FeedCarnarvon oder Caernarvon
ErdkundeBrockhaus 1882

Carnarvon oder Caernarvon, die nordwestlichste Grafschaft des engl. Fürstentums Wales, durch den Menaikanal (s. 90 von der Insel Anglesey (s. d.) getrennt, umfaßt 1495,2 gkm und zählt (1881) 119195 E. Sie grenzt im O. an Denbigh, im S. an Merioneth, auf den andern Seiten an die Irische See und sendet gegen SW. die Halbinsel Lleyn aus, welche im Kap Braich-y-Pwll endet und im NW. von der Carnarvonbai, im SO. von der Cardiganbai bespült wird. Eine hohe Gebirgskette, deren Gipfel durch tief eingeschnittene, von kleinen Seen (Llyns) erfüllte Klüfte getrennt werden, durchzieht die ganze Grafschaft ihrer Länge nach von NO. gegen SW. und macht sie zu der gebirgigsten in Wales. Den Mittelpunkt bildet der 1094 m hohe Snowdon, der höchste Berg in Wales und England, welcher, so unwegsam er auch ist, i. vielfach bestiegen wird. Nächst ihm ist der höchste der Carnedd⸗ oder Caern-David, 980 m hoch. Durch die vielen Bergspitzen und Seen erhält C. den Charakter einer romantischen Alpenlandschaft, der sich auch auf die vorwiegende Beschäftigung der Bewohner, Viehzucht und Milchwirtschaft, erstreckt. Den Hauptreichtum Cis bilden indes die Schieferbrüche, namentlich die von Penrhyn, deren jährlicher Ertrag auf 119000 Pfd. St. veranschlagt wird. (S. Bangor.) Auch werden Blei, Silber, Schwefelerze, Kupfer und Zink gewonnen, und an den Küsten wird bedeutender Fisch⸗ und Austernfang getrieben. Der größte Fluß ist der Conway an der Ostgrenze, welcher ein fruchtbares Thal durchströmt. Der Ackerbau, meist auf Hafer beschränkt, ist sehr zurück. Das Manufakturwesen ist ganz unbedeutend. Die Grafschaft schickt ein Mitglied zum Parlament, die Hauptstadt nebst Conway (s. d.) ein zweites. Die Hauptstadt Carnarvon, Municipal- und Hafenstadt sowie Parlamentsborough, liegt an der Mündung des Seiont in den Menaikanal und an der Cambrianbahn, 11 km südwestlich von der großen Britanniabrücke. Sie hat enge, sich rechtwinkelig schneidende Straßen und ist von einer festen Mauer mit runden Türmen umgeben, durch welche sie vom Hafen mit seinem Quai und Hafendamm getrennt ist. Die besonders gut erhaltene Burg Eduards I., das Carnarvon-Castle, ist eins der imposantesten alten Bauwerke in England. Außer den Resten alter Befestigungen sind in der Stadt bemerkenswert das Rathaus, das Grafschaftsgebäude, die Markthalle und neun Kirchen. Sie hat ein Schullehrerseminar, eine Handelsinstitution, ein Museum mit Altertums⸗ und naturhistor. Sammlungen. C. zählt (1881) 10237 E., die sich mit Eisen⸗ und Messinggießerei, Echdl bau, Fischfang und Segeltuchfabrikation beschäftigen. Auch ist der Handel nicht unbedeutend, der besonders nach Bristol, Liverpool und Dublin getrieben wird und hauptsächlich Schiefer zur Ausfuhr bringt. — Die Geschichte des Ortes reicht bis in die Zeiten der Römer, welche hier die wichtigste Station in Cambria hatten, und von denen mancherlei Altertümer übrig sind. Das alte Segontium lag jedoch 2 Km im Osten vom jüngern C., das von Eduard I. und II. 1284 - 1320 mit Lauf noch um Teil bestehenden Festungswerken erbaut ward. 0 der Burg, Caer Seiont genannt, zeigt man im öchsten Turme, dem Adlerturme, noch das Zimmer, in welchem der hiernach benannte erste Prinz von Wales, Eduard II., 1284 geboren wurde. Die Waliser plünderten 1294 die Stadt, die auch durch die Eroberung 1644 im Howard M. viel litt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 6Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6