FeedColbert (Jean Baptiste)
GeschichteBrockhaus 1882

Colbert (Jean Baptiste), Ludwigs XIV. größter Minister, wurde als der Sohn eines reichen Kaufmanns 29. Aug. 1619 zu Reims geboren. Er erhielt eine tüchtige Bildung und erwarb sich auf einer Reise durch die Hauptstädte des Landes umfassende Kenntnisse im Fache der Industrie und des Handels. Vom Staatssekretär Le Tellier 1648 angestellt, entfaltete er so große Fähigkeiten im Verwaltungsfache, daß ihn sein C dem ersten Minister, Mazarin, empfahl. Dieser erkannte bald das große Talent C.s und fesselte ihn an seine Person, übertrug ihm die wichtigsten administrativen Geschäfte und erhob ihn 1654 vom Finanzintendanten zum Staatsrat und Sekretär der Königin. Als Mazarin, der seinen Schützling dringend empfahl, 1661 starb und Ludwig XIV. selbst die Zügel der Regierung ergriff, kam C. unter dem Titel eines Generalkontrolleurs der Finanzen an die Spitze der Verwaltung und eröffnete alsbald die Periode der großen Reformen. Zuvörderst errichtete er einen Finanzrat, um sich eine übersicht zu verschaffen, und eine Justizkammer, um die Pächter und treulosen Beamten zu überwachen. Er führte mißt, sind unter K aufzusuchen. eine gleichmäßigere Besteuerung und eine einfachere Erhebung der Steuern ein, beschränkte das Heer der Beamten und Pensionäre, herat zur Erleichterung des Schatzes die Renten herab, verminderte aber auch die Steuern selbst und erließ die Rückstände bis zum J. 1656. Für jede Ausgabe wurde ugleich ein bestimmter Fonds angewiesen und die omänen 30 die Krone zurückgenommen. Auf dieser Grundlage aldeinde nun C. seine schöpferische Thätigkeit und sein eigenes staatsökonomisches System. Durch Unterstützung aus Staatsmitteln belebte er in allen Provinzen die Industrie; überall entstanden Fabriken und Manufakturen, deren Existenz er durch + Schutzzölle 975 106 Zugleich wurde der Handel, als der Hebel es Gewerbfleißes, nach allen Seiten befördert. C. ließ das Straßenwesen verbessern und gleich1. uber das ganze Reich organisieren; er baute den Kanal von Languedoc und entwarf den Bau anderer. Auf seine Veranlassung wurden Mareille und Dünkirchen zu Freihäfen erhoben, Aus-Asgeiezerg und Assekuranzkammern gestiftet, Hanelsgesetze gegeben und 1664 für Ost⸗ und Westindien zum Teil aus Staatsmitteln zwei große Handelsgesellschaften errichtet. In demselben Jahre übernahm er das Direktorium des Handels und Fabrikwesens sowie der Staatsbauten. Das franz. eewesen und die Kolonialangelegenheiten lagen nicht minder danieder, und C. mußte mit anfangs geringen Mitteln und unter aldeer Schwierigkeiten auch dier eine neue Schöpfung beginnen. Die Kolonien in Canada, Martinique und auf San-Domingo wurden neu organisiert, zu Cayenne und Madagaskar neue Niederlassungen gegründet. In den Häfen fand er eine vernachlässigte, zum Teil verfaulte Flotte vor. Er kaufte deshalb zunächst im Auslande mehrere Kriegsschiffe, brachte es aber bald dahin, daß in Frankreich selbst die besten Fahrzeuge gebaut wurden. Der Hafen zu Rochefort wurde neu geschaffen, zu Brest, Toulon, Dünkirchen und Havre große Seearsenale errichtet. Schon 1662 war unter seiner Leitung die Flotte auf 60 Linienschiffe und 40 Fregatten gestiegen; 20 Jahre später besaß Frankreich 193 Kriegsfahrzeuge und war siegreich zu Wasser wie zu Lande, nachdem C. von 1669 an das Marineministerium selbst übernommen hatte. Unter ihm wurde ein vollständiger Marine-Codex, ein Handelsrecht, auch der sog. Code noir für die Kolonien abgefaßt und die bürgerliche und peinliche Gesetzgebung verbessert. „Mit gleichem Glücke und Eifer, wie er die materielle Blüte Frankreichs förderte, wußte er auf die Iu sein von Kunst und Wissenschaft einzuwirken n seinem Hause wurde 1663 die Akademie der In⸗ + gegründet, drei Jahre später die Akademie er Wissenschaften und 1671 die Bauakademie. Er vergrößerte die königl. Bibliothek, den botan. Garten, baute und dotierte die Sternwarte, begründete die Vermessungen des Landes und schickte Gelehrte, namentlich auch Naturforscher auf Reisen. Der Malerakademie gab er eine neue Einrichtung und wurde der Gründer der Schule zu Rom. Man kann in der That sagen, daß für Frankreich durch die Schöpfungen C.s eine neue Epoche begann, und daß die kontinentalen Monarchien seinem System bewundernd nachgeeifert haben. Unter seiner Verwaltung steigerten sich die Staatseinnahmen bis zu 116 Mill. Dennoch vernichteten die Kriege die Früchte seiner Arbeit, und er hatte das Schicksal, noch selbst die Unvereinbarkeit des polit. Systems Ludwigs mit seinem ökonomischen zu erleben. Als er 6. Sept. 1683 starb, war das Volk durch neue Steuern auf die Lebensmittel so erbittert, daß es den Leichenzug angriff, um an dem Toten, der im Leben allezeit hingebend dem Staatswohl gedient 1016 Rache zu nehmen. Auf Anordnung Napoeons III. unternahm Clement die Herausgabe der „Lettres, instructions et mémoires de C. (Bd. 1 —7, Par. 1862—73). Vgl. Gourdault, «C., ministre de Louis XIVo (Tours 1870); Clement, (Histoire de C. et de son administrationo (2 Bde., Par. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 491Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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