FeedDehli oder Delhi
GeschichteBrockhaus 1882

Dehli oder Delhi, einst die Residenz der Großmogule genannten Kaiser von Indien, bis 1857 Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts der Lieutenant-Gouverneurschaft der nordwestl. Provinzen des Angloindischen Reichs, seitdem aber Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts und der gleichnamigen Division (14527 qkm, 1872 mit 1916 423 E.) der Lieutenant-Gouverneurschaft des Dichmmun liegt unweit des westl. Ufers der schamna (Jumna), hat gegenwärtig etwa 11 km im Umfang und zerfällt in die Hindu-und die Mohammedanerstadt. Der Stadtteil der Europäer mit dem Palast des brit. Residenten, einer christl. Kirche, dem Arsenal, den Magazinen und den Kasernen liegt abgesondert und durch einen Kanal von dem übrigen getrennt. Die Stadt wird auf den drei Landseiten von einer 10 m hohen Quadermauer umgeben, welche von den Engländern durch verschiedene Bastionen und Vorwerke verstärkt und von einem Wassergraben umgeben wurde. Sieben hochgewölbte Thore führen durch die Mauer in die Stadt; vier andere nach dem Strome. Die über die Mauer emporragenden Minarets und Kuppeln der Moscheen, die Zinnen und Türme der Paläste, sowie die dazwischenliegenden Gruppen von Palmen und andern Bäumen verleihen der Stadt von der Ferne einen imposanten Anblick. Die Wohnhäuser sind jedoch unansehnlich, die Straßen eng und winkelig, mit Ausnahme der von Norden nach Süden führenden Hauptstraße Tschandri-Tschäk, die mit schönen Häusern besetzt und ungemein belebt ist. Das alte D., dessen Reste die nächste Umgebung der Stadt erfüllen, soll an 2 Mill. E. gehabt haben. Die Bevölkerung der neuen, von Schah Dschihän erbauten Stadt beträgt 176 360 E., darunter 81000 Hindu und 77 500 Moslems. Eine kleine Stadt für sich ist die frühere Hofburg des Padischah an der Wasserseite, eins der schönsten Denkmäler der moslem.⸗ind. Baukunst. Die Burg bildet ein längliches, mit bezinnten Quadermauern und Gräben umgebenes Viereck von 1855 m im Umfang, hat im Süden und Westen prächtige Thoreingänge und im Innern große Höfe mit herrlichen Hallen, geht aber, besonders seit 1857, dem Verfall entgegen. Gleiches gilt von der Moli- oder Privatmoschee des ehemaligen Mogulhofs, den mit unzähligen 5. Dasworversehenen Gärten, den Bädern u. s. w. Das vorzüglichste Bauwerk innerhalb der Stadt ist die Dschanma-Mioscher, die schönste in ganz Indien, von Schah Dschihän 1631 —37 auf einem 10 m hohen Felshügel durchgehends aus rotem Sandstein und weißem Marmor erbaut. Die ehemals großartigen und glänzenden Paläste der Vornehmen sind ebenfalls stark verfallen. Die Hindutempel haben keine architektonische Bedeutung. Unter der engl. Regierung wurde unter anderm ein Gerichtshoß und ein Palast für den Gouverneur in ital. Stil erbaut, auch die aus der Blütezeit D.s stammende Wasserleitung wiederhergestellt. Auf dem weiten Trümmergefilde des alten D. sind die bedeutendsten Baureste: der im Nordwesten der jetzigen Stadt 1632 erbaute Palast Schahlimar, jetzt ganz in Verfall; im Westen die 1724 errichtete Sternwarte; das großartige Grabgebäude des Großmogul Humayun: das Mausoleum Safdar-Dschangs; die berühmte Kutab-Minar, eine in schönsten Verhältnissen (1210 —36) aufgeführte Riesensäule von 66 m Höhe. (S. Tafel: Baustile VI, Fig. 4.) Handel und Industrie, einst blühend und großartig, waren mit der Stadt unter den letzten Großmoguln gänzlich in Verfall geraten, haben sich aber in neuerer Zeit wieder gehoben. Für das geistige Leben der moslem. Hindu bildet D. noch immer einen Mittelpunkt. Von einem Privatvereine gegründet wurde das D.⸗ College, eine hohe Schule mit vier Abteilungen für engl., arab., pers. und altind. Sprache. Auch besitzt D. viele Druckereien, welche sich mit der Vervielfältigung klassischer Werke der arabischen und persischen wie der Hindustani-Litteratur beschäftigen. Das alte D. soll von einem Radscha gleiches Namens gegründet sein; in dem Mahabharatay wird es, unter dem Namen Indraprastha, als Residenz der Pandus oder Sonnenkinder aufgeführt, deren Reich für das Hauptreich Indiens galt. Die Straßen waren, wie die Sage erzählt, mit Gold gepflastert und wurden mit den köstlichsten Essenzen benetzt, die Bazars waren voll Kostbarkeiten und der Palast der Pandus strahlte von Diamanten und andern Edelsteinen. Mit den Pandus und ihrer Herrlichkeit erloschen aber auch die Größe und der Glanz des alten D. Nach ihnen herrschten hier lange Zeit ind. Könige. * J. 1011 wurde D. vom Sultan Mahmud von Provit erstürmt und geplündert und das Land eine Provinz des Ghasnavidenreichs unter eigenen Radschas, die sich allmählich selbständig machten. Daher drang 