Castlereagh (Henry Robert Stewart, Viscount), seit 1821 Marquis von Londonderry, engl. Staatsmann, aus einer angesehenen, zur Zat Jakobs I. aus Schottland nach Irland übergesiedelten Familie, wurde 18. Juni 1769 auf dem Familiensitze Mount-Stewart in der irischen Grafschaft Down geboren. Nachdem er seine Studien zu Cambridge beendet und einige Reisen auf dem Kontinent unternommen hatte, ließ er sich 1793 von der Grafschaft Down in das irische Parlament wählen. C. machte zuerst dem Ministerium Opposition, schloß sich aber bald der Politik Pitts an. Als sein naher Verwandter Lord Camden Vizekönig von Irland wurde, erhielt C. 1797 das Amt eines ersten Sekretärs der irischen Verwaltung. In Irland hatten die Katholiken und Demokraten gegen die Orangisten eine geheime Union gestiftet, und als der franz. General Humbert im Aug. 1798 an den irischen Küsten gelandet, kam es auf beiden Seiten zu Scenen des wildesten polit.⸗relig. Fanatismus. C. verfolgte mit blutiger Rache die kath. Iren, bemächtigte sich der Häupter der Verschwörung, indem er ihnen Amnestie versprach, und erpreßte Geständnisse durch die Folter. Nach der Vereinigung Irlands mit England 1800, die er aus allen Kräften betrieb, trat er in das vereinigte brit. Parlament und suchte sich durch außerordentliche Geschäftsthätigkeit Pitt unentbehrlich zu machen. Als Pitt das Ministerium an Addington abtrat, behielt C. seine Amter, und als ersterer die Zügel der Regierung 1804 wieder ergriff, wurde er Minister des Kriegs und der Kolonien. Nach Pitts Tode dankte er 1806 unter dem Ministerium Fox und Grenville ab, hielt sich im Parlament zur Opposition und griff mit besonderer Lebhaftigkeit die Verwaltung des Kriegsministers Dernahm. an. Als bald darauf Fox starb, übernahm C. 1807 unter der Verwaltung des Herzogs von Portland und Percevals das Kriegsministerium und veranstaltete den verunglückten Zug nach Walcheren. Canning, der damals Minister des Auswärtigen war, griff seinen Kollegen C. deshalb so heftig an, daß zwischen ihnen 21. Sept. 1809 ein Pistolenduell stattfand, nach welchem beide ihre Amter niederlegten. Indessen erhielt C. nach Percevals Ermordung und nach dem Rücktritte des Marquis Wellesley 1812 selbst das Portefeuille des Auswärtigen und leitete, wenn auch nicht mit dem Namen, doch mit dem Einflusse eines Premierministers fortan die brit. Politik. Die Richtung dieser Politik war eigentlich von den Verhältnissen vorgeschrieben, aber C. hat das Verdienst, daß er sie mit der dem brit. Nationalcharakter eigentümlichen Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit geltend machte. Er betrieb offen und insgeheim in Spanien, Italien, Deutschland, Schweden und Rußland die Abwerfung des franz. Jochs und den Sturz Napoleons. Nach der Schlacht bei Leipzig erschien er auf dem Kontinent, unterhielt die Fortsetzung des Kriegs durch Auszahlung der Hilfsgelder, brachte besonders den Vertrag von Chaumont 1. März 1814 zu Stande, wohnte dem Kongreß von Chatillon bei und zögerte, den ersten Pariser Frieden zu unterzeichnen, weil Napoleon darin als Kaiser und Souverän von Elba anerkannt war. Da C. gewissermaßen die Seele der europ. Koalition gewesen, so wurde er von den Fürsten und Großen nach dem Sturze des gemeinsamen Feindes mit Ehrenbezeigungen überhäuft. In Wien, wo er Englands Politik vertrat, suchte er vergeblich eine Akte gegen den Negerhandel zu erlangen, und schloß sich dem Geheimbunde Frankreichs und Osterreichs gegen Rußland an. Die Rückkehr Napoleons von Elba zerriß diese Intriguen. Nachdem England unter C.s Leitung von neuem alle Kraft aufgeboten WWall um den Kaiser niederzuwerfen, war er neben Wellington persönlich bei dem Abschluß des zweiten Pariser Friedens thätig und lenkte fortan das Reich im Sinne eines immer schroffer werdenden Toryismus. liberall sah C. Feinde und Verschwörungen, und als er eben im Begriffe war, zum Kongreß nach Verona abzureisen, erlag sein abgespannter Geist dem Wahnsinn. Er wurde beaufsichtigt, öffnete sich aber in einer unbewachten Stunde mit einem Messer 12. Aug. 1822 die Pulsader am Halse und starb in den Armen seines Arztes. Seine Corfrespondence, despatches and other papersv gab sein Bruder Ch. W. Vane, Marquis von Londonderry (Bd. 1—4, Lond. 1847; second series, rmißt, sind unter K aufzusuchen. Bd. 5—8, Land. 1851) heraus. Eine Rehabilitation seines Charakters versuchte Alison in «Lives 0of Lord C. and Sir Ch. Stewarty (3 Bde., Lond. 1862).