und Waldungen umgürtet. Am südl. Horizont türmen sich die 2½½½½½ der Sentisruppe, des aun Ime und des Vorarlberg bis zur chneehöhe auf. Im O. zeigen sich die grünen Voralpen des Algäu, im NW. die Basaltkegel des He6 mit ihren Burgen und Ruinen. eundliche chlösser und Villen, Bauernhöfe und Fischerhütten, behäbige reinliche Dörfer, belebte Marktflecken, altertümliche Städte spiegeln sich im bunten Kranze in den Uferwellen. Beim Eingang in den liberlingersee liegt die liebliche Insel Mainau (s. d.), im Untersee die Reichenau (s. d.) und im SO. des Obersees auf drei Inseln Lindau (s. d.), das schwäb. Venedig. Außer dem bayr. Lindau sind die wichtigsten Orte des B.s Bregenz in Vorarlberg, Rorschach im Kanton St. Gallen, Arbon und Romanshorn im Thurgau, das bad. Konstan „liberlingen und Meersburg und in Württemberg Friedrichshafen und Langenargen. Handel und Schiffahrt 4⁷ trotz Beschränkung durch den nahen Rheinfall bei Laufen infolge der reichen Umkränzung blühender Ortschaften und der in neuester Zeit vermehrten Verkehrswege außerordentlich lebhaft. Seit Eröffnung der bayr. Eifenbahn (München-Lindau) und der württemb. (Stuttgart-Friedrichshafen) Bahn, der Vorarlberger Bahn Schasthaufen- A ludenz), der Linien Radolfszell-Schaffhausen, Radolfszell-Ulm, sowie der schweiz. Linien Winterthur-Konstanz-Romanshorn Zurich-Chur-Rorschach ist der B. die frequenteste Eingangspforte der Schweiz geworden und damit seine kommerzielle Bedeutung, der Reise⸗ und Warenverkehr ungemein gestiegen. Auf dem See selbst wurde die Dampfschiffahrt 1824 eröffnet. Im J. 1880 vermittelten 30 Dampfer (worunter 2 große Trajektschiffe) mit vielen Schleppern den regen Personen- und Waren⸗ (namentlich GetreideVertehr zwischen Lindau, Friedrichshafen, Meersburg, Üüberlingen, Ludwigshafen, Konstanz, Romanshorn, Rorschach und Bregenz. Außerdem beleben den Seespiegel viele Frachtschiffe und Segelkähne. Das Deutsche Reich hat (31. Dez. 1877) auf dem B. eine Flotte von 37 Segelschiffen und 22 Dampfern von zusammen 4758 t. Zu dem 1856 versenkten Telegraphentau Friedrichshafen-Romanshorn gesellte sich 1862 ein chwemt Lindau-Rorschach, das später wegen der Anschwemmungen des Rheins nach Fried-Schwab, Der B. nebst dem Rheinthalev (2. Aufl., Stuttg. 1839); Söltl, Der B. mit seinen Umgebungeny burcen 1828); Schnars, Der B. und seine Umgebungeno (2. Aufl., Stuttg. 1859); Rogg, „Das Becken des B. (in Petermanns «Mitteilungen„„Jahrg. 1863); Grünewald, «Wanderungen um den B.s (Korschach 1874); Grube, Vom B.n (Stuttg. 1875); Zingeler, Rund um den B.y (Würzb. 1879)m Honsell, «Der B. und die Tieferlegung seiner Hochwasserständer (Stuttg. 1879). BVodenstedt (Friedr. Martin von), namhafter deutscher Dichter und Schriftsteller, geb. 22. April 1819 zu Peine in Hannover mußte sich nach dem Willen seiner Eltern dem Kaufmannsstande widmen. Bald gab er jedoch diese Laufbahn auf und besuchte die Universitäten Göttingen, München und Berlin, um alte und neue Sprachen, Geschichte und Philosophie zu 7** * seinem 21. Jahre kam er als Erzieher in das Haus des Fürsten Galizin nach Moskau, wo er Gelegenheit fand, mit der vornehmen Welt zu verkehren, und seine Mußestunden zu histor. und sprachlichen Studien auf slaw. Gebiete benutzte. Damals entstanden Kaslow, Puschkin und Lermontowo (Lpz. 1843) und die „Poetische Ukrainer (Stuttg. 