1193 der ghuridische Sultan Mohammed abermals nach D. vor, besiegte nach hartnäckigem Kampfe den Fürsten von D., eroberte die Hauptstadt und setzte über sie einen ihm zinsbaren Radscha. Aber bald nachdem er Indien wieder verlassen, stürzte der cgten che Gouverneur Kattab-eddin-Aibek den eingesetzten Fürsten, machte D. zum Mittelpunkt eines noch mächtigern Reichs und wurde Gründer der ersten afghan. Dynastie, deren Herrscher alles Land vom Pendschab bis Bengalen sich unterwarfen und deren Hof der glänzendste und prächtigste in Asien wurde. Diese Dynastie ging mit Kei-Kobad 1288 unter und die zweite afghan. Dynastie, die Gildschi, kam in den Besitz des Reichs. Allah-eddin (1295—1316) verteidigte dasselbe siegreich gegen die wiederholten Angriffe der Mongolen. Bald nach seinem Tode gelangte die dritte afghan. Dynastie unter Toghlak auf den Thron von D., welcher aber oft 7. den meist mit Blutvergießen begleiteten Sturz der einzelnen Herrscher erschüttert wurde. Als endlich völlige Anarchie eintrat, zog Timur 1398 vor D., besiegte die Mohammedaner, eroberte die Stadt, plünderte sie und machte sich zum Herrn des Landes. Nach Timurs Tode entstanden neue Zerrüttungen und blutige Kriege um Stadt und Reich, bis 1450 die Patanen- oder Afghanendynastie Lody den Thron bestieg. Allein schon 1526 wurde dieselbe durch einen Nachkommen Timurs, Sultan Babur, nach der Schlacht bei Panipat gestürzt, worauf Babur als erster Großmogul den eroberten Thron bestieg. Babur wählte abwechselnd D. und Agra zu seinen Residenzen. In furchtbarer Weise wurde D. 1736 nach dem Siege Nadir-Schahs über den Großmogul geplündert und verwüstet; ebenso 1755 durch die Afghanen unter Abdallah und durch die Maharatten 1772. Hierdurch verlor D. seinen weltberühmten Reichtum und Glanz und sank in Ruinen. Als die Engländer 1803 den Maharattenführer Daulat Rao Scindia besiegt hatten, besetzten sie auch D., ließen dem völlig machtlos gewordenen Großmogul zwar noch einen Schein seiner frühern Größe und auch den Palast als Residenz, stellten ihn aber unter die Aufsicht eines brit. Residenten. Seit dieser Zeit war D. engl. Besitztum. Doch trug es außer einer schwachen engl. Garnison, den Magazinen und dem Arsenal keine Zeichen brit. Herrschaft und galt noch immer als die eigentliche Hauptstadt der mohammed. Indier, die hier viele Erinnerungen an einstige Macht und Größe, hierin zugleich aber eine anhaltende Veranlassung zur Erbitterung gegen die Briten fanden. D. war der Hauptsitz des moslem. Fanatismus. Nachdem am 10. Mai 1857 in der 45 km nordöstlich von D. gelegenen Garnisonsstadt Mirat die meuterischen Sipahis ihr Werk der Ermordung, Plünderung und Brandstiftung gegen die Christen und Europäer begonnen, vereinigten sie sich am folgenden Tage zu gleichem Zweck mit den Sipahis von D., welches von europ. Truppen entblößt war und nun der Brennpunkt des Aufstandes wurde. Im Besitz der Waffenmagazine und des Artillerieparks, riefen die Meuterer den 90jährigen Padischah Bahadur zum König von Indien aus. Die herbeigeeilten Briten, kaum 6000 Mann stark, mußten sich gegen die ihnen zehnmal überlegenen Sipahis monatelang darauf beschränken, D. eingeschlossen zu halten. Sie erlitten zwar durch Cholera und Fieber sowie durch wütende Ausfälle der Aufständischen bedeutende Verluste, hielten aber doch ihre Stellungen vor der Stadt fest. Erst nach der Ankunft schweren Belagerungsgeschützes und dem Zu—⸗ zuge des Generals Nicholson mit dem Hilfskorps aus dem Pendschab (20. Aug.) zählte die Belagerungsarme 13—14000 Mann, darunter kaum 5000 Curopäer. Am 29. Aug. begann General Wilson die Offensive und nach heftigem Bombardement 14. Sept. die Bestürmung. Jedes Thor, jede Straße, jedes Gebäude mußte in mörderischem Kampfe erobert werden. Erst 20. Sept., nach dem war O w. letzten Sipahis und der Flucht des Hofs, war D. wieder vollständig der brit. Herrschaft unterworfen. Den entflohenen Padischah Bahadur nahm man unweit von D. gefangen und ein Kriegsgericht verurteilte ihn zur Kettenstrafe und Verbannung nach Rangun, wo er bald nachher starb. Seine zwei Söhne Mirsa Moghul und Chisr⸗-Sultan und sein Enkel Abubekr wurden aus ihrem Versteck, dem Grabgebäude ihres Ahnherrn Humayun, herbeigeholt und als Urheber der Rebellion und der Greuelscenen in D. von dem engl. Obersten Hodgson eigenhändig niedergeschossen. Zwei andere Prinen, Mirsa Bachtawar und Mirsa Mendhu, wurden später kriegsgerichtlich erschossen, im ganzen 24 Glieder der Baburidenfamilie hingerichtet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 950Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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