1845). Im Herbst 1843 ing B., aufgefordert von dem eben zum Stattalter der kaukas. Provinzen ernannten General von +U nach Tiflis, wo er die Leitung eines ädagogischen Instituts, später den lat. und franz. nterricht am Gymnasium übernahm. Doch gab er schon 1845 diese Stellung wieder auf, durch-Enaile nachdem er schon vorher mit Rosen einen usflug nach Armenien gemacht, einen großen Teil der kaukas. Länder und kehrte dann über das Schwarze Meer, die Krim, Türkei, Kleinasien und die Jonischen Inseln nach Deutschland zurück. Als Früchte dieser Wanderungen am Kaukasus und im Orient erschienen Die Völker des Kaukasusv (Frankf. 1848; 2. Aufl., 2 Bde., 1855) und Tausendundein Tag im Orientv (2 Bde., Berl. 1849 —50; 4. Aufl. 1865), zwei Werke, durch welche er seinen Ruf in weitern Kreisen begründete. Hierauf lebte B. seit 1846 ein Raor in München, wo er durch Friedr. List nationalökonomischen Studien ugeführt ward, verbrachte den Winter 1847 in Nialen und folgte im Mai 1848 einem Rufe als tedakteur des „Osterr. Lloydv nach Triest. Aus dieser Stellung schied er nach der Wiener Oktoberrevolution und wandte sich nun nach Berlin, wo er ;0Würd an polit. Blättern mitwirkte. Im J. 1849 wurde er als Vertreter der preuß.[Freihandelspartei nach Paris gesandt, und im Sommer 1850 suchte er auf dem Friedenskongreß zu Frankfurt im Interesse Schleswig-Holsteins 5 wirken. Nachdem er hierauf seit Ende 1850 als Redakteur der „Weserzeitungv in Bremen fungiert, verlebte er das J. 1852 teils bei seinem Schwiegervater, dem Obersten Osterwald, teils auf den Gütern des Frei-In von der Malsburg in der Nähe von Kassel. m Frühjahr 1853 zog er sich nach Friedrichroda in Thüringen zurück und nahm im folgenden Winter auf Wunsch des Herzogs Ernst von Coburg-Gotha seinen Wohnsitz zu Gotha, von wo er im Frühsommer 1854, einem Rufe des Königs Maximilian von Bayern folgend, nach München übersiedelte. Als Professor an der dortigen Universität las er in der ersten Zeit über slaw. Sprachen und Litteraturgeschi te, seit 1858 jedoch vorzugsweise über ältere engl. Litteratur. Im Herbst 1866 folgte er einem Rufe des Herzogs von Meiningen, um die Leitung der dortigen Hofbühne zu übernehmen. In dieser Stellung, in der er das meininger Theater zu einer Musterbühne für ganz Deutschland umgestaltete, blieb er, 1867 geadelt, bis 1870, behielt jedoch noch seinen Wohnsiz in Meiningen. Ende 1873 siedelte er nach Schloß Dornau bei Altona über, um dort bei seinem Schwiegersohn schriftstellerischen Arbeiten u leben, ging 1875 nach Hannover, 1876 nach Ziesbaden. B. bereiste 1881 die Vereinigten Staaten und beschrieb diese Reise in cVom Atlantischen zum Stillen Oceanv (Opz. 1882). Unter seiner Leitung erscheint die «Tägliche Rundschau» in Berlin. Den Glanzpunkt unter B.s eigenen poetischen Schöpfungen bilden die Lieder des Mirza-Schaffyr Berl. 1851; 50. (Jubel⸗) Aufl. 1875; 100. A. 1881), die in fast alle europ. Sprachen übersetzt wurden. Diese Lieder galten lange 3nd für Übertragungen morgenländ. Originale, sind aber mit —. wenigen Ausnahmen von B. selbst gedichtet. Als Ergebnisse seiner slaw. Studien erschienen Lermontows „Poetischer Nachlaß (2 Bde., Verl. 1852), Puschkins +. Werkey (3 Bde., Berl. 1854 55) und Turgenjews «Erzählungen» (2 Bde., Münch. 1864—65) in vorzüglichen deutschen übertragungen, während als Frucht seiner umfassenden Beschäftigung mit der ältern engl. Litteratur das treffliche Wert „Shakspeares Zeitgenossen und ihre Wertes (3 Bde., Berl. 1858—60) owie die 4˙ Nachbildung der »Sonetten Shakspeares (4. Aufl., Berl. 1873) zur Veröffentlichung gelangten. Eine Reihe von Vorlesun en vereinigte B. unter dem Titel „Aus Ost und West» (Berl. 1861). Beiträge Ien Kenntnis des russ. Staats⸗ und Voltslebens in einer histor. Entwickelung bieten die von ihm herausgegebenen „Russ. Fragmentev 5 Bde., Lpz. 1862). Außerdem veröffentlichte B. „Gedichte v (3. Aufl., Berl. 1859), in welchen ein reflektierendes, doch ethisch gehaltvolles Element hervortritt, das Epos „Ada, die Lesghierin v (Berl. 1853), „Epische Dichtungen» (Berl. 1862) und die Dramen »„Demetriuso (Berl. 1856), „König Autharis Brautfahrt » (Berl. 1860) und „Alexander in Korinthy (Hannov. 1876), Theater» (Kaiser Paulv, Wandlungen»,„Berl. 1876); ferner Kleinere Erzählungen⸗ „Kleine Geschichten aus fernem Lander (Berl. 1872). Diesen schließen 1 an: «Ausgewählte Dichtungeno (Berl. 1864), Einkehr und Umschau. Neueste Dichtungen» (1.—3. Aufl., Jena 1876) und Album deutscher Kunst und Dichtungo (Berl. 1867; 5. Aufl. 1881), Kunst und Leben. Ein neuer Almanach für das deutsche Haus» (Stuttg. 1877 — 78, fortgesetzt von J. Kürschner), Verschollenes und Neues. Ein Dichterbuch aus Deutschland und Osterreich» (1. —3. Aufl., Hannov. 1877—78); endlich die in Gemeinschaft mit Gildemeister, Herwegh, P. Heyse, Kurz, Wilbrandt, Delius u. a. von ihm herausgegebene neue Übersetzung von Shakspeares „Dramatischen Werkeno (9 Bde., Lpz. 1868—73; 4. Aufl. 1880). Aus seiner Beschäftigung mit Shakspeare gingen ferner hervor: „Shakspeares Tagebuch »(2 Bde., Berl. 1866—67), «Shakspeares Frauencharakterer (Berl. 1874). Eine Sammlung von Erzählungen erschien unter dem Titel: „Erzählungen und Romane » (7 Bde., Jena 1874—78), späterhin Gräfin Helenas (Stuttg. 1880). Ferner veröffentlichte er: „Aus dem Nachlaß des Mirza-Schaffys (Berl. 1874, 8. Aufl. 1878; Prachtausg., Berl. 1877), Die neuen Nibelungen oder der Ganger v0 Siegfriedo — 1 1881), „Der Sänger von Schiras. Daftsisch ero (Berl. 1881), „Die Lieder und 8 e Lied pruche des Omar Chajjäm verdeutscht v (1. u. 2. Aufl., Bresl. 1881), Aus Morgenland und Abendland. Neue Ueltecoe und Sprüche» (Lpz. 1882); B.3 &Gesammelte chrifteno (12 Bde., Berl. 1865—69) umfassen nur einen Teil seiner Werke.